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Annie Ernaux: "Die Scham ist die letzte Wahrheit" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / Ger Harley / EdinburghElitemedia

"Die Scham" von Annie Ernaux kreist um ein Erlebnis, das sie aus dem Paradies der Kindheit vertrieb – und die Enge der Konvention spüren ließ.

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Annie Ernaux: "Die Scham ist die letzte Wahrheit"

Die Französin Annie Ernaux ist eine Ikone literarischer Selbsterkundung, berühmt für ihre autobiografische Prosa. Ihr Buch "Die Scham" kreist um ein Erlebnis, das sie aus dem Paradies der Kindheit vertrieb – und die Enge der Konvention spüren ließ.

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Annie Ernaux fackelt nicht lange, ohne Umschweife, zielstrebig, ja fast lakonisch beginnt ihr Text mit nichts weniger als dem Sündenfall: "An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen". Es ist das Jahr 1952. Annie Ernaux ist zwölf Jahre alt, die Eltern geraten in Streit, der Vater entwickelt eine solche Wut, dass er die Mutter in der Kammer zwischen Küche, Laden und der Kneipe, die die Eltern im französischen Städtchen Yvetot betreiben, mit dem Beil bedroht.

Ein schambesetztes Leben

Die Szene endet in Tränen und Geschrei, dann auf einer Radtour ohne weiteren Kommentar. Für Annie Ernaux aber ist sie die Vertreibung aus dem Paradies. Nicht aufgrund des Naschens von den süßen Früchten vom Baum der Erkenntnis. Um letztere ringt die Autorin erst Jahre später, jetzt nämlich, in ihrem Text. Und doch ist diese Szene der Moment, von dem an das Leben der Annie Ernaux schambesetzt sein wird.

Damals öffnet sich der mehr gefühlte als reflektierte Abgrund zwischen Selbstwahrnehmung und sozialem Milieu. An ihm klebt die unübersehbare Diskrepanz zwischen dem Schweigen der Tochter von damals und dem literarischen Bekenntnis der Schreibenden jetzt. "Da ist aber nur das Gefühl der Scham, das die Bilder außerhalb jeder Bedeutung fixiert hat. Nichts kann ungeschehen machen, dass ich diese Schwere, diese Erfahrung der Nichtung empfunden habe. Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt", heißt es im Buch.

Schreibend tastet sich Ernaux an ein Lebensgefühl heran

Doch anders als das zwölfjährige Mädchen geht die Annie Ernaux 1995, also im Entstehungsjahr des Textes, ihrer Scham auf den Grund. Wie immer bei Ernaux ist auch "Die Scham" autobiografische Recherche und verbindet so unaufgeregt wie einnehmend Erinnerungsarbeit mit soziologischer Beschreibung und Poetologie der Autobiografie. Dem Ereignis vom Juni 1952, totales Tabu und doch so mächtiger Mythos ihrer Kindheit, versucht die Autorin Ausdruck zu geben, Kontext und Deutung. Nicht als psychoanalytische Therapie, deren Methodik und Sprache ihr zu abstrakt und zugleich banal erscheinen. Sondern eher als schreibendes Herantasten an ein Lebensgefühl.

Die Schriftstellerin macht Fotos, Postkarten und Objekte sowie Zeitungsartikel aus dem Jahr 1952 zu Vehikeln ihrer Selbst-Ethnografie. In klaren und doch atmosphärisch dichten Beschreibungen der Stadtteile von Yvetot mit ihren Übergängen, Durchgängen und vor allem Grenzen kartografiert die Autorin soziale Rangordnungen. In den plastischen Erinnerungen an die Privatschule sucht sie nach den Denk-, Sprach- und Glaubensmustern ihrer Kindheit. Schließlich enthüllen die retrospektiven Schlaglichter auf eine Gruppenreise mit den Eltern nach Lourdes so nüchtern wie schonungslos das soziale Außenseitertum der Familie. Dabei wird die einfühlsame Erinnerung immer begleitet von dem einschränkenden Bewusstsein, dass die erwachsene Autorin das Mädchen von damals nur verfehlen kann.

© Suhrkamp/ Montage BR

Annie Ernaux: Die Scham

Verfehlung vorprogrammiert

"Mir ist es wichtig", schreibt Ernaux, "die Worte wiederzufinden, mit denen ich damals über mich selbst und die Welt nachdachte. Zu sagen, was für mich normal und was verboten war oder sogar undenkbar. Doch die Frau, die ich 1995 bin, kann sich nicht in das Mädchen von 52 hineinversetzen, das nur seine Kleinstadt kennt, seine Familie und seine Privatschule, das Mädchen, das nur einen begrenzten Wortschatz hat. Und vor sich die unermessliche Lebenszeit. Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst."

Worauf Ernaux dennoch stößt, ist zum einen die Welt einer Pubertierenden, so typisch wie die Welt einer Pubertierenden eben ist: mit verstohlenen Blicken auf die Körper der anderen, mit versuchten Freundschaften, Ausflügen in neue Welten. Aber zum anderen auch auf ein soziales Milieu voller religiöser Rigorosität, kraftraubender Konventionen, erdrückender Enge. "Das Leben ist in feste Abschnitte unterteilt, die Kommunion, die erste Armbanduhr, die erste Dauerwelle für die Mädchen, der erste Anzug für die Jungen / Zum ersten Mal seine Tage bekommen, Nylonstrümpfe tragen dürfen / Alt genug sein, um bei Familienessen Wein zu trinken, eine Zigarette zu rauchen und am Tisch sitzen zu bleiben, wenn anzügliche Geschichten erzählt werden / Es wird nicht nachgedacht, es wird getan, was getan werden muss."

Tagträume, gespeist durch Reklame

Annie Ernaux schildert ein Milieu der Armut, dem sie als Zwölfjährige so unhinterfragt zugehört, wie sie es intuitiv zu überwinden sucht: im Fleiß, im Ehrgeiz und in Tagträumen von einem idealen Tag, Träume, die sich an der Reklame aus Illustrierten entlang hangeln: Schokolade, Shampoo, Bildung.

Die Erfindung einer Zukunft, die Imagination eines von der Herkunft abgelösten Selbst ist in diesen kindlichen Vorstellungswelten gekoppelt an Konsumgüter und Geld, nur eine der Sackgassen, denen Annie Ernaux in "Die Scham" auf die Spur kommt. Und genau darin liegt eben doch ein Akt der Befreiung, den die Erinnernde als Mädchen beim Anblick der väterlichen Gewalt schwinden sah. Was nichts ändert an der Hilflosigkeit dieser Gewalt – und gegenüber dieser Gewalt. Denn bei aller Selbsttherapie, die im autobiografischen Schreiben angezeigt ist, das Geständnis von der Gewalt des Vaters ist auch Mahnung an die Wirkmacht sozialer Kränkung. In der Analyse dieser Wirkmacht für das Private und irgendwann auch Politische ist dieser Text universell und aktuell.

  • Hörspiel am Sonntag: Annie Ernaux: Die Jahre
  • Annie Ernaux, "Die Scham", aus dem Französischen von Sonja Finck, ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

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