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Alterswerk von Udo Lindenberg, dem Altmeister des Deutsch-Rock | BR24

© Warner Music Germany

Fit für die Zukunft - Udo Lindenberg weiß, wo's langgeht

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    Alterswerk von Udo Lindenberg, dem Altmeister des Deutsch-Rock

    Auf seinem neuen Studio-Album setzt Rockstar Udo Lindenberg Unsterblichkeit für sich und seine Freunde. Ein frommer Wunsch, der zumindest glaubwürdig vorgetragen wird, findet Markus Mayer.

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    Nach Johnny Cash, Bob Dylan und Neil Diamond ist jetzt Udo Lindenberg an der Reihe mit einem Alterswerk. Das neue Album "Stärker als die Zeit" beinhaltet 15 lupenreine Lindenberg-Songs, verheißt der Begleittext, Lieder, die um Udos Lebensgeschichte kreisen, um die Alters-Abgeklärtheit und, ja, um Neubestimmung.

    Geschichte vom verlorenen Sohn?

    Lindenberg - im Mai wird er 70 - ist in Hochform. Er trinke nicht mehr, heißt es, er treibe stattdessen Sport. An seiner Seite wird nun öfter Benjamin Stuckrad-Barre gesichtet, als Pop-Journalist einst Gagschreiber für Harald Schmidts Late-Night-Show. Pastorensohn Stuckrad-Barre war schon mal in Teenie-Tagen ein Lindenberg-Fan. In seinem soeben erschienenen Pop-Roman "Panikherz" beschreibt der 41-Jährige, wie er später seine Kokainparanoia und Magersucht überwunden hat und wundersam zum Übervater der deutschen Rockmusik Lindenberg zurück fand. Streckenweise liest sich der postmoderne Schelmenroman wie eine zeitgenössische Version der Geschichte vom verlorenen Sohn, der von der bewunderten Vaterfigur wieder aufgenommen wird.

    Zum Star-Sein nicht zu schade

    Medienjongleur Stuckrad-Barre wäre, so suggeriert er in "Panikherz", ohne Lindenbergs Songs nicht der, der er ist. Dessen lockere Sprüche haben alle geprägt, die im Buch auftauchen: den Journalisten Friedrich Küppersbusch ebenso wie den Gitarristen von Rammstein. Kein Wunder: Lindenberg war der erste deutsche Popstar, der den Rock'n'Roll-Lifestyle in einen höchst eigenwilligen Sprechakt übersetzt hat. Er hatte nichts dagegen ein Star zu sein, was ja in den Künstlerkreisen der 70-er Jahre äußerst verpönt war. Schließlich bedeutete das, mit dem Establishment zu paktieren, die Persönlichkeit auf einige wenige Markenzeichen zusammenschnurren zu lassen.

    Einer muss den Job ja machen, nuschelt der ehemalige Jazz-Schlagzeuger auf seinem 36. Studio- Album ins Mikrofon. Mit seiner Fabulierlust, mit witzig-intelligenten Wortspielen, - typischem Lindenberg-Deutsch eben - hat der Mann viel erreicht. Erstaunlich am neuen Album ist, wie beiläufig der Altmeister harten Stoff wie Terror-Anschläge einbringt.

    Vorwärts in die Vergangenheit?

    Ansonsten ist die neue Scheibe eine musikalische Rückbesinnung auf die frühen Erfolgsalben. Orientiert hat man sich offenbar an den Prinzipien des Erfolgs-Produzenten Rick Rubin, aufgeräumte Balladen mit scheinbar naiven Texten, die immer Plädoyers für Selbstbestimmung waren. Ein Widerspruch - oder ist es eine Entwicklung? - zeigt sich im Song "Mein Body und ich": Statt hedonistischem, aber selbstzerstörerischem Drogenkonsum ist nun Körpereinsatz angesagt und Gesundheit, aber das muss anscheinend so sein bei den Überlebenden. Und wenn die Weltverbesserungs-Utopien auch passé sind, man muss trotzdem an etwas glauben und sich dann dafür stark machen.

    Der Körper und seine tiefe Vernunft

    Mit fast 70 versichert Lindenberg nun, die Auftritte vor Tausenden von Fans, seiner Familie, wie er sagt, sind sein Eldorado.

    Nicht nur der Fan profitiert vom Meister, einen gehörigen Anteil an der Revitalisierung dürfte auch Stucki-Män haben, wie Lindenberg den neuen Freund und Mitarbeiter Stuckrad-Barre nennt.

    Wer sich also für die Geschichte der deutschen Popmusik während der letzten 30 Jahre interessiert, dem sei Stuckrad-Barres pointiert geschriebenes Buch empfohlen ebenso wie "Stärker als die Zeit", Udos äußerst respektables Alterswerk. Ein alter und ein groß gewordener Junge, die sich gefunden haben, nachdem sie auf Abwegen und in Einbahnstraßen unterwegs waren. Nun machen sie sich daran, uns diese sonderbare Welt zu erklären.

    "Stärker als die Zeit", das neue Album von Udo Lindenberg, erscheint heute bei Warner Music Germany. "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. 576 Seiten kosten 22,99 Euro.