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Bildrechte: Günther Jäger

Spenden und beten - zu wenig für Günther Jäger. Der 65-jährige Diakon aus dem oberbayerischen Oberbuch erzählt im BR-Interview, wie er den Geflüchteten vor Ort auf der Insel Lesbos hilft.

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Am Rand von Europa: Als Flüchtlingshelfer nach Lesbos

Spenden und beten – zu wenig für Günther Jäger. Der 65-jährige Diakon aus dem oberbayerischen Oberbuch wollte dem Drama, das sich in den griechischen Flüchtlingscamps abspielt, nicht tatenlos zuschauen. So packte er seine Koffer und flog nach Lesbos.

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Von
  • Martin Jarde
  • Friederike Weede

Ab ins Flugzeug und auf ins sonnige Griechenland – was viele Menschen in Bayern bei niedrigen Corona-Zahlen gerade planen, ist auch das Ziel von Günther Jäger. Doch mit Erholung, Baden im Meer und Sightseeing hat seine Reise nichts zu tun. Der 65-Jährige möchte auf Lesbos, der drittgrößten Insel Griechenlands, den Menschen helfen, die auf ihrer Flucht nach Europa hier gestrandet sind.

Hilfe für Geflüchtete statt Ruhestand

Hitze, Schmutz und eine große psychische Belastung: Warum macht man so etwas in einem Alter, in dem sich viele Menschen auf ihren Ruhestand freuen? "Ich bin Diakon, Diakon der Kirche", sagt Günther Jäger entschieden in der Sendung Theo.Logik auf Bayern 2. "Es ist doch die Aufgabe der Kirche, bei denen zu sein, die am Rand sind - den Ärmsten der Armen."

Natürlich habe er schon seit Längerem für die Geflüchteten gespendet und gebetet, erzählt Jäger. Doch das sei ihm nicht genug gewesen. Niemand, "der ein Herz aus Fleisch hat", könne da einfach zuschauen, so sieht er es. "Ich kann es zumindest nicht." Zehn Wochen habe er sich vorgenommen, in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln den Menschen zu helfen.

Flüchtlingshelfer mit 65 Jahren? Gar nicht so einfach

Es sei recht schwie­rig gewe­sen, eine Orga­ni­sa­ti­on zu fin­den, die ihm für sein Anlie­gen eine Chan­ce gibt, erzählte der 65-jährige Kirchenmann. Oft hieß es von natio­na­len und inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, er sei zu alt oder die Orga­ni­sa­ti­on habe eige­ne Fach­kräf­te, die sie in die Lager schi­cke. Schließlich knüpfte er Kontakt mit dem österreichischen Ver­ein "Doro Blancke Flücht­lings­hil­fe", der ihn als ehrenamtlichen Mitarbeiter aufnahm.

Seit dem 31. Mai befindet sich Günther Jäger nun auf der Insel Lesbos, nahe dem Flüchtlingslager "Kara Tepe 2". Es wurde in Folge der Zerstörung des Flüchtlingslagers Moria durch einen Brand für die obdachlos gewordenen Flüchtlinge eingerichtet. In dem provisorischen Zeltlager leben rund 7.500 Menschen, darunter 2.500 Kinder.

Warme Mahlzeiten fürs Flüchtlingslager und Gefängnis

Eine von Jägers Aufgaben: Täglich warme Mahlzeiten zu den Bedürftigen ins Lager zu bringen. "Die warten alle schon immer sehnsüchtig, bis das Essen kommt." Anschließend bringe er auch warme Mahlzeiten und "jeweils ein schönes Stück Brot" zu den Insassen ins Gefängnis von Mytilene, sagt Jäger. "Dort hocken teilweise bis zu 70 arme Teufel auf engstem Raum, die auf ihre Abschiebung warten. Das zieht einen dann schon ganz schön runter."

Obwohl die Situation auf Lesbos "wirklich schlimm" sei, auch noch in den Lagern, sagt Günther Jäger, gebe es dort zumindest viele NGOs, "die einen verdammt guten Job machen". In einigen Wochen wolle er aber auch noch auf die Insel Chios. Dort, so habe man ihm gesagt, sei es "wüst, absolut wüst". Und nicht nur auf Chios, sondern auch auf den Inseln Samos und Kos. "Da ist wirklich noch nichts organisiert."

"Da hausen die Leute in irgendwelchen verfallenen Hütten oder haben sich aus Müll irgendwelche Unterkünfte zusammengebaut." Diakon Günther Jäger

Situation "noch furchtbarer" als in Erzählungen

Es solle dort wirklich furchtbar aussehen, so Jäger. Trotzdem wolle er dorthin: Es werde schließlich "viel erzählt und ich bin immer vorsichtig, was ich höre". Er sehe es als eine seiner Aufgaben, sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen, um dann die Fakten weitergeben zu können.

Schon jetzt ist dem Diakon klar, dass er anders zurückkommen wird, als er weggefahren ist. Von geflüchteten Afghanen daheim im Landkreis Altötting, die seit zwei Jahren zu seinen Freunden gehören, habe er zwar schon viele furchtbare Fluchtgeschichten gehört. Doch "was ich hier sehe, ist vielleicht noch furchtbarer", erzählt er im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

Deponie aus Schlauchbooten und Schwimmwesten

Neben den hygienischen Zuständen sei auch die Hitze in den Unterkünften unerträglich. "Ich war in zwei Zelten drinnen - obwohl man das nicht darf. Ich war da drinnen. Da bleibst du fünf Minuten, dann bist du weg. Dann musst du raus, weil du sonst einen Hitzschlag kriegst", beschreibt Jäger die Situation.

"Wir müssen wieder sensibler werden in Deutschland für diese Situationen hier. Es ist Europa! Es ist nicht irgendwo auf einer anderen Welt. Es ist Europa!" Diakon Günther Jäger

Besonders eindrücklich ist für den Diakon der Besuch einer Deponie auf Lesbos, die ausschließlich aus Utensilien besteht, mit deren Hilfe Geflüchtete über das Meer gekommen sind. Auf riesigen Bergen liegen Schlauchboote, Schwimmwesten und viele andere Dinge. Besonders schockierend für den 65-Jährigen: Viele der Westen sind gar nicht für den Schutz vor dem Ertrinken geeignet, wie er in einer Videobotschaft in die Heimat erklärt.

© Günther Jäger
Bildrechte: Günther Jäger

Günther Jäger zeigt eine Deponie mit Utensilien von Geflüchteten.

Ohne Unterstützung seiner Frau wäre Dienst nicht möglich

Was ihm helfe, sei, dass er jeden zweiten oder dritten Tag mit seiner Frau telefonieren könne. "Die steht voll dahinter und lässt mich hierher gehen", sagt Günther Jäger dankbar. Auch das sei Diakonie, findet der Flüchtlingshelfer, christliche Nächstenliebe, ohne die seine Hilfe für die Menschen am Rande Europas nicht möglich sei.

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