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Antisemitische Schmähfiguren: entfernen oder damit mahnen? | BR24

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Auch am Regensburger Dom gibt es eine judenfeindliche Skulptur aus dem Mittelalter. Die sogenannte "Judensau" stammt aus dem 14. Jahrhundert.

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    Antisemitische Schmähfiguren: entfernen oder damit mahnen?

    In Bayern sind etwa 30 sogenannte "Judensäue" bekannt. Die Schmähfiguren behalten oder entfernen – das war die Frage, die sich ein Runder Tisch auf Anregung des bayerischen Antisemitismus-Beauftragten Spaenle stellte. Das Ergebnis ist eindeutig.

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    Von
    • Astrid Uhr
    • BR24 Redaktion

    Eigentlich hätte die Konferenz schon im März stattfinden sollen, doch wegen der Corona-Krise wurde sie verschoben: Am Dienstag hat in München via Video-Konferenz ein Runder Tisch zum Umgang mit judenfeindlichen Schmäh-Plastiken stattgefunden - Zeugen des Judenhasses aus dem christlichen Mittelalter. In Bayern sind gut zwei Dutzend sogenannter "Judensäue" bekannt, etwa am Regensburger Dom oder an der Sebalduskirche in Nürnberg.

    An der sogenannten "Judensau"-Skulptur am Regensburger Dom läuft Ilse Danziger oft vorbei. Diese Skulptur zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Juden hängen - eine verächtlich machende, diskriminierende Darstellung. Trotzdem möchte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg die Figur als Mahnmal stehenlassen:

    "Überall, in der Stadt, wenn man geht, wird man an Geschichte erinnert, und da gehört das eben dazu. Für mich ist es einfach nur wichtig, dass jetzt eine Tafel, die gut lesbar ist, am Dom angebracht wird, speziell jetzt für die Schmähplastik in Regensburg." Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg

    Ihr Wunsch: Die "Judensau"-Skulptur aus dem 14. Jahrhundert muss zur Spott-Figur erklärt werden, mit einer geschichtlichen Einordnung. Denn Regensburg hatte einst ein großes jüdisches Viertel, das 1519 zerstört wurde. Im Mittelalter demütigten die Christen die Juden mit dieser Tier-Metapher: Das Schwein gilt im Judentum als unrein. Später haben die Nationalsozialisten das Motiv wieder aufgegriffen, als Schimpfwort.

    Einvernehmlicher Schluss

    Der Runde Tisch in München hatte also einigen Diskussionsstoff. Mit Ludwig Spaenle, dem bayerischen Antisemitismus-Beauftragten, diskutierten Kirchen-Vertreter, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sowie auch Wissenschaftler und Denkmalpfleger. Und sie kamen zu einem sehr einvernehmlichen Schluss, wie Spaenle betonte. Die jüdischen Darstellungen sollen nicht aus dem baulichen Kontext entfernt werden, da seien sich alle Beteiligten einig gewesen.

    "Zum einen, weil es aus dem jeweiligen Kontext gerissen, die Erläuterung schwermacht, die klassische, christlich geprägte Judenfeindlichkeit in besonders übler Ausprägung, zum Zweiten aber auch eine mahnende Funktion nicht erfüllen könnte." Ludwig Spaenle, bayerischer Antisemitismus-Beauftragter

    Zuvor hatte auch Prälat Lorenz Wolf, Leiter des Katholischen Büros Bayern, für die Erhaltung der historischen Substanz trotz allen Unbehagens votiert:

    "Man kann sehr schnell etwas entfernen, dann ist es weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dann hat es auch die Aufgabe, Mahnmal zu sein, nicht mehr. Also es ist nicht nur Denkmal, Denkmal heißt nachdenken, Mahnmal heißt Mahnung, dass es nicht mehr passiert. " Prälat Lorenz Wolf

    Auch negative Beispiele wie jüdische Schmäh-Plastiken könnten letztlich eine positive Wirkung entfalten, erklärt Lorenz Wolf. Vorausgesetzt, man ordne sie auf angemessene Art und Weise ein. Die in den Skulpturen zum Ausdruck gebrachte Haltung sei für ihn absolut unerträglich und es schmerze, dass so etwas in der Geschichte überhaupt möglich war. "Und vor allem schmerzt es mich, dass es solche Haltungen heute immer noch gibt", sagt Lorenz Wolf.

    Einordnende Texte

    Immer wieder hatten in den letzten Monaten Theologen und Historiker auf Stein-Skulpturen mit antisemitischer Botschaft hingewiesen. Auch im Bamberger Dom sorgen zwei Figuren für Aufregung: Die Frauen-Figur "Synagoge" mit verbundenen Augen ist blind und schwach und soll für das Judentum stehen. Daneben die stolze, starke "Ecclesia", die die Kirche symbolisieren soll. Ein Abbild des Überlegenheitsgefühls der christlichen Kirche gegenüber dem Judentum im Mittelalter.

    Nun sollen Fachvertreter aus Religion und Wissenschaft einordnende Begleittexte schreiben, die dann gut sichtbar neben allen bekannten Schmäh-Darstellungen angebracht werden, bayernweit. Darüber hinaus sollen vertiefende Informationen digital angeboten werden, die zum Beispiel über einen QR-Code abrufbar sind. Auch Stadt-und Kirchenführungen sollen die Schmäh-Skulpturen nicht tabuisieren, sondern auf sie eingehen.

    Missbrauch der Vergangenheit

    Auch für Ilse Danziger ist das die die richtige Entscheidung. Dass Mahnmale nötig seien, zeige ihr der aktuelle Missbrauch der Vergangenheit: Etwa bei den Querdenker-Demonstrationen, so Danzinger:

    "Es werden Vergleiche gebracht, mit Sophie Scholl, mit allem, was damals vor der Juden-Verfolgung begonnen hat. Da findet man heute wieder Parallelen, das geht einfach nicht. Wenn, dann muss man Geschichte richtig aufklären und erklären." Ilse Danziger

    Aufklären über die jüdische Geschichte soll am Regensburger Dom schon bald eine neue, gut sichtbare Info-Tafel. Sobald sich Landesregierung, Stadt-Bauamt, die Diözese und Ilse Danziger von der Jüdischen Gemeinde auf den entsprechenden Text geeinigt haben.

    Sicherheitskonzept für den Dom

    Neue Hinweistafeln, um den Dom künftig besser vor übergriffen zu schützen, gibt es bereits. Das erklärte die Regierung der Oberpfalz in einer Mitteilung. Sie sind am Südportal aufgestellt. Die Stelen sind Teil eines Sicherheitskonzepts, das Vertreter der Regierung, der Stadt, der Kirche und der Polizei erarbeiteten. Hintergrund seien der Brand der Kathedrale in Nantes, der Absturz eines unberechtigten Kletterers am Domgerüst im Sommer 2020, aber auch mehrere Fälle von Vandalismus.

    Auf Deutsch und Englisch werden die Besucher mittels der Tafeln auf ein angemessenes Verhalten im Bereich des Doms hingewiesen. So ist es untersagt, die Kathedrale und deren Stufen nachts zwischen 22 und 6 Uhr zu betreten. Daneben ist laute Musik aus Boxen und Alkohol ganztägig verboten - genauso wie das Wegwerfen von Müll und das Urinieren am Dom.

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