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Wie Caroline Link in ihrem Film vom Schmerz der Flucht erzählt | BR24

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In ihrem Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" schrieb Judith Kerr von ihrer Flucht als Kind aus NS-Deutschland. Caroline Link hat es nun verfilmt. Sie zeigt den Schmerz, aber auch eine Art Familienidyll. Eine heikle Balance, so die Regisseurin.

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Wie Caroline Link in ihrem Film vom Schmerz der Flucht erzählt

In ihrem Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" schrieb Judith Kerr von ihrer Flucht als Kind aus NS-Deutschland. Caroline Link hat es nun verfilmt. Sie zeigt den Schmerz, aber auch eine Art Familienidyll. Eine heikle Balance, so die Regisseurin.

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Der jüdische Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr war einer der ersten, die vor Hitler und dem aufkommenden Naziregime flüchten mußten. Seine Tochter Judith Kerr hat über die Odyssee durch Europa später einen autobiografischen Roman geschrieben: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" wurde Kinderbuchklassiker, 1971 im Londoner Exil auf englisch verfasst, 1974 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Dieses Buch hat die Oscar-Preisträgerin Caroline Link nun verfilmt - die filmische Umsetzung hat Judith Kerr nicht mehr erlebt, sie ist im Mai dieses Jahres im Alter von 95 Jahren gestorben. Am ersten Weihnachtsfeiertag kommt "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ins Kino. Barbara Knopf hat mit der Regisseurin darüber gesprochen wie sich das Grauen der Nazizeit, das Thema Flucht damals und heute und eben auch eine Art Familienidyll in einem Film erzählen lassen.

Barbara Knopf: War der Antrieb für diesen Film den Antisemitismus und die Verfolgung der Juden in der Nazizeit einer neuen Generation vor Augen zu führen?

Caroline Link: Nein, das ist ja nun mal das Buch und dieses Buch war die Grundlage und die Basis zu allem. Das Projekt gibt es schon sehr lange, auch schon bevor 2015 die ganze Flüchtlingsgeschichte ins Rollen kam, und auch bevor Menschen in Berlin heute wieder Angst haben, auf der Straße eine Kippa zu tragen. Aber trotzdem: Jetzt kommt der Film nun mal zu unserer Zeit heraus, und da lag mir natürlich schon am Herzen, dass der Film hoffentlich von vielen Kindern und Jugendlichen gesehen wird, die dann vielleicht verstehen: Es kann jeden treffen, auch ein Kind mitten aus unserer Welt, aus unserem Umfeld. Ein Kind, das genauso ist wie die Kinder, die den Film heute sehen. Diese Kinder können sich dann vielleicht noch ein bisschen besser vorstellen, was es heißt, von heute auf morgen aus dem Zuhause vertrieben zu werden - ohne Grund, einfach nur, weil sie der falschen Religion angehören, und sich in einer völlig fremden Welt ein neues Zuhause schaffen müssen.

Das Zuhause, aus dem die Familie Kerr vertrieben wird, ist großbürgerlich. Berlin, eine schöne Villa. Was auffällig ist, dass in der Folge –erst reisen sie in die Schweiz, dann nach Paris- wie heil eigentlich alles wirkt, trotz der wirklich prekären Umstände: Die zunehmende Armut, die ewiggleichen Kartoffelaufläufe, es ist kein Geld für die Glühbirne da. Aber die Schweiz ist irgendwie so ein Landschaftsidyll und das Fremdsein, das Gemobbtwerden, die vielen Abschiede auch - das schimmert zwar durch, aber ich finde es trotzdem sehr leicht und heiter. Wollten Sie das so?

Judith Kerr wollte das vor allem so. Sie hat diese Zeit der Flucht tatsächlich immer als eine der schönsten Zeiten in ihrem Leben beschrieben. Und angeblich hatte ihr Bruder das auch so empfunden, weil sie als Familie so stark zusammengehalten haben und sich so nah waren in dieser Zeit. Und Kinder empfinden ja manchmal das Fehlen von materiellen Gütern als gar nicht so schlimm, wenn man gemütlich und geborgen in dieser kleinen Dachwohnung in Paris zusammen aufeinander gedrängt lebt. Was die Eltern zum Teil unerträglich fanden. Was Judith Kerr natürlich vielleicht auch ein Stück weit verdrängt hat, ist dieser schmerzliche und entsetzliche Verlust von allem, was einem bis dahin vertraut war, von jedem Gefühl von Zuhause und auch von geliebten Menschen. Heimpi, die Haushälterin steht ja nur stellvertretend für all die anderen Menschen, die man zurücklässt und die einem natürlich ans Herz gewachsen sind.

Geholfen hat ihr offenbar ein unglaublicher Humor. Wenn sie zum Beispiel sagt: Na ja, allmählich bekomme ich die schwere Kindheit, damit ich später mal eine berühmte Person bin…

Ein sehr lustiges Zitat, eine schöne Idee von Judith Kerr! Ich weiß nicht, ob das wirklich so stattgefunden hat. Dieser Gedanke, dass alle berühmten Menschen offensichtlich eine schwere Kindheit haben, und dass es jetzt noch Hoffnung gibt durch diese furchtbar schwere Kindheit: Dass man eines Tages berühmt werden könnte.

Wie nah sind Sie denn am Original geblieben, am Buch?

Wir haben bis Paris eigentlich alles ziemlich genau übernommen. Paris wurde im Roman ein kleines bisschen kompliziert, weil da sehr viele Figuren nur mal in ein oder zwei Szenen vorkommen. Da haben wir Figuren zusammengefasst und ein bisschen verdichtet. Ich hoffe immer im Geist von Judith Kerr und dem, was die Seele von diesem sehr schönen Kinderbuch ausmacht.

