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"Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen" – der Untertitel, den Andreas Malm für seine parteiisch-polemische Streitschrift gewählt hat. Darin überlegt er, ob und wie Gewalt ein legitimes Mittel im Kampf gegen die Erderwärmung sein kann.

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"Wie man eine Pipeline in die Luft jagt": Ein Buch will kämpfen

Die Erderwärmung muss gestoppt werden – und so zögerlich wie bisher kann's nicht weitergehen, sagt Andreas Malm. Aber wie dann? Mit Sabotage? Mit gezielter Gewalt? Fragen, die der schwedische Ökologe und Klima-Aktivist jetzt in einem Buch diskutiert.

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Von
  • Beate Meierfrankenfeld

Juli 2007, eine warme Nacht in Stockholm: Durch den wohlhabenden Stadtteil Östermalm läuft eine Gruppe junger Leute. Immer wieder halten sie inne, jemand bückt sich, dann geht es weiter. Am nächsten Morgen stehen 60 SUVs auf platten Reifen am Bordstein. Flugblätter an den Windschutzscheiben erklären, man habe die Luft abgelassen und die Benzinschlucker "entschärft".

"Sanfte" Sabotage nennt Andreas Malm diese Aktion in seinem neuen Buch. Er war in Östermalm dabei – heute, nachdem die Klimakrise sich weiter zugespitzt hat, stellt er Grundsatzfragen: "Wann eskalieren wir? Wann fangen wir an, die Dinge, die unseren Planeten ruinieren, physisch anzugreifen, mit unseren Körpern, sie mit unseren eigenen Händen zu zerstören?"

Für den Autor ist die Zeit des "Widerstands" jetzt gekommen

Malms Position ist klar: Der Aktivismus gegen den Klimawandel habe zu lange auf Protest, Massenmobilisierung oder allenfalls zivilen Ungehorsam gesetzt. Angesicht der dramatischen Lage sei es nun an der Zeit, zum Widerstand überzugehen und das "business as usual" der fossilen Weltwirtschaft zu stören. Auch durch Sabotage, die man nicht mehr sanft nennen würde – wie etwa gegen den Kohletagebau im Hambacher Forst oder gegen die Dakota Access Pipeline in den USA.

Gewalt ist eine Gretchenfrage sozialer Bewegungen, Malm diskutiert sie prinzipiell und taktisch. Moralischen Pazifismus, der Gewalt unter allen Umständen verbietet, weist er mit den bekannten Argumenten von Notwehr oder der Verhinderung größeren Unheils zurück. Strategischen Pazifismus, der gewaltlosen Bewegungen mehr Erfolg durch mehr sozialen Rückhalt zuspricht, überprüft Malm an historischen Beispielen von den Suffragetten über die US-Bürgerrechtsbewegung bis zum Widerstand gegen die Apartheid. Er kommt zu dem Ergebnis: Nicht nur Märsche und Boykotte haben diese Kämpfe zum Ziel geführt, sondern auch Militanz.

"Strategischer Pazifismus ist bereinigte Geschichte, ohne realistische Einschätzung dessen, was tatsächlich vorgefallen ist und was nicht, was funktioniert hat und was schiefgelaufen ist", heißt es im Buch. "Das Beharren darauf, militante Aktionen unter den Teppich der Zivilität zu kehren, ist ein Symptom des Niedergangs revolutionärer Politik."

© Cover: Verlag Matthes & Seitz / Montage: BR
Bildrechte: Cover: Verlag Matthes & Seitz / Montage: BR

Malms Buch: Wer nicht mal aus ethisch-moralischer Neugier über die Zerstörung fremden Eigentums nachdenken mag, sollte wohl nicht hineinschauen

Attacken auf Eigentum

Doch Malm ist kein Revolutionsromantiker, der davon träumen würde, den Klimakrieg auf die Straßen zu tragen. Es geht ihm um eine genaue und begründete Diskussion von Widerstandsformen. Was mit "Gewalt" gemeint ist, zeigt er an den britischen Suffragetten. Nachdem sie mit geduldigem Druck auf das Parlament dem Frauenwahlrecht nicht nähergekommen waren, lautete ab 1903 das Motto: "Taten statt Worte". Aktivistinnen zerschlugen Fensterscheiben und verübten Brandanschläge auf Briefkästen, Villen, Theater oder Aquädukte. Dabei waren sie stets sorgfältig darauf bedacht, keine Menschen zu verletzen.

Zerstörung von Eigentum war ihre Taktik, in der Andreas Malm ein Vorbild für die Klimabewegung sieht – umso mehr, als die bestehenden Besitzverhältnisse die Klimakrise wesentlich befeuern: "Aus welcher Perspektive man es auch betrachtet, aus der Sicht des Investments, der Produktion oder Konsumtion – es sind die Reichen, die diesen Notstand vorantreiben, und eine Klimabewegung, […] die sich weigert, zwischen Klassen und kollidierenden Interessen zu unterscheiden, wird sich letztlich ins eigene Fleisch schneiden."

Die Klimafrage? Für Malm vor allem eine Gerechtigkeitsfrage

Es ist die große Stärke von Malms Buch, dass es vehement dafür eintritt, die Klimafrage unter dem Aspekt der Gerechtigkeit zu betrachten. Womit wir auch wieder beim vordergründig so simplen, aber aufschlussreichen Beispiel der SUVs wären. Man könnte den nächtlichen Feldzug gegen die Reifenventile in Stockholm als Guerilla-Spiel von umweltbewegten Bürgerkindern abtun, die die Sache partout persönlich nehmen wollen. Doch Eigentumsfragen sind persönlich – und zugleich politisch. In diesem Fall auch als statistische Größe: Die Internationale Energieagentur führte in ihrem Jahresbericht 2019 den SUV-Boom als wichtigen Emissions-Treiber der zurückliegenden Jahre auf, mit ungebremst steigender Tendenz.

Warum diese Mobilität, die verabredete Klimaziele ohne jeden praktischen Nutzen untergräbt, also nicht einfach verbieten? Weil das ein Eingriff in individuelle Freiheit wäre, lautet die gängige Antwort. Und sie gilt nicht nur für Geländewagen ohne Gelände, sondern grundsätzlich. Dass genau das ein Problem ist, macht das Buch von Andreas Malm deutlich. Eine Streitschrift, parteiisch und polemisch, natürlich, aber sehr bedenkenswert. Die Argumente, die sie aufbietet, haben Gewicht. Nicht erst für die Rechtfertigung von Sabotage, sondern schon für eine Politik, die Konsum oder Mobilität mit strikten Vorschriften regeln würde. Klimafatalismus jedenfalls ist für Andreas Malm keine Option, sondern wieder ein Luxus, den man sich leisten können muss.

Andreas Malm, "Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen" ist in der Übersetzung von David Frühauf bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

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