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"Amazing Grace": Legendäres Konzert mit Aretha Franklin im Kino | BR24

© Bayern 2

Aretha Franklins Karriere startete im Kirchenchor. Mit 29 Jahren, längst ein Star, trat sie als Solistin bei einem Kirchenkonzert auf. Ein legendärer Abend, der nun in einem Film mit unveröffentlichtem Material noch einmal zu erleben ist.

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"Amazing Grace": Legendäres Konzert mit Aretha Franklin im Kino

Aretha Franklins Karriere startete im Kirchenchor. Mit 29 Jahren, längst ein Star, trat sie als Solistin bei einem Kirchenkonzert auf. Ein legendärer Abend, der nun in einem Film mit unveröffentlichtem Material noch einmal zu erleben ist.

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Ein Wochenende im Januar 1972 in der Temple Missionary Baptist Church, Los Angeles. Der Hauschor, der weit über die Grenzen der USA bekannte Southern California Community Choir von Reverend James Cleveland, hat die First Lady of Soul, the Queen of Queens, her Majesty Miss Aretha Franklin zum Gottesdienst eingeladen – und sie ist der Einladung gefolgt. Tritt zunächst auf im Pelzmantel, zeigt sich dann bald darauf als fast schüchterne, zurückhaltende Person, die keinerlei Ansagen macht und auch sonst keine Starallüren zeigt.

Bescheidenheit und Selbstbewusstsein

Das erledigen die Prediger, die Minister, Chorleiter Reverend Cleveland und Arethas Vater, Reverend Clarence LaVaughn Franklin: "Mit Stolz darf ich sagen, dass Aretha nicht nur meine Tochter ist, sondern auch imstande, Berge zu versetzen. Pfarrer Cleveland kennt noch die alten Zeiten, als er bei uns zu Besuch war und mit Aretha Stunden im Wohnzimmer zubrachte und Lieder sang. Sie ist ja wahrlich beeinflusst von Leuten wie Mahalia Jackson und Clara Ward, und hat viel von denen gelernt. Aber Aretha hat daraus eine wundervolle Synthese gemacht. Möge Gott euch alle segnen!"

Was Aretha von ihrem Vater und den großen Vorbildern gelernt hat, ist ein Gespür für Dramaturgie und Rhetorik, Bescheidenheit, Demut und doch Stolz und Selbstbewusstsein. Nicht ohne Grund ist das von ihr wirkmächtig buchstabierte Wort Respekt bis hinein in die afroamerikanischen Hip-Hop-Szenen ein Synonym für das Wirken Aretha Franklins. Sie steht am Ambo und singt, als ob sie predigen würde, sie predigt, indem sie singt. Der Southern California Community Gospel Choir sitzt zunächst noch im Chorgestühl, steht und tanzt aber bald, nachdem Aretha ostentativ betont: Du gehst nicht allein, niemals und niemals werden wir alt werden, niemals, niemals und immer werde ich dich besingen, immer, großer Gott ich lobe dich... Das ist stark, so stark, dass die Doppel-LP zum Auftritt bis heute zu den meistverkauften Gospelscheiben der Welt gehört – und etliche bemerkenswerte Nachfolger gefunden hat. "Oh, Happy Day" der Edwin Hawkins Singers etwa.

© Courtesy of Amazing Grace and Weltkino

Aretha Franklin vor dem Konzert in der Kirche

Eine Stimme, die in der Kirche geschult wurde

Aretha war 14, als sie ihre erste Platte, ein Gospelalbum aufnahm. 29, als "Amazing Grace" aufgenommen wurde. Binnen kürzester Zeit avancierte sie zum Superstar. Sagen wir ruhig auch: Sie wurde dazu gemacht. Natürlich denken wir sofort auch an Michael Jackson oder Tina Turner, an James Brown, Wilson Pickett oder Marvin Gaye: Sie alle kamen aus der Kirche, entfernten sich von Ihr und von Gott, um zuweilen dem Mammon zu frönen – und kehrten ein ums andere Mal in den Schoß der Community zurück. Dieser Film gibt ein bemerkenswertes Zeugnis davon, wie wichtig die Musik, diese Musik für die afroamerikanischen Communities jener Tage gewesen sein mochte.

Und der Film kommt passgenau zur allgegenwärtigen Gospelitis zur Weihnacht. Natürlich gehört es zu den Winkelzügen im Popgeschäft, Jahrzehnte danach noch vermeintlich "unveröffentlichtes Bandmaterial" zu veröffentlichen, lost tapes, wie es dann so schön heißt. Eindrucksvoll ist aber hier zu erleben, wie Aretha einzig im Dienste der Musik zum Lobe Gottes und zur Feier der Community eine wahrlich hinreißende Performance abliefert.

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