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"Die Familie": Andreas Maier schreibt seine Roman-Reihe fort | BR24

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Schreiben über sich selbst: In Deutschland gehört Andreas Maier zu den Meistern dieses Fachs. Im siebten Teil seiner Erkundung der deutschen Provinz erzählt er von seiner Familie – und bekommt es mit den Verdrängungen der deutschen Geschichte zu tun.

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"Die Familie": Andreas Maier schreibt seine Roman-Reihe fort

Schreiben über sich selbst: In Deutschland gehört Andreas Maier zu den Meistern dieses Fachs. Im siebten Teil seiner Erkundung der deutschen Provinz erzählt er von seiner Familie – und bekommt es mit den Verdrängungen der deutschen Geschichte zu tun.

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Es gibt verschiedene Begriffe für das, was Karl Ove Knausgård und Tomas Espedal, Annie Ernaux oder Andreas Maier seit Jahr und Tag schreiben: Autofiktion, Autosoziobiografie, Ethnologie seiner oder ihrer selbst. Was diese so unterschiedlichen Autoren eint, ist die Tatsache, dass sie alle ihr erinnertes Leben in Literatur verwandeln und es Band für Band weiter und tiefer zu ergründen suchen. Als Meister darin erweist sich der 1967 geborene Andreas Maier auch in seinem neuen Roman "Die Familie". "Die Familie" ist der siebte Band seiner auf elf Bände angelegten autobiografischen Roman-Reihe "Ortsumgehung". Knut Cordsen hat mit Andreas Maier gesprochen.

Knut Cordsen: Welcher der genannten Begriffe ist Ihnen der nächste: Ist es "Autofiktion", "Erinnerungsprosa" oder sagen Sie dazu auch "Autosoziobiografie", so wie Annie Ernaux ihre Bücher nennt, die dem Umfang nach ja ähnlich schmal sind wie Ihre Romane?

Andreas Maier: Ich denke in den letzten Tagen oft darüber nach. Es ist eine Verwertung von autobiografischem Material, eine Uminterpretierung, eine Weglassung, eine Neu- und Hinzuerfindung zu dem, was man mein Leben oder das Leben der anderen, die ich kenne, nennen könnte. Im Grunde verhält sich das, was ich schreibe, zu meinem eigenen Leben und meiner eigenen Herkunft, meiner Familie wie das, was William Shakespeare in seinen Dramen macht, sich zu den konkreten historischen Gestalten verhält.

Die Familie, die Sie beschreiben, ist zunächst einmal eine klassisch altbundesrepublikanische Familie.

Ja, im Verlauf des Buches habe ich für mich zum ersten Mal gedacht: Das ist eine typische Nachkriegs-Familie.

In der Tat. Sie ist allerdings auch sehr vermögend. Die Mutter ist die Erbin einer großen Steinmetz-Firma, der CDU-wählende Vater Ihres literarischen Alter Egos ist der Sohn des hessischen Oberfinanzpräsidenten und Jurist. Die beiden haben drei Kinder, von denen der Erzähler, der Schriftsteller Andreas, das jüngste ist, der ältere Bruder haut früh nach Berlin ab, auch weil er mit dem Vater politisch über Kreuz liegt. Die schwierige Schwester setzt mit verschiedenen Männern Kinder in die Welt und lebt mal hier, mal dort, immer aber auf Kosten der Eltern. Diese Familie, so heißt es, steht bei aller Wohlhabenheit "wie unter einem Destruktionsgebot". Zerstört wird ja im Laufe dieses Buches vor allem jenes Bild, das der Erzähler von seiner Familie hatte, oder?

Naja, er erkennt, dass die Familienmitglieder sich im Grunde genommen gegenseitig ständig selbst zerstören durch Erbstreitigkeiten usw. Er merkt, dass sich das auch in jeder Generation wiederholt. In der Generation des Erzählers wiederholt sich das, was in der Vorgängergeneration in der Familie stattgefunden hat, nämlich dass immer der Kinderreichste das Vermögen auf seine Seite zieht. Aber tatsächlich wird auch der eigene Familien-Mythos, auf den ich und der Erzähler ja die ersten sechs Bände der "Ortsumgehung" aufgebaut haben, vollkommen kaputtgemacht am Ende des Buches, weil der Erzähler Dinge herauskriegt, die er im Leben nicht geahnt hätte. Das sind Dinge, die damit zu tun haben, seit wann sie eigentlich auf diesem großen Grundstück wohnen, um das es bei den Erbstreitigkeiten immer ging. Er dachte, die Familie würde seit Ende des 19. Jahrhunderts, vielleicht seit 1875 dort wohnen. Das aber bekommt eine jähe, überraschende Wendung in dem Buch.

Das hat mit der Nazi-Vergangenheit zu tun. Die wird kommunikativ beschwiegen. Es wird zwar viel geredet, aber nicht über das Eigentliche, über das, was zwischen 1933 und 1945 war. Insofern ist das ja auch eine typische deutsche Familie.

Ja, beim Schreiben des Buches ist mir auch klar geworden, dass da Aufklärung und Fernsehen viel dazu beigetragen haben, dass wir mehr wissen über diese Zeit. Aber das hat wiederum auch den Schweige-Prozess noch einmal befördert, weil man ja nicht mehr darüber reden musste. Im Grunde ist es so ähnlich, wie damals gewisse Eltern über die Aufklärungsseiten in der "Bravo" so glücklich waren, weil man ja selbst sein Kind nicht mehr sexuell aufklären musste.

