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"Anti-Abschiebe-Industrie" zum Unwort des Jahres 2018 gewählt | BR24

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Das Unwort des Jahres wird unter Hunderten Vorschlägen ausgewählt. Aus der aufgeheizten Debatte des vergangenen Jahres waren viele Ausdrücke zur Flüchtlingspolitik eingereicht worden. Die Jury hat sich für eine bezeichnende Wendung entschieden.

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"Anti-Abschiebe-Industrie" zum Unwort des Jahres 2018 gewählt

Das Unwort des Jahres wird unter Hunderten Vorschlägen ausgewählt. Aus der aufgeheizten Debatte des vergangenen Jahres waren viele Ausdrücke zur Flüchtlingspolitik eingereicht worden. Die Jury hat sich für eine bezeichnende Wendung entschieden.

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Viele hatten auf "Asyltourismus" gesetzt, jenes Unwort, das Markus Söder am 14. Juni 2018 in einem Tweet und daraufhin in mehreren Interviews verwendet hatte, bevor er nach massiver Kritik daran am 12. Juli 2018 ankündigte, seinen Gebrauch künftig zu unterlassen. Er war nicht der erste, der es in den Mund nahm: Die Schweizerische Volkspartei hatte es bereits in den 1990er Jahren benutzt, und schon 1978 sprach ein Bundestagsabgeordneter der SPD von "Asyltouristen“.

Die Unterstellungen eines Begriffs

Die Darmstädter Unwort-Jury hat sich für einen anderen Begriff entschieden, der auf den CSU-Politiker Alexander Dobrindt zurückgeht und der der Diskussion über Flüchtlinge einen vergleichbar polemischen Zungenschlag verlieh. Von einer "aggressiven Anti-Abschiebe-Industrie" sprach Dobrindt am 6. Mai 2018 im Interview mit der "Bild am Sonntag" und griff damit jene Rechtsbeistände an, die Asylbewerber in deutschen Asylverfahren vertreten. Daraufhin wurde der Begriff von vielen Seiten kritisiert. Die Linguistin Nina Janich, Sprecherin der sprachkritischen Aktion "Unwort des Jahres", erklärte heute Vormittag dazu: "Der Ausdruck ‚Anti-Abschiebe-Industrie‘ unterstellt denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen."

Demagogisch-toxisches Vokabular, das die Debatte vergiftet

Wie so viele Schlagworte im Zusammenhang mit dem Thema Asyl zählt "Anti-Abschiebe-Industrie" zweifelsohne zu jenem demagogisch-toxischen Vokabular, das auf eine Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas zielt. Der Grünen-Politiker Robert Habeck schreibt dazu in seinem Buch "Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht": "Die Konsequenz all dieser sprachlichen Muster ist jedenfalls, dass der politische Diskurs zunehmend enthumanisiert wird. Menschen werden Dinge. Man schafft eine homogene Sprache ohne Individualität. Um eine Gesellschaft vorzubereiten, in der der Einzelne nichts wert ist und die Gemeinschaft alles. Eine totalisierende Sprache für eine totalitäre, unfreie, illiberale Gesellschaft und eine gelenkte Demokratie."

Ob man gleich von einer "gelenkten Demokratie" sprechen muss und es sinnvoll ist, sich damit seinerseits in unsachlicher Rede zu ergehen, darf man anzweifeln. Dass aber "Anti-Abschiebe-Industrie" den "gesellschaftlichen Diskurs" entmenschlicht, ist eine Tatsache, die man ohne Wenn und Aber verurteilen muss. Insofern hat die Unwort-Jury die richtige Wahl getroffen.

Aus der Begründung der Jury:

"Wir stimmen einem/einer der Einsendenden zu, dass es sich hierbei um ein Unwort handelt, weil 'mit diesem Begriff das geltende Gesetz verhöhnt wird, welches Grundlage unserer Wertegemeinschaft ist'. Als das Unwort 2018 gilt es uns, weil die Tatsache, dass ein solcher Ausdruck von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei prominent im Diskurs platziert wird, zeigt, wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie in bedenklicher Weise verändern."

Sprachsensibilität fördern

Als weitere "Unwörter" nennt die Jury "Menschenrechtsfundamentalismus" und "Ankerzentrum". Vorschläge zum "Unwort des Jahres" kann jede Bürgerin und jeder Bürger einreichen, die Schlussauswahl trifft dann eine Jury. Am häufigsten wurde in diesem Jahr "Asyltourismus" vorgeschlagen, ein Ausdruck, den der bayerische Ministerpräsident Markus Söder benutzt hatte. Auch der vom AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland verwendete Begriff "Vogelschiss" war wiederholt genannt worden. Insgesamt wurden 902 Vorschläge eingereicht.

Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" wurde 1991 vom Frankfurter Germanisten und Linguisten Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen. Sie möchte nach eigenen Angaben "auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern". Dazu rückt sie Ausdrücke und Wendungen in den Fokus, die gegen "sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen". Unter den gekürten Worten der zurückliegenden Jahre finden sich die "alternativen Fakten" ebenso wie "Gutmensch", "Lügenpresse", "Pleite-Griechen" und "Döner-Morde".

Das "Wort des Jahres", das von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürt wird, steht für 2018 ebenfalls fest: "Heißzeit". Mit der "lautlichen Analogie zu Eiszeit", so die Jury in ihrer Begründung, erhalte der Ausdruck "Heißzeit" über "die bloße Bedeutung 'Zeitraum, in dem es heiß ist' hinaus eine epochale Dimension" und verweise "möglicherweise auf eine sich ändernde Klimaperiode".

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