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Politik der Diskriminierung: Amerika nach vier Jahren Trump | BR24

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Mirjam Zadoff über das soziale Klima in den USA nach vier Jahren Trump.

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Politik der Diskriminierung: Amerika nach vier Jahren Trump

Die Politik Donald Trumps hat Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung gefördert. Der Sammelband "Four Years After" blickt auf das veränderte Klima in den USA – Mitherausgeberin Mirjam Zadoff erklärt im Gespräch, was all das mit uns zu tun hat.

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Es ist durchaus ein Klima der Angst, das sich da zusammengebraut hat, nicht erst seit Corona, sondern in vier Jahren Präsidentschaft von Donald Trump: durch Einreise-Verbote für Muslime, Pläne zum Bau einer Grenz-Mauer zu Mexiko, Neonazi-Demos in Charlottesville, die Gewalt nach der Ermordung von George Floyd. Mirjam Zadoff ist Mitherausgeberin des Bandes "Four Years After" und Leiterin des NS-Dokuzentrums München. Joana Ortmann hat mit ihr über die USA, große Geschichtserzählungen und unseren eigenen Umgang mit der Vergangenheit gesprochen.

Joana Ortmann: Ein guter Startpunkt für die Diskussion ist die Black Lives Matter-Bewegung, neu formiert nach dem Tod von George Floyd. Was ist nun anders an dieser Bewegung? Konnte sie nur unter einer Figur wie Trump so wirksam werden?

Mirjam Zadoff: Das ist tatsächlich eine ganz wichtige Frage, weil natürlich die acht Jahre von Obamas Präsidentschaft zum einen gefühlt eine Besserung der Situation gebracht haben. Zum anderen aber eigentlich eine Verschlimmerung, die sich dann in der Person Trump realisierte und dort kulminierte. Denn letztlich – und das beschreibt Obama in seiner gerade erschienenen Autobiografie – nehmen diese Auseinandersetzungen zwischen Weißen und Minderheiten in diesen Jahren unglaublich zu. Er sagt, irgendwann hatte er das Gefühl, dass allein seine Anwesenheit im Weißen Haus schon polarisiert hat. Und mit Trump wird diese große Problematik zugespitzt, also der Rassismus, der im amerikanischen System begründet ist, und die wachsende Angst von Seiten der weißen Bevölkerung, von einer Mehrheit zu einer Minderheit zu werden, Privilegien zu verlieren.

Um diesem Problem auf die Spur zu kommen, blicken Sie im Buch "Four Years After" nicht nur vier oder zwölf, sondern 400 Jahre zurück in die amerikanische Geschichte. Welche Perspektive eröffnet das in Bezug auf das Hier und Jetzt?

Ich glaube, es zeigen sich sehr viele Verbindungslinien, die uns so nicht mehr bewusst sind. Es liegt in der Natur der Dinge, dass Staaten, Nationen, Völker, bestimmte Geschichtserzählungen pflegen und andere eben nicht. Und diese Prozesse werden in den USA jetzt angestoßen. Es gab vor kurzem dieses sehr spannende Projekt der New York Times: "The 1619 Project", ein Teamprojekt, benannt nach dem Jahr, in dem die ersten Sklaven in den USA ankamen, mit dem Ziel, diese Geschichte neu zu erzählen. Und an diesem Prozess beteiligen wir uns hier, und der Ausgangspunkt war eben die Wahl Donald Trumps. Es kam 2016 zu einer Zuspitzung rassistischer Übergriffe, aber auch zugleich zu einer sehr viel stärkeren Wahrnehmung – nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt und gerade auch in Deutschland –, welche Probleme es in den USA gibt, und da gehören Rassismus und auch Antisemitismus dazu.

Das ist der zweite große Bogen, den Sie machen. Da gehört Mut dazu, den Vergleich zwischen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung zuzulassen und dann auch auszuhalten.

