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Szene aus Philipp Löhles "am Rand" in Nürnberg
© Konrad Fersterer
© Konrad Fersterer

Szene aus Philipp Löhles "am Rand" in Nürnberg

Eigentlich liegt Randhausen mitten drin, auch wenn es geographisch eher am Rand liegt, oder besser gesagt an der Grenze, an der zu Tschechien. Aber was sind das schon: Grenzen: willkürlich gezogene Linien an denen sich hüben wie drüben die Landschaft fortspinnt, ohne darauf zu achten, dass da einer eine Grenze sieht. Eigentlich also liegt Randhausen mitten drin in unserer Welt, in diesem Europa, in dem gerade die Grenzen wieder betont und die Zugbrücken hochgezogen werden, in dem die Hysterie stetig steigt, in dem das Fremde im Anderen zum Feind stilisiert wird und in dem einige zu unserer aller Sicherheit gern durch die Straßen patrouillieren würden.

Mit den Polizisten kommt das Misstrauen

Und wie der Titel "Am Rand" schon sagt, spielt in diesem Randhausen Phillip Löhles neues Stück. Dort ist die Welt zunächst einmal noch in Ordnung, und so stehen die Türen offen, in den geparkten Autos stecken die Schlüssel und die Paketpost liegt vertrauensselig vor den Türen. Doch wie mit den Clowns die Tränen so kommt mit dem neuen und ersten Polizisten das Misstrauen nach Randhausen:

Es ist doch noch nie was passiert. - Ja, aber weil noch nie was passiert ist, heißt das ja noch nicht, dass auch jetzt nichts passieren wird. Ganz im Gegenteil. - Ganz im Gegenteil was? - Na die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt etwas passiert, die wird doch immer größer. Weil ja noch nichts passiert ist.

Und so also wächst es, das Misstrauen in Randhausen: Türen schließen sich, Zäune werden gezogen, ein Schlagbaum wird aufgestellt, eine Bürgerwehr gebildet.

Szene aus Philipp Löhles "Am Rand" in Nürnberg

Szene aus Philipp Löhles "Am Rand" in Nürnberg

Doch während sich die Erwachsenen aus ihrer Randhausener Normalität hochrüsten in eine diffuse Hysterie, die ihr Ziel gar nicht kennt, verlieren sich die Kinder dieses Dorfes – oder besser gesagt zwei Mädchen – im umliegenden Wald, dort wo ein 7 Stockwerke hoher Troll sie erwartet, dem sie Brot bringen und Kekse und Wein.

Bald macht jeder Jagd auf Jeden

"Ein Protokoll" heißt Phillip Löhles Stück „Am Rand“ im Untertitel und so schickt Schauspieldirektor und Uraufführungs-Regisseur Jan Phillip Gloger gleich zwei Protokollanten auf die Bühne der Nürnberger Kammerspiele, die mit viel Sinn für Situation und Komik den kaleidoskopartig schnellen Szenen ihren protokollarisch getimten Takt geben. Da werden die Figuren akribisch in Raum und Zeit verortet, da werden ihnen die Gedanken aus dem Hirn gelesen. Da werden über die Grenze streunende Wildsäue ebenso protokolliert wie zeitlich unpassend geborene Rehkitze. Da sieht man dem neuen Polizisten bei seiner Ankunft in Randhausen zu und den Randhausenern bei ihrem Randhausener Dasein. Bis es dann eskaliert in Randhausen und die Randhausener auf die Jagd gehen nach dem, was sie umtreibt, und sei es ein Troll, der ihre Kinder missbraucht. Derweil die Mädchen auf den Kitzen durch die Nacht reiten.

Das Stück bietet zwei Schlüsse an

Am Schluss stehen ein Unfall und ein Showdown am Schlagbaum, während Stück wie Inszenierung in ihrer intelligent-komischen Parforcejagd längst jegliche Realität und Vernunft aus der Geschichte gehetzt haben, nur um dabei die Hysterie unserer Zeit umso deutlicher zu spiegeln. Während da also einer einen anderen mit der Waffe bedroht, gabelt Phillip Gloger sein Stück und bietet zwei Schlüsse an: in einem fallen sich Vater und Sohn, Bedroher und Bedrohter in die Arme und erzeugen mit ihrer Geste erst randhausenweit, dann deutschlandweit, europaweit, weltweit eine Welle der Umarmungen. Im anderen Schluss schießt der Vater, der seinen Sohn gar nicht kennt, diesem ins Gesicht und löst mit diesem Zwischenfall zunächst bilaterale Irritationen aus, die allerdings immer mehr anschwellen, bis weltweit jeder mit jedem im Krieg steht.

Und so ist Phillip Löhles "Am Rand" eine fulminant dystopisch-utopische Groteske, die am Nürnberger Staatstheater sehr präzise ins Herz unserer Zeit trifft, die gerade aus den Fugen zu geraten droht, wenn wir nicht aufwachen.

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Autoren

Sven Ricklefs

Sendung

kulturWelt vom 10.03.2019 - 12:05 Uhr