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Annegret Kramp-Karrenbauer beim Narrengericht in Stockach
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Annegret Kramp-Karrenbauer beim Narrengericht in Stockach

"Narrengericht" heißt die Veranstaltung in Stockach im Landkreis Konstanz, bei der Annegret Kramp-Karrenbauer am "Schmotzige Dunschtig", also am "schmutzigen Donnerstag", anderswo auch Weiberfastnacht genannt, aufgetreten ist. Das Ritual sieht vor, Amtsträger als "Beklagte" vorzuführen – und am Ende zu verurteilen.

Die "Emanze" Kramp-Karrenbauer spricht

Die Rede ist also streng genommen eine Verteidigungsrede. Annegret Kramp-Karrenbauer war als "taffe Emanze" aus dem Saarland und "Muttis Nachlassverwalterin" vorgeladen worden, dass sie irgendwie über Männer und Frauen reden würde, war also keine Überraschung. Und das tat sie dann auch. Der Männerschnupfen kam vor, die Behauptung, Männer seien intelligenter als Frauen wurde als Fake News entlarvt – untermauert durch einen schlechten Witz über Frauen, die nicht einparken können.

Und dann folgte jener Gag, für den Kramp-Karrenbauer später einen Shitstorm ernten sollte: "Guckt euch doch mal die Männer von heute an! Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette." Was genau soll das heißen? Wo liegt der Witz? Und wer ist der Gegenstand des Witzes? Sicher ist jedenfalls: Eine brave Attacke auf "die Männer" wird ziemlich holprig umgeleitet auf Intersexuelle.

Mitlachen für die Männer

Die kaum noch Latte Macchiato Trinkenden kritisierten AKK für diesen Spaß, ihre Verteidiger verwiesen auf den Ausnahmezustand Narrenzeit. Der erste Grundsatz der Karnevals-Kulturtheorie, der für eine solche Verteidigung herangezogen werden muss, lautet: In den Tollen Tagen herrschen eben andere Regeln darüber, was gesagt werden darf. Karneval ist Anarchie und Subversion. Wir hätten es also mit einer Art "uneigentlicher Rede" zu tun, die nicht wörtlich meint, was sie sagt, den Finger aber trotzdem in die Wunde legt.

Diese Feststellung hilft in diesem Fall jedoch kaum weiter. Denn was Annegret Kramp-Karrenbauer hier zum Besten gab, war gar keine uneigentliche Rede, sondern passt sehr gut zu einer höchst konservativen Politikerin, die mit der Homo-Ehe noch nie etwas anfangen konnte. Hier wurde keineswegs der schräge Blick auf die Dinge geprobt, sondern das aufgefahren, was man ohnehin immer so sieht. Entsprechend tat die Pointe denen, gegen die sie sich angeblich richten sollte – den Männern – nicht weh, sondern ließ sie herzlich mitlachen. Schenkelklopfend, tuschbegleitet. Die Dummen sind schließlich die mit den komischen undefinierbaren Toiletten.

Es ging in Kramp-Karrenbauers Rede auch gar nicht nur um Genderfragen, sondern um den ganzen üblichen Themenkatalog dieser Politik der melancholischen Defensive: Diesel, Fleischessen, überall wollen einem "Gesinnungsgrüne" mit ihren Vorschriften den Spaß am Leben verderben. Die Berliner Hipsterelite gegen das einfache Volk in der Provinz, dem man seine Sitten und Gebräuche und – großes Wort – seine Identität rauben will: Das war die Botschaft.

Elitenkritik von der Elite

Die ist allerdings nicht besonders originell. Und lässt sich in diesem Fall auch nicht mit dem zweiten Grundsatz der Karnevals-Logik erklären: dass hier für einige Tage die Mächtigen eben mal die Bosheiten des Volkes aushalten müssten. Denn das Vertrackte ist ja: Annegret Kramp-Karrenbauer ist selbst eine der Mächtigen, sie gehört selbst zur Berliner Elite. Als CDU-Vorsitzende, die einige Aussichten hat, die nächste Kanzlerin der Bundesrepublik zu werden, macht sie sich also lustig über Gruppen, die ohnehin diskriminiert werden. Und über die vermutlich genau dieselben Witze auch während der restlichen 359 Tage des Jahres an vielen Stammtischen im Lande gemacht werden.

Das ist weniger empörend als ermüdend, ebenso wie die notwendig nachfolgende Übung, die Dinge wieder auseinanderzufieseln. Es ist letztlich das unlustige und trübe Dilemma jeder populistischen Haltung, in das sich AKK am "Schmotzigen Dunschtig" in Stockach begeben hat: Als Teil der Elite eine paradoxe Elitenkritik zu betreiben, die einen zugleich gegen Kritik wieder immunisiert, weil man sich als Sprachrohr der Nicht-Elite gibt. Donald Trump kann das noch etwas besser als Annegret Kramp-Karrenbauer, aber sie übt schon.

Und was war nun die beste feministische Pointe der "taffen Emanze" Kramp-Karrenbauer? Vielleicht diese: Wenn die Heiligen Drei Könige Frauen gewesen wären, ja, dann wären sie pünktlich gekommen, hätten erstmal saubergemacht, das Essen gekocht und ordentliche Geschenke für das Kind mitgebracht. Auf die Männer jedenfalls kann man sich einfach nicht verlassen. Das ist karnevaleske Anarchie, wahrhaft umstürzlerisch genutzte Närinnenfreiheit, subtile Subversion des Bestehenden: Ach, wenn die Heiligen Drei Königinnen doch nur hätten saubermachen dürfen.

Transparenzhinweis: In einer ersten Version des Artikels hieß es, der Ort Stockach läge im Saarland. Tatsächlich befindet sich Stockach in Baden-Württemberg in der Nähe des Bodensees. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

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kulturWelt vom 04.03.2019 - 08:30 Uhr