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"Am Königsweg" in Regensburg: Vor "Ver-Führern" wird gewarnt | BR24

© Bayern 2

An dem Abend, an dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, begann Elfriede Jelinek mit ihrem Stück "Am Königsweg", das 2018 zum "Stück des Jahres" gekürt wurde. Stefan Otteni inszeniert es jetzt am Theater Regensburg.

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"Am Königsweg" in Regensburg: Vor "Ver-Führern" wird gewarnt

An dem Abend, an dem Trump US-Präsident wurde, begann Elfriede Jelinek mit ihrem Stück "Am Königsweg". Darin geht es auch um die Menschen, die "Ver-Führer" wie Le Pen oder Trump wählen. Stefan Otteni inszeniert das Stück jetzt am Theater Regensburg.

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Am Anfang regiert noch die Vernunft, die blinde Seherin deliriert noch nicht, der Chor ist das Korrektiv des Königs, er spielt noch die Rolle, die er schon bei Sophokles gespielt hat. Aber das ändert sich, das ändert sich so fürchterlich schnell, alles ändert sich dauernd, der Überblick geht verloren, der König kann voranschreiten auf der Bahn der durch die Verwirrung losgetretenen Leere – und das Unheil des nie sichtbaren aber immer gegenwärtigen "Ver–Führers" nimmt seinen Lauf, unabwendbar und dadurch griechisch, tragisch, schicksalhaft – obwohl, warum eigentlich?

Ver-führt! Wohin bloß?

Elfriede Jelineks Sprachdickicht, ihre Verdrehungen, Burlesken, Philosophereien, ironische hundertfache Brechungen machen es einem nicht leicht, zu verharren und es zu bedenken, dieses "wieso eigentlich"? Und Stefan Otteni setzt Jelinek in seiner Inszenierung munter noch einen drauf, er lässt die Chöre nicht etwa feierlich deklamieren, sondern sie überschlagen sich, alles überschlägt sich am Theater Regensburg, so wie die Nachrichten, die bei jedem täglich zigfach aufploppen, weggewischt werden, aufploppen, weggewischt werden, aufploppen... Da braucht's auch keine Videoinstallationen und Nachrichteneinspieler, wir haben ja alles selbst in der Hand mit dem Smartphone, tagtäglich und nachtnächtlich, in uns und mit uns und durch uns, sie ist schon fast göttlich, diese Omnipräsenz, so wie der Allmächtige, der kommende und immer schon verheißene König, ist es Trump, ist es Le Pen, ist es Johnson, der uns ver- führt, wohin bloß?

© Jochen Quast

Premiere: "Am Königsweg" von Elfriede Jelinek am Theater Regensburg

Keine Ermattung trotz der Sprachkaskaden

Stefan Otteni setzt aber in Regensburg nicht nur auf die Virtuosität von Jelineks Sprache – diese wird von den Darstellern auch eins zu eins eingelöst – sondern, und zwar durchaus wieder im Sinn der Antike, auf Furcht und Schrecken. Nicht auf Furcht und Mitleid, dem Mittel der späteren Dramatiker, nein, dieser Königsweg lässt erschauern im besten Sinn der Katharsis. Und der Regisseur nimmt es in Kauf – und das Regensburger Publikum folgt ihm dabei - dass es ihm und Jelinek nicht immer folgen kann, so geschwindigkeitsberauschend schreien die Sprachkaskaden auf einen ein, verlangsamen sich dann zur rechten Zeit, fast immer bevor verwirrungsbedingte Ermattung eintreten kann beim Zuschauer.

Und die Musik: Die Musik in der Inszenierung trägt durch bis zum Schluss, Jelinek ist ja auch eine Musikerin, nicht nur in ihrer Sprachkunst, sondern auch im Leben, das greift Otteni auf und das trägt, und das erschreckt bis in den hintersten Winkel unserer altdeutschen gemütvollen Seele: Böse Menschen haben keine Lieder? Von wegen! Das Wahlvolk singt sich die Seele aus dem Leib mit gutem deutschen Liedgut, "Kein schöner Land" oder den Abendsegen aus "Hänsel und Gretel" hören sich die Flüchtlinge interessiert und fast schon gerührt an, bevor sie abgeschoben werden – oder vielmehr – kurz vor der Abschiebung, das Wahlvolk genüsslich mit den von jenen Wählern vorher achtlos durch die Gegend geschmissenen Büchern einmauern, obwohl natürlich niemand vorher die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen … .

Die Wähler, die bösen?

Böse Menschen, diese Wähler? Aber sie können doch gar nichts dafür, jeder hat doch sein Päckchen zu tragen, da war doch was, unsere verkorkste Kindheit beispielsweise? "Ich bin geschlagen worden, jetzt schlägt mich der König". Geschlagen worden sind sie alle, die Wähler, mehr oder weniger, das beruhigt das Gewissen und schon wird aus dem ruhigen Gewissen ein bequemes Bett, auf dem sich die Propaganda räkeln kann. In Regensburg kommt sie am Ende in Form der – ja mehr oder weniger auch – geprügelten Domspatzen daher.

Am Schluss folgt ganz klar die Gleichschaltung – der Schalter wird kurzerhand umgelegt. Elfriede Jelinek hat einmal sinngemäß an Stefan Otteni geschrieben: Sie können mein Stück auch auf der Damentoilette spielen und dabei die Spülung laufen lassen, aber machen Sie was draus. Diese Regieanweisung hat der Mann – wohlgemerkt ohne Toilette und Spülung – befolgt.

Gestern war Premiere von Elfriede Jelineks "Am Königsweg" in der Inszenierung von Stefan Otteni am Theater Regensburg .

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