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Gustave Caillebotte, der große Visionär der modernen Malerei | BR24

© Bayern 2

Alte Pinakothek Berlin zeigt "Gustave Caillebotte"

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Gustave Caillebotte, der große Visionär der modernen Malerei

Er zahlte Monet die Miete, organisierte Gruppenausstellungen der Impressionisten - und war mit etwa 500 Gemälden selbst ein großer Visionär der Moderne. Die Alte Nationalgalerie Berlin zeigt den in Deutschland vernachlässigten Gustave Caillebotte.

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Natürlich fragt man sich unwillkürlich, wer war dieser Gustave Caillebotte, dieser Maler, der zu den großen französischen Impressionisten zählt, dessen Genie in Frankreich und den USA weithin bekannt ist - in Deutschland aber bis heute eher nicht. Sein Selbstporträt zeigt einen Mann mit auffallend schmalem Gesicht, dessen Blick Skepsis zu signalisieren scheint, der den Abstand gegenüber der Nähe bevorzugt. Und doch war Gustave Caillebotte großzügig, freigiebig und kannte, höchst ungewöhnlich unter Künstlern, kein Konkurrenzgebaren.

Caillebotte zahlte Monet die Miete

Gustave Caillebotte, Maler, Mäzen, Kunstsammler, entstammte der französischen Bourgeoisie, einer Familie, die durch Tuchhandel über Generationen hinweg reich geworden war. Man besaß Landgüter und komfortable Landsitze in Frankreich und gab in Paris mondäne Abendgesellschaften. Mit zwölf Jahren begann Caillebotte mit dem Zeichnen und Malen, ein paar Jahre später war er nicht nur der enge Freund von Degas, Monet und Renoir, vielmehr gestattete es Caillebottes Vermögen, die damals weitgehend unbekannten und unverstandenen Künstlerkollegen des noch jungen Impressionismus massiv zu unterstützen, sagt Ralph Gleis, Direktor der Alten Nationalgalerie Berlin: "Er war zu Lebzeiten unglaublich aktiv in der Szene und hat die Impressionisten individuell sehr stark gefördert. Etwa Monet die Miete bezahlt, Renoir mit Geldbeträgen ausgeholfen. Und immer wieder hat er Freunden aus diesem Künstlerkreis Werke abgekauft. Sodass er die auch dadurch unterstützt hat und letztlich auch die Organisation der Gruppenausstellung mitbetrieben hat."

© Comité Caillebotte, Paris

Gustave Caillebotte Die Kaserne Pépinière

Visionär der modernen Malerei

Caillebotte selbst ist unbestrittener Meister und geradezu ein Visionär der modernen Malerei: Er schuf an die fünfhundert Gemälde. Sein größtes, berühmtestes Werk hängt jetzt, gerade frisch restauriert, in der Alten Nationalgalerie Berlin. "Rue de Paris, temps de pluis" gemalt 1877, zeigt eine Straße in Paris an einem regnerischen Tag, das monumentale Meisterwerk mit der Dimension von mehr als zwei mal drei Metern dominiert den Ausstellungsraum. Das Gemälde, das der Künstler mit nur 29 Jahren schuf, ist eine kostbare seltene Leihgabe des Art Institute of Chicago. Eine Pariser Straßenszene, ebenso asymmetrisch wie harmonisch komponiert. Am rechten Bildrand drei Spaziergänger, zwei Männer, eine Frau, überlebensgroße, ein wenig blasierte Figuren - nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, Passanten in einer Stadtlandschaft auf dem Place de l’Europe“, wo Caillebotte selber lebte. Ihre Regenschirme beherrschen die Szene.

Das Bild spiegelt das urbane Leben in Paris an einem ganz belanglosen Tag, einer Stadt, die durch den Architekten Georges-Eugène Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts gerade ein kolossal neues modernes Gesicht erhalten hatte. Den Menschen, die sich darin bewegen, verleiht die Umgebung automatisch etwas beinahe Mechanisches, Typisiertes, Verlorenes. Fast, als wolle Caillebotte einen amerikanischen Maler wie Edward Hopper vorwegnehmen.

© akg images Foto: Erich Lessing

Gustave Caillebotte: Pont de l’Europe (Vorstudie), 1876

Ein Impressionist der Widersprüche?

Caillebotte allerdings interessierte sich für das urbane Environment, das Erscheinungsbild der modernen Stadt, nicht für die Psychologie seiner Bewohner. Dabei ist das Bild an sich absolut un-impressionistisch, mit seiner klaren Kontur und Perspektive, der fotografisch anmutenden Ausschnitthaftigkeit der Szene, der Geometrie der Architektur und der Kühle seiner Poesie. Der Ausschnitt scheint wiederum zufällig, wie ein Schnappschuss, der Moment banal. Wie unter dem Mikroskop vergrößerte der Maler den scheinbar trivialen Augenblick und gestaltete ihn hin zur Monumentalität. Der Betrachter glaubt eintreten zu können in das Bild. Caillebotte ein Impressionist der Widersprüche? "Caillebotte kann man tatsächlich als einen Impressionisten mit Widersprüchen oder einen Impressionisten der Widersprüche bezeichnen. Denn seine Malerei würde sich nicht sofort in das Bild vom Impressionismus fügen, das wir im Allgemeinen haben. Das sind die schnellen flächigen Pinselstriche, das ist das kleine Format. Und hier haben wir ein Bild in dieser Dimension von drei auf 2,20 Meter, das uns wie ein monumentales Werk der akademischen Malerei begegnet und genauso vorbereitet wurde durch einen konstruktiven Bildraum, den er von der Realität abgeschaut hat. Und das wirkt ja nicht sehr spontan", sagt Ralph Gleis.

Dass Caillebotte alles andere als spontan arbeitete, zeigen auch die zahllosen Vorarbeiten, Studien, Zeichnungen. Hier wird sichtbar, wie der Künstler den Fluchtpunkt festlegte und den mehr als zwanzig Bildfiguren genaue Bewegungsmuster einverleibte. Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung Caillebottes Briefe und sein Testament, in dem er dem französischen Staat seine Sammlung hinterlassen wollte, der sie aber in großen Teilen ablehnte. Und natürlich zeigt sie Caillebottes Freunde und Weggefährten, wenige ausgewählte Gemälde, Meisterwerke von Renoir, Monet und Degas, die diesen wunderbar widersprüchlichen Maler Gustave Caillebotte nachhaltig inspirierten.

Die Ausstellung Gustave Caillebotte in der Alten Nationalgalerie Berlin läuft bis 15. September

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