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Jan Josef Liefers: Scharf attackiert für seine Rolle bei #allesdichtmachen

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    #allesdichtmachen-Berichte: "Tagesspiegel" zeigt Selbstkritik

    Der "Tagesspiegel" hatte am eifrigsten versucht, die Satire-Aktion von rund fünfzig Schauspielern als von rechten Netzwerken unterwandert zu "entlarven". Doch jetzt räumte die Chefredaktion "handwerkliche Fehler" ein und bat um Entschuldigung.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Die Erregung war und ist riesengroß, das Thema polarisiert gewaltig, und die Aufarbeitung der Berichterstattung über #allesdichtmachen scheint gerade erst begonnen zu haben. Rund 50 Schauspieler, darunter sehr Prominente wie Jan Josef Liefers und Volker Bruch ("Babylon Berlin"), die Tatort-Stars Ulrike Folkerts und Richy Müller hatten sich in kurzen satirisch gemeinten Videos mehr oder weniger deutlich gegen die Lockdown-Politik geäußert. Daraufhin brach ein Shit-Storm los, in dessen Getümmel sich rechte, ganz rechte, linke und ganz linke Beobachter zu Wort meldeten und manche Medien eindeutig Position bezogen, darunter an vorderster Front der "Tagesspiegel". In seinen Beiträgen war nahe gelegt worden, #allesdichtmachen sei aus der "Querdenker"-Szene gesteuert worden.

    "Online haben wir das korrigiert"

    Jetzt bekannten die drei Chefredakteure Lorenz Maroldt, Mathias Müller von Blumencron, Christian Tretbar in einem Artikel "in eigener Sache", die Redaktion habe "neue Hintergründe aufgezeigt", allerdings auch "handwerkliche Fehler gemacht". Als die Videos veröffentlicht worden seien, hätten sich Redakteure gefragt, ob es eine "zentrale Organisation" hinter der Aktion gebe und welches Interesse diese haben könne. Konkret sei es um die Rolle von "Tatort"-Regisseur Dietrich Brüggemann gegangen.

    Die Redakteure hätten auch Hinweise gefunden, dass der regierungskritische Publizist und Mediziner Paul Brandenburg zu den Organisatoren des Projekts gehören könnte, was der dementiert habe. Wörtlich schreiben die Chefredakteure: "Paul Brandenburg ist mehrfach in alternativen Medien aufgetreten, die auch Verbindungen zur Querdenker-Szene haben. Wir haben ihn mit Äußerungen aus diesen Auftritten zitiert und diese als 'antidemokratisch' bezeichnet. Dieser Begriff ist durch Brandenburgs Äußerungen nicht gedeckt. Online haben wir das korrigiert. Zudem haben wir Paul Brandenburg vor der Publikation nicht um eine Stellungnahme gebeten – eigentlich ein journalistisches Muss."

    Inzwischen wurden Brandenburg in Berlin seine Gewerberäume gekündigt, und zwar nach Angaben der "Berliner Morgenpost", weil sich eine Mitmieterin in der Liegenschaft über die politische Gesinnung des Mannes beschwert hatte. Er sei "Coronaleugner" und "Antidemokrat". Brandenburg hatte in der Husemannstraße 17 im Stadtteil Prenzlauer Berg seit zwei Wochen ein Covid-19-Testzentrum betrieben.

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    Bildrechte: Christian Charisius/Picture Alliance

    Verteidigt #allesdichtmachen: Volker Bruch

    Die "Tagesspiegel"-Chefredakteure nahmen auch Stellung zu ihrer Zusammenarbeit mit dem "Recherchenetzwerk Antischwurbler", über dessen genaue Rolle viel Rätselraten herrschte. Jetzt heißt es von dem Berliner Blatt: "Viele Leserinnen und Leser haben uns gefragt, wer sich dahinter verbirgt. Das Netzwerk ist eine Gruppe von derzeit acht Personen. Darunter befinden sich mehrere, die im vergangenen Jahr zunächst selbst Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen besucht haben, dort nach eigener Aussage über die Zusammensetzung der Teilnehmer erschraken. Zunehmend seien Symbole von Verschwörungsgläubigen und antisemitische Codes aufgetaucht, dazu Holocaustleugner, AfD-Politiker und Rechtsextreme."

    "Aus Angst vor Racheakten anonym bleiben"

    Gemeinsam mit einer "befreundeten Journalistin" hätten sie sich Rechercheure entschlossen, "ihre Vernetzung in der Szene, etwa in einschlägigen Telegram-Kanälen, zu nutzen, um Organisationsstrukturen und extremistische Tendenzen in der Szene zu recherchieren und zu dokumentieren": "Aus Angst vor Racheakten aus der Szene möchten alle Mitglieder anonym bleiben, die Identitäten mehrerer Initiatoren sind der Redaktion aber bekannt."

    Bei einer Online-Debatte des "Tagesspiegels" am Dienstagabend für die interessierte Leserschaft kritisierte der Starautor der Zeitung, Harald Martenstein, den Umgang seiner Redaktion mit #allesdichtmachen: "Ich glaube, es darf auf keinen Fall passieren, dass Opposition in diesem Land delegitimiert oder skandalisiert wird. Solche Tendenzen beobachte ich, die habe ich auch bei dem beobachtet, was wir, unsere Zeitung daraus machten. Die erste journalistische Reaktion in solchen Fällen sollte erst mal ein Interview mit einem der Hauptbeteiligten sein. Die sollten erst mal erzählen, was sie sich dabei gedacht haben."

    "Es ist etwas kenntlich gemacht worden"

    "Tagesspiegel"-Medienredakteur Joachim Huber sagte, alles habe nach "einer sehr konzertierten und konzentrierten Aktion" ausgesehen, er habe sich gefragt, wie 53 Künstler dazu kommen "nichts anderes zu tun". Es sei nicht Aufgabe der Presse, "am Rande des Weges zu stehen und nur Applaus zu spenden, wenn jemand demonstriert oder protestiert", sondern man müsse auch "hinter die Dinge" schauen: "Es ist etwas kenntlich gemacht worden, was vorher nicht kenntlich gemacht worden ist, wir haben also durchaus versucht, Transparenz herzustellen."

    Der eingeladene Paul Brandenburg beschwerte sich in der Runde, er sei als "dubiose Figur" dargestellt worden, die "unter dem Radar der Öffentlichkeit" tätig sei, ihm sei "sehr wohl eine Verschwörung" unterstellt worden: "Wieso setzen Sie die Kritik an der Corona-Politik gleich mit dem Begriff Querdenken? Das ist schlicht und ergreifend falsch." Mit Dietrich Brüggemann verbinde ihn eine "frische Freundschaft". Er habe "früher als andere" von #allesdichtmachen erfahren, die Aktion "sehr gelungen und komisch" gefunden und dabei "in keiner Weise" Überheblichkeit von Privilegierten festgestellt. Die Produktionskosten für die Videos hätten nach Angaben seiner Gewährsleute nur 200 Euro betragen: "Ich kann Ihnen über diese Menschen sagen, dass sind Menschen mit hohem sozialen Interesse, mit hoher sozialer Kompetenz, die sehr wohl mitfühlen. Ein Großteil hat es aus der Eigenschaft heraus getan, Eltern zu sein, die litten unter den Folgen für ihre Kinder."

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