BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

AnnenMayKantereit und ihr Lockdown-Album "12" | BR24

© Audio: BR / Foto: Martin Lamberty

AnnenMayKantereit und ihr Lockdown-Album "12"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

AnnenMayKantereit und ihr Lockdown-Album "12"

Eigentlich wollten die Kölner Selfmade-Straßenmusiker Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit im Frühjahr 2020 auf Europatour gehen. Dann kam der Lockdown. Kurzfristiger Alternativplan: AMK betreiben jetzt KMM –Kompensationsmusikmachen.

Per Mail sharen

Songs schreiben in Isolation? – Null problemo! Das kennen AnnenMayKantereit doch noch vom Vorgängeralbum "Schlagschatten" von 2018. Damals zogen sich die drei Kölner in die spanische Pampa zurück. Ein Haus. Ein Brunnen. Ein Esel. Mehr gab's nicht. Der Unterschied zur neuen Platte "12": Damals war die Quarantäne selbstgewählt.

Gegenwartsbewältigung am desinfizierten Schifferklavier

Jetzt, im Corona-Jahr 2020, passiert gerade eine Zeitenwende. Es ist nicht mehr 5 vor 12 – es ist 12 Uhr. Das Gefühl einer Zeitenwende, eine Unumkehrbarkeit, die im Albumtitel "12" mitschwingt. "Ich glaube, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen", raunt Henning May im Song "Gegenwartsbewältigung" und klimpert auf seinem desinfizierten Schifferklavier herum. Schließlich kippt seine Stimme in ein intim-sanftes Säuseln und seine Band-Kollegen stimmen als Corona Comedian Harmonists in ein sich wiederholendes "Ich hab keine Hoffnung zu verkaufen" ein.

Der Song ist der erste von insgesamt drei Entstehungsphasen von "12" zuzuordnen, sagt Henning May: "Wir haben die ersten Lieder aufgenommen, als wirklich alles sehr düster war. Dann kamen ein paar Lieder hinzu, als sich diese Flut an Nachrichten ein bisschen lichtete. Und dann kommt aber zum Schluss als dritter Teil auch irgendwie in diesem – ich nenne es mal ganz blöd 'Erkenntnisprozess' von uns – sowas Bittersüßes, dass man merkt: 'Okay, die Geschichte ist auf gar keinen Fall gegessen.'"

Musik schreiben unter Quarantäne-Bedingungen

A-Capella-Stücke wie "So wies war" oder Instrumentals wie "Aufgeregt" sind eher Fragmente, Skizzen als ganze Songs. Statt aufwendiger, ausgefeilter Produktion haben AnnenMayKantereit einige "einfach mal mit dem Handy aufgenommen" – Momente eingefangen und nichts mehr daran geändert. Auch als Symbol für das Spontan-Endgültige, ein Gefühl, das die Band von ihren Live-Auftritten schätzt – und vermisst.

Songs schreiben unter Quarantäne-Bedingungen, Beats hin und her schicken über Whatsapp-Gruppen und das morgendliche In-die-Dropbox-Kucken: Klar, das geht schon auch, aber es fühlt sich halt genauso unperfekt an wie die holprigen Strophenreime in "Spätsommerregen": "Ich treffe mich mit Freunden – in Chatverläufen." Man leidet. Man leidet auch mit AnnenMayKantereit, die in den vergangenen zehn Jahren noch nie so lange am Stück zu Hause waren. Weil ihre Konzertzukunft so ungewiss ist, betreiben sie jetzt schon Karriererückblick ("Vergangenheit"), pendeln zwischen kleinen simplen Love-Songs ("Ganz egal") über Wiedersehen mit Freunden, Partnern und Familie nach dem Lockdown und dem Corona-Gefühlschaos, das wie ein Bumerang ist, den man einfach nicht fangen kann.

Musik als Impfstoff

Nein, auf "12" gibt es keine Mitgrölstomper à la "Pocahontas", die auf die 12 gehen und auf Oktoberfesten mitgegrölt werden, die ohnehin nicht stattfinden. AnnenMayKantereits Album über Corona ist ein Stück weit auch wie Corona: Es kommt in Wellen, hat seine Höhepunkte – und es dauert zu lang. Aber: Die Band hat ihre Musik als Impfstoff und genügend Abwehrkräfte gegen Coronaleugner und Rechtspopulisten. Im Song "Die letzte Ballade" heißt es: "Lieder kann niemand verbrennen, und sie sind warm, wenn du frierst. / Und glaub' mir, ich werde singen, auch wenn es niemanden mehr interessiert. / Vielleicht schreib' ich irgendwann über den Weltuntergang / Der Titel 'Die letzte Ballade' hat, find' ich, 'nen sehr guten Klang."

© AnnenMayKantereit / Layout: BR

Das neue Album von AnnenMayKantereit: "12"

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang.