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Daniele Gatti

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Alptraum Klassik? Belästigungsvorwürfe von Cleveland bis Erl

Jetzt traf es Daniele Gatti: Sein Rauswurf beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester ist spektakulär. Er soll Künstlerinnen belästigt haben. Mehrere andere Musiker und Manager mussten ebenfalls gehen, und die Debatte geht weiter. Von Peter Jungblut

Über dieses Thema berichtet: LÖSCHEN Kultur am .

Der Alptraum in der Klassik-Szene hört nicht auf: Sex-Vorwürfe führten in den vergangenen Tagen gleich reihenweise zum Rauswurf oder Rücktritt von bis dahin unantastbaren Dirigenten, Konzertmeistern und Nachwuchs-Managern. Bei den Tiroler Festspielen in Erl muss der künstlerische Leiter und Maestro Gustav Kuhn seit gestern sein Amt „ruhen“ lassen, weil fünf Frauen behaupteten, von sexuellen Übergriffen zu wissen bzw. selbst davon betroffen gewesen zu sein. Lange hatte Kuhn sich verteidigt, es handle sich um haltlose, anonyme Beschuldigungen eines Bloggers. Dieser wurde auch mit zahlreichen Gerichtsverfahren behelligt. Nachdem sich jedoch einige Betroffene mit vollem Namen in Fernsehinterviews zu zahlreichen Details äußerten, wurde Kuhn zur Belastung. Ob er jemals nach Erl zurückkehrt, ist äußerst fraglich. Dort war seine Begeisterung für „Wein, Weib und Gesang“ gelobt worden, allerdings war auch immer von selbstherrlichen Auftritten und unüblich lautstarken Proben die Rede.

"Reputation Doctor" soll helfen

Die amerikanische „Washington Post“ hatte letzte Woche drei weitere Musiker in einem Enthüllungsartikel der sexuellen Belästigung beschuldigt. Alle drei sind inzwischen fristlos entlassen, darunter als Prominentester Daniele Gatti (56), der Chef des Amsterdamer Concertgebouw Orchesters. Ihm hatten zwei Musikerinnen unerwünschte Annäherungsversuche 1996 in Chicago und 2000 in Bologna unterstellt, daraufhin meldeten sich weitere aus Amsterdam. Gatti selbst heuerte eine PR-Firma an, die darauf spezialisiert ist, „Rufschädigungen“ zu beheben. Ob ihm der „Reputation Doctor“ allerdings hilft, ist zweifelhaft. Gatti hatte sein „ehrliches Bedauern“ aus „der Tiefe seines Herzens“ geäußert, falls eine Frau den Eindruck gehabt haben sollte, nicht „respektvoll und würdig“ von ihm behandelt worden zu sein. Das angedachte „Ring“-Dirigat in Bayreuth 2020 wird Gatti unter diesen Umständen kaum noch in Aussicht haben. Im Oktober soll er in München das BR-Symphonieorchester mit einem Mahler-Programm dirigieren.

Hunderte von Verdachtsfälle?

Weitere Fälle wurden aus Cleveland und Florida gemeldet. In Cleveland musste der langjährige Konzertmeister William Preucil gehen, nachdem eine junge Violinistin behauptet hatte, sie sei von ihm 1998 in ein Hotelzimmer gelockt und dort „aggressiv geküsst“ worden. Preucil räumte „Flirtversuche“ ein, verwahrte sich jedoch entscheiden gegen den Verdacht, jemanden gewaltsam belästigt oder gar erpresst zu haben. An der Florida Grand Opera traf es Bernard Uzan, der dort für das Nachwuchs-Programm zuständig war. Gegen ihn äußerten sich vier Frauen und berichteten von „Psychoterror“ und unfreiwilligen sexuellen Angeboten. Dem Vernehmen nach melden sich in einer nichtöffentlichen Facebook-Gruppe inzwischen hunderte von Klassik-Künstlern, die von Belästigungen berichten. Die amerikanischen Gewerkschaften wollen sich laut Washington Post einschalten.

Studenten protestieren

Am "Berklee College of Music in Boston" gab es im vergangenen November einen Protestmarsch von Studenten, nachdem elf Lehrer der Belästigung verdächtigt waren. Wie sich herausstellte, hatte die Ausbildungsstätte in 13 Jahren nichts dagegen unternommen, also auch nicht überprüft, was an den Verdachtsfällen dran ist. Die Artikel in der “Washington Post” werden von Lesern aus der Klassik-Szene intensiv kommentiert. Sex-Vorwürfe sind auch von der Münchener Musikhochschule bekannt.