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Alles Menschengemachte muss unvollkommen sein | BR24

© Aus Sammlung Wurzer, München Foto: Andreas Brücklmair

Das Textilmuseum Augsburg konfrontiert Quilts mit moderner Kunst

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Alles Menschengemachte muss unvollkommen sein

Wunderbare Farben und ein paar Formen, die sich immer wiederholen: Quilts, von der Gemeinde der Amischen vor 100 Jahren hergestellt, geben viele Rätsel auf. Das Textilmuseum in Augsburg konfrontiert ihre Kunst der Quilts mit der Moderne.

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Wie stellt man die 100 Jahre alten Tagesdecken einer religiösen Gemeinschaft aus, die mit unserer westlichen Gesellschaft nichts gemein zu haben scheint und ja auch nichts zu tun haben will? Denn die Amischen leben vormodern, ohne Strom und ohne Autos, bäuerlich und zurückgezogen bis abgeschottet.

Quilts und die Fragen des Menschseins

Museumsleiter Karl Borromäus Murr hat zwei grundlegende Entscheidungen getroffen: Er wählte die anthropologische Perspektive und stellt in 14 Stationen Fragen des Menschseins – als Gegensatzpaar: "Gemeinschaft und Individuum" heißt etwa eine Abteilung: Bei den Amischen etwa steht die Gemeinschaft über allem, die Quilts – oft Geschenke für Hochzeiten und Geburten – werden in wochen-, ja monatelanger Arbeit in Gemeinschaft hergestellt.

Eine andere Abteilung widmet sich der Frage nach "Ordnung und Chaos". Ordnung ist ein zentraler Leitbegriff in den Amisch-Gemeinden, sie leben nach einem Regelwerk voll religiös genährten Tugenden und Werten. Die Quilts spiegeln diese Ordnung mit ihren geometrisch reduzierten und farblich streng gegliederten Mustern. "Die Quilts spielen in den Amisch-Gemeinden eine zentrale Rolle. Sie sind die einzigen Gegenstände, die wirklich geschmückt sind, ansonsten sind Schmuck und Eitelkeit verboten, negativ belegt. Sie dürfen keinen Spiegel haben, die dürfen keine Bilder an die Wand hängen, die Frauen haben keinen Schmuck, die Puppen haben keine Gesichter, die Kleidung ist fast uniformiert", sagt Museumsleiter Karl Borromäus Murr.

© Sammlung Wurzer, München Foto: Andreas Brücklmair

Hayes Corner / Broken Dishes | ca.1930 Amish, Elkhart County, Indiana

© Sammlung Wurzer, München Foto: Andreas Brücklmair

Log Cabin / Straight Farrow (Sonderform eines Barn Raisings) | ca. 1950 Amish, Midwestern aus

© Sammlung Wurzer, München Foto: Andreas Brücklmair

Bars | ca. 1925 Amish, Lancaster County, Pennsylvenia

© Aus Sammlung Wurzer, München, Foto: Andreas Brücklmair

Lone Star / Star of Bethlehem | ca. 1900-1905 Amish, Holmes County, Ohio

© Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2020 Foto: Berhard Strauss

Dorothée Aschoff: graues Boot 2019

Was sonst verboten ist, geht bei den Quilts

Die Quilts sind in ihrer Farbenpracht und den mitunter hochkomplexen Mustern etwas ganz Besonderes. Mit Abstand betrachtet sieht man zunächst nur die klar strukturierten geometrischen Muster. Beim Näherkommen aber sieht man den Reichtum der feinen Nähte, mit denen die mehrlagigen Decken abgesteppt sind: Sie bilden Pflanzenblätter, Blumen, Körbe – und widersprechen dem Abbildungsverbot –aber eben nur im Verborgenen.

Museumsleiter Karl Borromäus Murr hat diese Quilts nun mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert. In der Abteilung "Innen und Außen" etwa sieht man einen Quilt vom Typus "Locked Cabin": voneinander abgeschlossene Quadrate, die in sich wiederum gemustert sind, wobei der Kern stets die gleiche Farbe hat. Das Innen und Außen - für eine Gemeinschaft wie die Amish, die sich freiwillig abschottet, natürlich von zentraler Bedeutung. Kontrastiert ist dieser Quilt mit einer Arbeit von Dorothée Aschoff: ein kleines Boot, archaisch in seiner Mandelform, fragil, ohne Boden und aus unklarem Material, verbranntes Papier vielleicht oder Baumrinde. In seiner Fragilität erinnert es an ein Flüchtlingsboot, was der Frage nach dem Drinnen und Draußen, nach Abschottung und Zugehörigkeit ganz neue Dimensionen verleiht.

Konfrontiert mit zeitgenössischer Kunst

Ob man die Muster der Quilts als Zeichen oder Symbole deuten kann, wird gerade durch die Konfrontation mit moderner Kunst zu einer zentralen Frage: Ist die Zickzacklinie ein Flusslauf? Eine Ackerfurche? "Immer wieder haben wir uns gefragt, stellen die Quilts etwas dar mit ihren Mustern, oder sind das einfach nur Musterungen, die nicht auf etwas außer ihnen Liegendes verweisen", sagt Karl Borromäus Murr. Wenn vielfach Sterne oder Quadrate dargestellt seien, sei man geneigt zu glauben, es habe vielleicht doch christliche Andeutungen, die auf das religiöse Weltbild der Amischen verweisen. Doch gleichzeitig wisse man von der Bilderfeindlichkeit der Amish, die dazu auffordere, erkenntnistheoretische Bescheidenheit walten zu lassen.

Immerhin eine Eigenart der Quilts lässt sich eindeutig klären: Es sind kleine Abweichungen vom Grundmuster, oft wechselt die Farbe minimal, als sei ein bestimmter Stoff ausgegangen oder später ein Flicken eingesetzt worden. Doch die vermeintlichen Fehler sind sogenannte "Demutszeichen": absichtlich eingearbeitete Störungen, die darauf verweisen, dass nur Gott perfekt ist und alles Menschengemachte unvollkommen sein muss.

Das Staatliche Textilmuseum Augsburg, TIM, zeigt ab 19. Mai die Schau: "Amish Quilts meet Modern Art“ .

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