Die Judenverfolgung, die Deportationen kommen eigentlich nur kurz vor. Die blitzen auf in der Figur des Onkel Julius, dessen Schicksal erzählt wird, es wird kurz die Folter angedeutet...

…es spielt ja auch sehr früh! Die Familie Kerr hat 1933 Deutschland verlassen, weil Alfred Kerr auf dieser Liste stand von Personen, die dem Hitler-Regime ganz besonders ein Dorn im Auge waren. Es war noch eine ganze Weile vor '38. Es gab diese unmittelbare Bedrohung nicht, und ich wollte die auch nicht dazu erfinden, damit der Film noch ein bisschen spannender wird. Ich fand auch immer, dass die Judith Kerr in einer gewissen Weise mutig ist, dass sie diese Geschichte so harmlos erzählt. Man könnte ja auch sagen, sie verharmlost diese ganze Situation der Vertreibung. Aber sie hat mir am Telefon immer wieder versichert, dass sie das so und nicht anders empfunden hat.

Und sie wollte vor allem ein Buch schreiben, vor dem Kinder keine Angst haben müssen. Und trotzdem hat es ja diese Wehmut und diesen Schmerz in sich, dass man seine Heimat aufgeben muss. Aber auf dem Weg durch diese schwierige Zeit hat gerade Ihr Vater, ihr kluger, intellektuell sehr übermächtiger Vater, den Kindern immer wieder gesagt: Schaut nicht nur zurück, schaut, was euch hier und jetzt passiert. Es sind viele wunderbare Sachen, die euer Leben bereichern werden, wenn ihr nicht nur jammert und zurückschaut und sagt, was ihr verloren habt.

© picture alliance/Tobias Hase/dpa

Regisseurin Caroline Link mit Hauptdarstellerin Riva Krymalowski bei der Filmpremiere im Dezember in München

Jetzt schaut man aber natürlich diesen historischen Stoff, der ja auch in einem historischen Setting stattfindet, an und denkt an die gegenwärtigen Fluchtgeschichten: Wo ja oft nicht so viel Familienzusammenhalt ist, wo die Jugendlichen alleine reisen müssen, auf ihren Schicksalsüberfahrten über das Mittelmeer. Die Härte der heutigen Fluchtschicksale ist damit ja eigentlich nicht zu vergleichen.

Nein! Das ist gar nicht zu vergleichen, das würde ich auch nie vergleichen! Wenn Menschen sich aus allergrößter Not aufmachen und die Wüste in Afrika durchqueren müssen und auf einem Schlauchboot versuchen, vom afrikanischen Kontinent nach Europa zu gelangen, geliebte Menschen auf der Überfahrt verlieren oder selbst vom Tod bedroht sind, wenn sie hier in Lagern oder in Zelten untergebracht werden und wirklich nichts haben, auch keine Perspektive - das lässt sich wirklich nicht vergleichen mit der doch relativ komfortablen Flucht von Judith Kerr und ihrer Familie. Und dennoch wollte sie nicht mehr und nicht weniger erzählen, als dass es ein Schmerz ist, ohne eigenes Verschulden von heute auf morgen die Heimat zu verlieren. Und dass es aber auch immer ein kleines bisschen an einem selber liegt. Das meinte sie gar nicht zynisch, sondern sie meinte es, glaube ich, wirklich nur im Sinne von optimistischer Kraft und von positivem Denken. Du musst auch ein kleines bisschen versuchen, aus dem, was dir widerfährt, etwas zu machen, was vielleicht auch einen kleinen positiven Anteil hat. Das zumindest hat der Vater versucht, den Kindern beizubringen.

Sie stecken ja sehr viel Liebe in die Inszenierung der Ausstattung. Es gibt eine Szene, wo Anna und ihr Bruder Max in Paris in ein Schreibwarengeschäft gehen, um sich einen billigen Stift zu kaufen. Das ist eine kleine Studie darüber, wie man mit sehr wenig Sprachkenntnissen, aber eigentlich mit Mut und auch mit Charme, zu den Dingen kommt. Lieben Sie das, dass es auch so ein magischer Raum ist?

Man muss immer aufpassen, dass die Armut im Kino nicht zu einer pittoresken Dekoration wird. Ich habe mir immer überlegt, dass der Schmerz in dieser Geschichte nicht von der äußeren Armut kommt, sondern von der inneren Erkenntnis. Und zwar von der Erkenntnis, dass es kein Zurück mehr geben wird. Und diese Erkenntnis wird erst im Laufe der Geschichte ganz langsam den Kindern klar. Und dafür habe ich mir dieses Bild überlegt, dass die Anna am Anfang der Reise einen Kalender malt. Da sagt sie, sie kreuzt die Tage ab, bis sie wieder nach Hause fahren. Und irgendwann im Laufe der Jahre und der Geschichte, und das passiert wirklich sehr langsam, kommt sie zu der Erkenntnis, dass sie aufhören kann, diesen Kalender abzukreuzen, weil sie nie wieder nach Hause gehen wird. Und diese Erkenntnis ist so schmerzhaft auf der einen Seite - und so erwachsen und tapfer, wie sie diesen Kalender dann wegwirft und sagt, na gut, dann ist das jetzt eben so, dann finden wir unser Zuhause eben woanders. Das war für mich der innere rote Faden, und ich wollte jetzt nicht äußerlich wahnsinnig dramatisieren, weil das in dem Roman von Judith Kerr einfach so auch nicht drinsteht.

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" von Caroline Link kommt am ersten Weihnachtsfeiertag in die deutschen Kinos.

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