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Warum "Liebe Kitty" das Buch ist, das Anne Frank gewollt hätte | BR24

© Bayern 2

Anne Frank hatte begonnen, ihr Tagebuch zu einem Buch umzuschreiben – erst jetzt erscheint dieses Fragment. Die Zeitzeugin Laureen Nussbaum hat sich lange dafür eingesetzt. Sie sagt, erst jetzt bekommen wir das Buch, das Anne publizieren wollte.

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Warum "Liebe Kitty" das Buch ist, das Anne Frank gewollt hätte

Anne Frank hatte begonnen, ihr Tagebuch zu einem Buch umzuschreiben – erst jetzt erscheint dieses Fragment. Die Zeitzeugin Laureen Nussbaum hat sich lange dafür eingesetzt. Sie sagt, erst jetzt bekommen wir das Buch, das Anne publizieren wollte.

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"Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem Titel 'Das Hinterhaus' herausbringen. Ob das gelingt, ist auch die Frage, aber mein Tagebuch kann dafür nützlich sein" – das schrieb Anne Frank am 11. Mai 1944 in ihr Tagebuch. Wenige Tage später beginnt sie mit dem Projekt und überarbeitet alles, was sie bisher aufgeschrieben hat, so dass es sich für eine Buchveröffentlichung eignet. Bis Anfang August 1944 – am 4. August werden die Bewohner des Verstecks in der Prinsengracht in Amsterdam entdeckt, abgeführt und deportiert, Anne stirbt 1945 im KZ Bergen-Belsen. Bisher hat das Buchfragment an sich wenig Interesse gefunden – jetzt erscheint es unter dem Titel "Liebe Kitty". Das Nachwort hat Laureen Nussbaum verfasst, geboren 1927 in Frankfurt, damals selbst im Exil in Amsterdam, später Literaturwissenschaftlerin in den USA. Sie hat Anne selbst kennengelernt – und sagt, dass erst diese Fassung Anne Frank wirklich gerecht wird.

Judith Heitkamp: Sie kannten Anne Frank persönlich. Wie haben Sie sie in Erinnerung?

Laureen Nussbaum: Sehr lebhaft und sehr klug, sehr quecksilbrig. Unsere Eltern kannten sich schon in Frankfurt und dann in der Emigration. Wir waren nicht eng befreundet, aber meine ältere Schwester und Annes Schwester Margot und ich sind zusammen in den Religionsunterricht gegangen. Anne habe ich erst kennengelernt, als wir im Winter 1941 ein deutsches Theaterstück eingeübt haben. Das Publikum waren die Eltern, Geschwister und Freunde.

Können Sie sich noch erinnern, was Sie gedacht haben, als die Familie Frank auf einmal verschwunden war?

Laureen Nussbaum: Das werde ich so oft gefragt … Wir haben uns gar nichts gedacht! Die Familie Frank war ja eine von Hunderten Familien, die verschwunden sind, warum sollten wir uns gerade bei den Franks etwas denken? Meine Schulkameradinnen verschwanden von einem Tag auf den anderen, Nachbarn verschwanden, meine älteste Schwester war im elften Schuljahr am Schluss die einzige Schülerin. Kinder verschwanden jeden Tag. Das war unser Alltag. Außerdem wurde geflüstert, dass die Franks vielleicht über die Grenze entkommen seien, das war nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich.

© picture alliance/ dpa Geisler Fotopress

Laureen Nussbaum, wie Anne Frank im Exil in Amsterdam, später Literaturwissenschaftlerin in den USA

Wird heute zu wenig gesehen, wie sehr Anne Frank sich gewünscht hat, Schriftstellerin zu werden?

Das hängt davon ab, wie gründlich man das Tagebuch liest. Da gibt es ja einige Hinweise, aber es war in der Form, in der wir alle es gelesen haben, zu unausgewogen, um als literarisches Dokument gelten zu können.

