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Als Kardinal Faulhaber zu Hitler kam | BR24

© Barbara Schneider/BR

Die Tagebucheinträge von Kardinal Faulhabers Besuch auf dem Obersalzberg

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Als Kardinal Faulhaber zu Hitler kam

Die Rolle des früheren Münchner Erzbischofs Michael von Faulhaber in der NS-Zeit ist bis heute umstritten. 1936 traf er Adolf Hitler in dessen Domizil und hielt den Besuch in seinen Tagebüchern fest. Seine Notizen werden derzeit entschlüsselt.

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"Aufgang sehr steil. Der Reichskanzler steht oben an der Stiege zusammen mit Reichsminister Heß. Begrüßung beim Kommen und Gehen durch Handschläge und Händedruck, die übrigen durch Erhebung der Hand. Heß läuft mir nach: Heil Hitler. Dem Fahrer eine Kiste Zigarren; Servierer in schwarzer Hose und weißer Jacke."

Seit rund sechs Jahren erschließen Forscher des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Zusammenarbeit mit dem Erzbischöflichen Archiv in München die privaten Tagebücher des früheren Münchner Erzbischofes Michael von Faulhaber. Der Münchner Kardinal prägte die katholische Kirche vom Kaiserreich bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik entschieden mit. Umstritten ist bis heute die Rolle, die er in der NS-Zeit gespielt hat – er fand positive Worte für Adolf Hitler, gleichzeitig versuchte er die Rechte der katholischen Kirche in dem nationalsozialistischen Staat zu sichern. 1936 besuchte er deshalb sogar Adolf Hitler auf dem Obersalzberg.

Mehrfach wird Hitler bei dem Gespräch laut, brüllt

Seine Tagebucheinträge verfasste Kardinal Faulhaber stenographisch, in Gabesberger Kurzschrift. Dreieinhalb Stunden dauert das Gespräch mit Adolf Hitler in dessen Domizil bei Berchtesgaden. Aus den Notizen geht hervor, dass Adolf Hitler schon am Anfang des Besuches den Gast seine Macht spüren ließ, sagt der Historiker Peer Volkmann vom Institut für Zeitgeschichte in München. Er arbeitet an der Edition der Tagebücher und ist einer der wenigen, die diese Kurzschrift heute noch entziffern können: "Was Adolf Hitler gerne gemacht hat, war, dass er oben an der Treppe steht und die Staatsgäste dort hoch marschieren müssen. Die lange steile Treppe soll natürlich auch einen einschüchternden Effekt haben."

Der Grund für das Treffen mit Hitler: Das NS-Regime verstößt immer wieder gegen das Reichskonkordat, das der Heilige Stuhl und das Deutsche Reich im Juli 1933 geschlossen haben. Bekenntnisschulen werden geschlossen, Geistliche verhaftet, kirchliche Zeitungen und Zeitschriften verboten, Gottesdienste überwacht. Im persönlichen Gespräch mit Hitler will Faulhaber daher die Rechte der katholischen Kirche stärken.

Der Kampf gegen die Kirche habe sich immer weiter verschärft, erläutert Volkmann. "Es kommt zu Sittlichkeitsprozessen gegen katholische Geistliche, die Anklagen sind mehr oder weniger gut begründet, aber es geht auch um die Propaganda gegen die kath. Kirche." Das sei der Hintergrund, der Faulhaber dazu gebracht habe, mit dem Führer und Reichskanzler persönlich zu sprechen, um vielleicht ein Auskommen für die Zukunft zu finden.

Verbündet im Kampf gegen den Bolschewismus

Mehrfach wird Hitler bei dem Gespräch laut, brüllt, dann wieder droht er dem Kardinal. "So laut einige Male, daß man es im ganzen Stiegenhaus hören mußte. Dazu schnalzt mit dem Finger." Faulhaber notiert das, ebenso wie er den friedlichen Ausklang des Gesprächs festhält. Trotz des Aufbrausens Hitlers ist der Reichskanzler für ihn eine positive Figur, von der er sich ein Einlenken im Sinne der katholischen Kirche erhofft. Und in dem er "im Kampf gegen den Bolschewismus", wie er es nennt, einen Verbündeten sieht, sagt der Theologe und Projektmitarbeiter Philipp Gahn.

"Er war stark beeindruckt und er schied auch von Adolf Hitler mit einem konkreten Auftrag, so hat er das auch für sich selbst formuliert", erklärt Gahn. Die Bischöfe sollten einen gemeinsamen Hirtenbrief schreiben, in dem sie sich gegen den Bolschewismus positionieren.

Das Gespräch bleibt, was die Erwartungen Faulhabers angeht, erfolglos. Schon wenige Wochen später spitzt sich die Situation für die katholische Kirche weiter zu. Sie erlebt weitere Repressalien. "Gebracht hat es eigentlich nichts, was Papst und Staatsekretär auch sehr schnell gesehen haben", führt Projektmitarbeiter Gahn aus. Deswegen hätten sie im Januar auch eine Delegation von Bischöfen nach Rom berufen und es sei der Plan entstanden, eine Enzyklika zu veröffentlichen, die gegen den Nationalsozialismus Stellung bezieht.

Die Entschlüsselung der Tagebücher ist noch längst nicht abgeschlossen. Die Historiker erhoffen sich neue Erkenntnisse über die politische Haltung der katholischen Kirche im Nationalsozialismus.

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