BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Dekadenz und dunkle Träume in der Alten Nationalgalerie Berlin | BR24

© Audio: BR/ RMFAB, Brussels, Foto: J. Geleyns – Art Photography

Aus den Gemälden der Symbolisten spricht das Gefühl für Krise und Niedergang, das verblüffend gut in unsere Corona-Zeit passt, jetzt in der Alten Nationalgalerie.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Dekadenz und dunkle Träume in der Alten Nationalgalerie Berlin

Medusen, Sphinxen, Rätselwesen: Das Frauenbild der Symbolisten war selbst in ihrer Zeit überholt. Aber das aus den Gemälden sprechende Gefühl für Krise und Niedergang passt verblüffend gut in unsere Corona-Zeit. Jetzt in der Alten Nationalgalerie.

Per Mail sharen

Sie wollten Weltfremde sein, und ihr Frauenbild war gelinde gesagt dementsprechend, selbst für die Zeit, in der sich erste weibliche Emanzipations-Bestrebungen schon deutlich abgezeichnet hatten. Die Frauen auf den Bildern der Symbolisten sind Medusen, Sphinxen, Rätselwesen, mal halbe Heilige, mal blasiert oder halb wahnsinnig, vorzugsweise aber mit üppigen grellroten langen Haaren. Sinnlich und doch unnahbar, kühl zugleich.

Frauen: Nur Projektionsfläche der Männer

Vor allem der belgische Maler Fernand Khnopff ist fasziniert von diesem Typus, in dem sich offenbar alle männlichen Projektionen ideal bündeln können. Und doch manifestiert sich in diesen bildschön-unheimlichen Frauenporträts weit mehr als nur Angst und Sehnsucht nach dem vermeintlich unergründlich Weiblichen. Khnopffs großformatiges Gemälde "I lock my door upon myself" – was so viel heißt wie "Ich verschließe mich in mir selbst" – bezieht sich auf das enigmatische Gedicht "Who shall deliver me?" der britischen Dichterin Christina Rossetti.

Hier klingt zugleich eine faszinierend neue Innerlichkeit an, die sich fast autistisch deuten lässt. Sie unterscheidet die Symbolisten klar vom licht- und farbbesessenen Gestus der Impressionisten. Khnopffs Gemälde zeigt eine junge Frau, wieder mit langen dunkelroten Haaren. Sie träumt versonnen, das blasse Gesicht auf die minder blassen Arme gestützt. Die unwirklich hellen Augen sind in ein unbekanntes Irgendwo gerichtet, ein Ort, der vielleicht gar nicht existiert, mehr Traumland ist oder Fantasieraum.

© bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Fernand Khnopff, I lock my door upon myself, 1891,

© RMFAB, Brussels, Foto: Freya Maes

Fernand Khnopff, Porträt von Marguerite Khnopff, 1887

© Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.lukasweb.be – Art in Flanders, Foto: Hugo Maertens

James Ensor, Das malende Skelett, 1896

© Museum of Fine Arts Ghent, www.lukasweb.be – Art in Flanders, Foto: Hugo Maertens

George Minne, Jünglinsbrunnen (Brunnen mit knienden Knaben), 1905

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1883

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Leihgabe der Bundesrepublik Deutschand / Andres Kilger

Franz von Stuck, Die Sünde, um 1912,

© Musée d’Ixelles – Brüssel, Foto: Vincent Everarts

Jean Delville, Die Liebe der Seelen [L’Amour des âmes]

Magisches Interesse am Unbewussten

Schon lange vor Sigmund Freuds Publikation der "Traumdeutung" entdeckten und antizipierten die Symbolisten ihr geradezu magisches Interesse an dem, was später das "Unbewusste" genannt wird, die Innenwelt des Menschen und darüber hinaus sogar die "Seele der Dinge". Selbst die Interieurs des belgischen Malers Xavier Mellery und die Landschaftsszenen des Belgiers William Degouve de Nuncques, erscheinen plötzlich fremd, fern, bedrohlich.

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin stellt die These auf, dass die symbolistische Strömung innerhalb Europas vor allem in Belgien und dessen Zentrum Brüssel zu pulsieren begann: "Der Symbolismus hatte mehrere Zentren… Und natürlich gibt es die Anfänge des Symbolismus auch in Paris zu beobachten. Allerdings das Spezifische am belgischen Symbolismus ist doch eine große Vielfalt und die Aufnahme verschiedenster Kunstströmungen, die sich in Brüssel gekreuzt haben, etwa aus der englischen Kunst, aus der deutschen Kunst, der französischen Kunst," so der Direktor der Alten Nationalgalerie, Ralf Gleis. "Dort kamen viele Künstler unterschiedlichster Nationen zusammen, auch unterschiedlichster Ansichten, und da hat sich eine Besonderheit entwickelt. In einer Geschwindigkeit, die man anderenorts sucht. Und man durfte freier und liberaler sein als anderenorts. Das sehen wir etwa in diesen Tabus brechenden Werken von Felicien Rops oder auch von Ensor. Also, das war ein liberaler Ort. Brüssel war nicht umsonst ein Hort von Dissidenten, von Marx bis zu Rodin in einer bestimmten Zeit."

So kann es nicht weitergehen

Brüssel Ende des 19. Jahrhunderts – eine einflussreiche liberale Stadt, aber auch ein europäisches Finanzzentrum voll fader Geldmenschen und Geistloser, zudem sehr katholisch. Das provoziert die symbolistischen Fantasien. Félicien Rops schlägt da im Bild eine nackte Frau ans Kreuz, über ihrem Kopf das Wort „Eros“ statt „Inri“. Oder er lässt eine laszive Halbnackte, geführt von einem Schwein, über die Darstellung der Klassischen Künste flanieren. Der Salon Les Vingt, Die Zwanzig, gilt zudem als unkonventioneller Künstlertreff, der allen Avantgarden offen steht.

Jedes Jahr organisiert Les Vingt in Brüssel eine große Schau-Ausstellung, zu der die europäische Kunstszene geladen wird. Hier treffen sich Claude Monet und Paul Cezanne, Max Liebermann oder Walter Crane, viele andere. Die wirklich großartige Ausstellung in der Alten Nationalgalerie macht Belgiens Bedeutung für die Symbolisten in zwölf Themen-Räumen überzeugend deutlich, streift auch skurrile Aspekte wie den neurotischen Künstler oder den Künstler als Esoteriker und Priester.

Was Ralf Gleis in der Vorbereitung der Ausstellung sehr fasziniert hat, ist eine Parallele zu unserer heutigen gesellschaftlichen Realität: "Man war eigentlich an der Stelle, wo man glaubte, dass es so nicht weitergeht und dass man einer großen Krise gegenüber steht, einer Dekadenz, einem Abstieg, so wie wir es heute schon vor Corona wahrgenommen haben, aber wie es sich jetzt natürlich nochmal deutlicher zeigt".

Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus: Die Ausstellung läuft bis 17. Januar 2021 in der Alten Nationalgalerie Berlin.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!