Was gab denn den Anstoß, dass sie beschlossen hat, aus ihrem Tagebuch ein richtiges Buch zu machen?

Das war eine Radiosendung über BBC Radio Oranje. Gerrit Bolkestein, als Minister verantwortlich für Erziehungswesen, hat 1944 aus dem Exil die Menschen in den Niederlanden dazu aufgerufen, ihre Tagebücher und Briefe aufzuheben und so die Basis für die Geschichtsschreibung über den Alltag unter der NS-Besatzung zu schaffen. Anne hat diese Idee wochenlang mit sich herumgetragen und hat sich schließlich Anfang Mai 1944 entschieden, ihr Tagebuch zu überarbeiten in einen Briefroman.

Anfang Mai 1944 – da war Anne Frank fast fünfzehn. Sie hat rückblickend das überarbeitet, was sie als 13-Jährige angefangen hatte. In welche Richtung? Was gefiel ihr nicht mehr?

Sie wollte ein Buch schreiben, eine Komposition. Ein Buch ist ja nicht einfach, was man aufschreibt, es hat ein Konzept. Sie schreibt eine Einleitung, geht sehr systematisch vor, beschreibt den Sonntag, an dem ihre Schwester Margot die Mitteilung bekam, sie müsse ins Arbeitslager, was zum Untertauchen der Familie Frank führte, und dann beschreibt sie das Hinterhaus so, dass sich die Leute eine Vorstellung machen können. Wo sie und wie sie gelebt haben. Sie hat sehr anschaulich ihr Leben und ihre Reifung vorgestellt.

Ordnet sie das Material vor allem neu an?

Sie hat auch alte Texte benutzt, aber sehr vieles weggelassen, was ihr kindisch oder unreif oder nicht gut vorkam, und ersetzt durch gut komponierte kurze Einträgen vom Aufwachsen unter sehr widrigen Umständen.

© Photo Collection Anne Frank House Amsterdam

Passfoto von Anne Frank

Hat sie auch andere Texte geschrieben?

Sie hat Erzählungen und Märchen geschrieben, erfundene Geschichten. Und sie hat einen Romanversuch, in dem das Leben ihres Vaters verarbeitet werden sollte, zur Seite geschoben und schreibt dann ganz klug, vielleicht gehöre doch etwas mehr Lebensphilosophie dazu, einen wirklichen Roman zu schreiben.

Es gibt zum Tagebuch eine relativ verwickelte Veröffentlichungsgeschichte. Anne Franks Vater Otto, der einzige Überlebende der Familie, hat eine Mischung aus den beiden Fassungen hergestellt, dem eigentlichen Tagebuch und dem Buchentwurf, und diese Mischung wurde dann sehr berühmt. Inzwischen gibt es kritische Ausgaben und eine Gesamtausgabe, man kann beide Fassungen abgleichen. Warum also sollte man das, was Anne Frank sich als Buch gewünscht hat, als eigenständiges Werk lesen?

Das tut man doch bei jedem Schriftsteller, dass man sich mit der letzten Fassung auseinandersetzt. Es gibt ja auch eine Vorfassung von Goethes "Faust" – wenn sich jemand hinstellt und die beiden mischt und das dann als den "Faust" ausgibt, das wäre doch etwas merkwürdig. Otto Frank hat etwas zusammengeschmolzen, was Anne nicht gerecht wird. Ich beschäftige mich schon seit mehr als 25 Jahren damit und habe mich sehr darüber empört und auch dafür eingesetzt, dass wir endlich das Buch zu lesen bekommen, das Anne publizieren wollte. Aus Respekt vor ihrer Arbeit und ihrer Integrität.

© Secession Verlag

Cover der Fragment gebliebenen Roman-Version von Anne Franks Tagebuch, "Liebe Kitty".

Anne Frank: "Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen", übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (208 Seiten) erscheint am 11. Mai 2019 im Secession Verlag.

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