Ich glaube, es geht nicht um einen Vergleich, und deshalb würde ich das gar nicht als so mutig bezeichnen, sondern es geht um den Kontext. Ich erzähle Ihnen gerne eine Geschichte dazu: Ich hatte damals kurz nach der Wahl mit jüdischen Studierenden in den USA gesprochen, die gesagt haben: Naja, also wir fühlen uns jetzt hier solidarisch, aber wir sind nicht betroffen, es geht eben um Rassismus. Und das war damals auch die allgemeine Wahrnehmung. Es war dann aber sehr schnell klar, dass es mit dem Bann gegen Muslime, mit der Einwanderungspolitik von Donald Trump und ein halbes Jahr später mit Charlottesville sowohl um Rassismus als auch um Antisemitismus geht. Und das hat Geschichte in den USA. Deshalb beschäftigen sich die Autoren dieses Bandes zum Beispiel auch mit der Geschichte des zweiten Ku-Klux-Klans, der weniger bekannt ist als der erste. Das ist der Klan, der ab den 1920er-Jahren in den nördlichen Staaten der USA zentral wird und sehr weit in die Mitte des Bürgertums hineinreicht, und dort spielen Rassismus und Antisemitismus eine ganz zentrale Rolle. Also ist es nicht mutig, diese zwei Ideologien zusammenzudenken, sondern lediglich eine Konsequenz beim Blick auf die historischen Entwicklungen.

© Orla Connolly

Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München

Sie haben selber lange in den USA gelebt und Geschichte an der Universität unterrichtet – wie hat das Ihren Blick verändert?

Sehr, natürlich vor allem, weil ich in der Zeit auch immer deutsche Zeitungen gelesen habe und mich manchmal gewundert habe, wie einseitig das Bild der USA zum Teil in Europa bis zur Wahl von Donald Trump war, weil man bestimmte Dinge eben nicht in dieser Komplexität wahrgenommen hat. Und wenn man dann da lebt, erlebt man das natürlich ganz anders. Man sieht dann, mit welchen Ungerechtigkeiten Menschen zu kämpfen haben, und dass es bei aller Vielfalt und Diversität in den USA auch große Ungerechtigkeiten gibt. Dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten stellt sich eben für viele nicht so dar.

Haben Sie denn dann heute den Eindruck, dass dieses komplexe Bild in Deutschland wahrgenommen wird? Oder gibt es da auch wieder viele reflexhafte Beurteilungen?

Ich denke, das hat sich schon geändert, und es gibt ja jetzt auch eine große Faszination für das, was in den USA passiert. Man hat es in der Woche der Wahl beobachten können, wie viele Leute bis tief in die Nacht CNN verfolgt haben, weil es natürlich für uns auch große Relevanz hat. Was ich mir manchmal mehr wünschen würde, ist, dass wir nicht auf die USA blicken und fassungslos darüber sind, was dort passiert, sondern daraus Schlüsse auf das ziehen, was bei uns passiert, weil es natürlich ähnliche Dynamiken gibt. Das sind alles Themen, die uns genauso betreffen: Dieses Infragestellen der gesellschaftlichen Solidarität, die Zuspitzung durch die wachsenden Unterschiede zwischen Arm und Reich. Der Umgang mit Zuwanderern und Flüchtlingen, mit Rassismus hier, mit der Deutschen Kolonialgeschichte. Sich überhaupt erst einmal einzugestehen, dass es eine solche gab und dass an sie erinnert werden soll. Ich fand es sehr spannend, dass gerade bei den George Floyd-Protesten vieles davon auch nach Deutschland kam und vieles hier wahrgenommen wurde. Und wenn wir jetzt weiter besorgt auf die USA blicken, wäre es natürlich schön, dass wir daraus auch Schlüsse für unsere politische Kultur ziehen.

"Four Years After: Ethnonationalism, Antisemitism, and Racism in Trump’s America" ist im Universitätsverlag Winter in Heidelberg erschienen.

Der Band wird heute Abend um 19 Uhr per YouTube-Stream vorgestellt. Man kann sich über die Website des Amerikahauses oder des NS-Doku-Zentrums zuschalten.

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© Universitätsverlag Winter, Heidelberg / Grafik: BR

"Four Years After", herausgegeben von Mirjam Zadoff

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