© dpa

Autor Andreas Maier

In Ihrem Roman gibt es irgendwann den Punkt, an dem der Erzähler "vorsichtig" wird gegenüber dem, was an Geschichten in dieser Familie kursiert, weil er auf rätselhafte Leerstellen stößt, gerade was die Zeit des Nationalsozialismus betrifft. Ihm wird manches "verdächtig". Das wächst sich zu einer großen Erschütterung aus. Und diese Erschütterung kulminiert in dem Satz: "Ich schreibe die ganze Zeit Nachkriegsliteratur, ohne es zu merken. Entschuldigungsliteratur." Und kurz davor heißt es: "Weißt du, was das für das bedeutet, woran ich schreibe? Es bedeutet, dass es mich gar nicht gibt. Dieser Andreas existiert überhaupt nicht." Das heißt: "Ich ist ein anderer", weil auch seine Familie eine andere ist als bisher angenommen?

Naja, die Gesprächspartnerin in dem zitierten Dialog, die Buchhändlertochter, sagt ja an einer Stelle: "Die Programme funktionieren ganz schön lang." Das heißt, die Programme, die die Elterngeneration in dem Buch – beide sind Jahrgang 1935 – ererbt hat, gibt sie bewusst oder unbewusst an die nächstfolgende Generation weiter. Nur dass wir es halt dann schon gar nicht mehr begreifen können, dass wir Teil einer Verschwiegenheit sind, weil wir darüber gar nichts gelernt haben. Wir kommen gar nicht mal auf den Gedanken. Im Nachhinein, nachdem ich das Buch geschrieben habe und jetzt erste Reaktionen bekomme, bin ich nochmal mehr erstaunt als im Buch selbst darüber, wie naiv ich nicht nur an meine Familie, sondern auch an meinen ganzen Heimatort Friedberg in der Wetterau herangegangen bin.

Es kommen jetzt zum ersten Mal Menschen auf mich zu, die nur mit großer Enttäuschung und großem Schmerz an diese Stadt denken können, aus der ihre Eltern teils deportiert worden sind. Und sie erzählen mir dann, wie zum ganz normalen bürgerlich-gesellschaftlichen Leben überall die jüdische Bevölkerung dazugehört hat – bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Und bei uns zu Hause in Friedberg redet man zum Beispiel über die alte Firma Breitenfelder und deren Radiofachgeschäft, aber alles, was an jüdischer Erinnerung da sein könnte, ist getilgt. So bin ich ja selbst jahrzehntelang durch dieses Friedberg gelaufen, ohne da irgendeinen Verdacht zu schöpfen. Einen Verdacht dahingehend, dass sogar aus dem Reden der Gesellschaft, der Bevölkerung nach wie vor alles getilgt ist. Es war für mich völlig normal.

Im "Gerüchtekreislauf der Stadt", der Stadt Friedberg in der Wetterau, ist diese Familie sehr präsent mit all dem, was in ihr passiert. Kritiker bemühen bei Ihnen gern Thomas Bernhard und sein Wort vom "Herkunftskomplex". Gibt es da einen solchen?

Möglicherweise ja. Und der war möglicherweise zu stark ins Positive gewendet. In der Öffentlichkeit stehe ich ja als derjenige da, der sozusagen den Landkreis Wetterau in die Literatur hereingebracht hat, obwohl das vor mir schon Peter Kurzeck gemacht hat. Das konnte ich nur tun, weil sich aus der ganzen Landschaft und meinem Denken und Reden darüber ein gewisser melodiöser Bogen ergeben hat, der gut funktioniert hat und mit dem ich auch lange Zeit leben konnte. Dieser Bogen war affirmativ. Man darf ja nie affirmativ schreiben, man muss immer aus der Distanz heraus schreiben. Aber das grundlegende Substrat – die Wetterau als Atmosphäre –, das war immer etwas, was die Bücher getragen und mich und die Leute interessiert hat. Und das wird jetzt natürlich wirklich schwierig für mich, weil dieser Mythos, der mich ja in gewisser Weise auch zum Schreiben gebracht hat, erfordert, dass ich mit der ganzen Sache noch mal vollkommen anders umgehe. Und ich habe ja noch vier Bücher.

Sie nennen Ihren elfteiligen Romanzyklus "Ortsumgehung". Dieser Titel "Ortsumgehung" impliziert ja auch, dass man den Kern der Dinge wieder und wieder umfährt und umkreist und nur auf Umwegen zum Ziel kommt. Ist das auch damit gemeint?

Ja, durchaus. Wobei das Schöne ist, dass ich elf Mal neu ansetzen kann. Ich weigere mich immer so ein bisschen, das eine Reihe zu nennen. Es ist in der Tat eine Buchreihe, aber der Erzähler setzt Band für Band jedes Mal vollkommen neu an und schreibt jedes Mal ein völlig eigenständiges Buch mit einem ganz eigenen Gedanken-Rahmen über das gleiche Material. Die Bücher können sich gegenseitig ergänzen, aber jedes Buch ist immer ein in sich geschlossenes Buch. Insofern kann ich diese einzelne Monade sozusagen von elf Seiten betrachten oder durch sie hindurch elfmal auf die Welt schauen aus einer völlig anderen Perspektive.

Warum eigentlich müssen es am Ende unbedingt elf Bände werden?

Schnapsidee. Ich wollte nicht so viel machen wie Peter Kurzeck in seinem Roman-Projekt "Das alte Jahrhundert". Vielleicht habe ich ein bisschen an die "Heimat"-Filme von Edgar Reitz gedacht, ich weiß es nicht. Ich habe eines Abends mir diese einzelnen Titel aufgeschrieben, ohne groß darüber nachzudenken, und erst anschließend gemerkt, dass es elf sind. Es hätten auch dreizehn oder zehn sein können.

"Die Familie" von Andreas Maier ist bei Suhrkamp erschienen.

© Suhrkamp

"Die Familie" von Andreas Maier

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