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Das Stück "Amsterdam" zeigt den Echoraum der Geschichte | BR24

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Eine seit 1944 offene Gasrechnung wird an eine heutige Adresse in Amsterdam zugestellt. Das ist die Ausgangssituation in einem Theaterstück von Maya Arad Yasur. Gestern kam es als Deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Volkstheater heraus.

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Das Stück "Amsterdam" zeigt den Echoraum der Geschichte

Eine seit 1944 offene Gasrechnung wird an eine heutige Adresse in Amsterdam zugestellt. Das ist die Ausgangssituation in einem Theaterstück von Maya Arad Yasur. Gestern feierte es als Deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Volkstheater Premiere.

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Eine offene Rechnung, an die sich offene Fragen knüpfen. Die Situation verlangt natürlich nach Antworten. Und tatsächlich handelt Maya Arad Yasurs Stück, zumindest zum Teil, von einer historischen Spurensuche, an deren Ende ein paar – mögliche – Antworten stehen. Die Fährte führt zu einer Frau, die 1944, verraten vom eigenen Ehemann, ins KZ verschleppt wird. Sie überlebt und kehrt in ihre Amsterdamer Wohnung zurück. Alsbald bekommt sie von den Behörden eine Rechnung zugestellt über das Gas, das Nazis verbraucht haben, die während ihrer Inhaftierung die Wohnung in Besitz genommen hatten.

Eine zynische Gasrechnung

Keine Strom-, keine Wasser-, nein eine Gasrechnung – der Zynismus ist natürlich unübersehbar. Die Frau weigert sich zu zahlen, die Mahngebühren potenzieren sich. Längst wohnt eine andere Frau in der Wohnung, eine junge, jüdische Musikerin, die nun ihrerseits eines Morgens eine Gasrechnung erhält, über die horrende Summe von 1700 Euro. Von wem, ist nicht ganz klar, vermutlich vom Nachbarn, der ebenfalls in die Geschichte verstrickt ist. Die junge Frau beginnt zu recherchieren und findet heraus, wie sich die Dinge zugetragen haben könnten. Wie sie sich sogar sehr wahrscheinlich zugetragen haben. Nur: die letzte Gewissheit verweigert Maya Arad Yazurs Stück, das nicht aus klassischen Dialogen besteht. "Amsterdam" ist ein Konzert von Stimmen, die sich ergänzen, aber eben auch ins Wort fallen und widersprechen. Und: das alles dient nicht nur dem Versuch, einen Fall aus der Vergangenheit aufzurollen. Ebenso sehr geht es um den Widerhall der Geschichte in der Gegenwart; und um den Echoraum, den dieser Widerhall im Kopf findet, dem Kopf der jungen Jüdin, in dem die Stimmen samt den Gedanken, die sie formulieren, wilde Pirouetten drehen.

Amsterdam als Schicksalsort

Wie ihre Protagonistin hat Maya Arad Yasur als Künstlerin in Amsterdam gelebt. Das ist aber nicht der einzige Grund für den Titel des Stücks. Amsterdam ist der Inbegriff einer liberalen Großstadt, und zur NS-Zeit war hier der Widerstand besonders groß. Und dennoch: auch in Holland überwog die Zahl der Kollaborateure und Mitläufer die der Widerständler um ein Vielfaches. Was macht es mit einem Menschen, wenn ihn die düstere Geschichte selbst an einem so weltoffenen Ort wie Amsterdam auf Schritt und Tritt verfolgt? Wenn einen das Klackern der eigenen Stöckelschuhe auf dem Kopfsteinpflaster plötzlich an das Stampfen schwerere Stiefel erinnert? Wenn man sich an der Supermarktkasse von seinen Mitmenschen als irgendwie anders gemustert fühlt? Oder wenn einem bei der Trennung des Mülls am Container jäh das historisch belastete Wort „Selektion“ ins Hirn schießt?

Ein Hörspiel auf der Showbühne

Man kann sich dieses vorzüglich komponierte Stück beim Lesen gut als Hörspiel vorstellen. Auf der Bühne aber brauchen die Stimmen Körper und benötigt die Erzählung als einen Ort. Das ist die Herausforderung, mit der Sapir Heller aber umzugehen weiß. Die Regisseurin schickt Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind in grün schillernden Kostümen auf eine Art Showbühne, über der sich ein Stahlbogen voller Halogenlampen wölbt. Eine Livemusikerin steuert wohl dosierte Elektrosounds und Beats bei. Die drei Darsteller sind ständig in Bewegung. Sie werfen sich in Posen, verknäulen sich zu Körperskulpturen, debattieren untereinander, wenden sich kommentierend ans Publikum und wirbeln wie Tänzer auf ihren Absätzen um die eigne Achse. So verleihen sie den Gedanken im Kopf der Protagonistin, die ein unkontrollierbares Eigenleben führen, körperlichen Ausdruck.

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