BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR / Johanna Schlüter
Bildrechte: BR / Johanna Schlüter

Jesusfigur in der Krippe (Symbolbild)

Per Mail sharen

    Alles nur geklaut? Warum Jesus an heidnische Götter erinnert

    Unbefleckte Empfängnis, Geburt am 25. Dezember, Tod am Kreuz und Auferstehung - all das sind keine Erfindungen des Christentums. Schon früheren Göttern wurde eine ähnliche Biographie wie die von Jesus Christus zugeschrieben.

    Per Mail sharen
    Von
    • Geseko von Lüpke

    "Es raubt einem den Atem", so der kanadische Theologe Tom Harpur. Nicht weniger als sechzehn "gekreuzigte Weltenretter" habe er in der Geschichte der Religionen gefunden. Dazu ungefähr fünfzig Sonnengötter unterschiedlicher Art, die früher in unterschiedlichem Maß ein ähnliches Leben geführt haben sollen, wie Jesus von Nazareth.

    Beim ägyptischen Sonnengott Horus, der zeitlich 2.000 Jahre vor Christus verortet wird, gebe es 180 exakte Parallelen zur Biographie des christlichen Messias, sogar Aufzeichnungen, in denen beide exakt gleich zitiert werden, mit Sätzen wie "Ich bin das Brot des Lebens" oder "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".

    Universale Biographie der Götter?

    Das Christentum ist vor 2.000 Jahren nicht einfach gänzlich neu vom Himmel gefallen. Es ist viel mehr Teil einer fast unendlichen Kontinuität von immer wieder neu überlieferten Geschichten über die existentiellen Fragen zwischen Himmel und Erde.

    Als die nach aller Wahrscheinlichkeit historische Figur eines Joshua oder Jesus die Bühne der Weltgeschichte betrat, dürfte es eine Vielzahl von miteinander verwobenen Traditionen, Geschichten und Mythen gegeben haben. "Alles Komplexe setzt sich aus einfachen Bausteinen zusammen, auch Religionen", sagt der Astrophysiker Harald Lesch. "Lieder, Symbole oder zeitliche Zuordnung - eine neue Religion wird das aufnehmen, was bei einer alten Religion erfolgreich gewesen ist. Alles was uns umgibt, ist ein Evolutionsprodukt. Warum sollen Religionen kein Evolutionsprodukt sein?"

    Bei der Entwicklung einer neuen Religion sei es naheliegend, sich bekanntes Material zunutze zu machen, so der Religionswissenschaftler Jörg Rüpke. "Die Geschichten über diese Personen werden Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte nach deren Tod entwickelt und haben eine ganz bestimmte Zielsetzung: Sie werben für eine Religionsgemeinschaft, für bestimmte Überzeugungen und werden dann entsprechend mit attraktiven Elementen aufgeladen."

    Viertes Jahrhundert: Update für die christliche Lehre

    Die Theologen gehen heute davon aus, dass die Evangelien, so wie wir sie heute kennen, erst gut 300 Jahre nach dem Leben und Sterben Jesu zur verbindlichen Lehre wurden. Nämlich auf dem Konzil, das Kaiser Konstantin im Jahr 325 in der kleinen Stadt Nicäa in der Nähe des heutigen Istanbul einberief, um den Streit der verschiedenen Bischöfe zu beenden.

    "Da veränderte sich die ganze Geschichte", sagt Tom Harpur. "Im Zentrum dieses Wandels stand die Zusammenstellung einer Jesus-Legende, die sich inhaltlich an den universellen heidnischen Mythen orientierte, teils genährt von der griechischen Mythologie, davor schon erzählt von den alten Sumerern und noch davor von den alten Ägyptern. All diese Mythen goss man literarisch in eine jüdische Form und erklärte sie zu einer wahren Geschichte."

    Der anglikanische Priester Tom Harpur veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in dem Buch "Der heidnische Heiland", in dem er dazu aufruft, Jesus als mythologische Figur zu begreifen, in der sich die großen Menschheitsfragen spiegeln – nicht aber als geschichtliche Figur, als Individuum mit einmaliger Biographie.

    Priester: "Religion ist missverstandene Mythologie"

    Einige Theologen plädieren dafür, die Geschichte Jesu und das neue Testament als eine Art Mythos zu lesen. So auch Harpur: "Religion ist missverstandene Mythologie. Sie benutzt Mythologie, als handele es sich um Geschichte, anstatt sie als Analogie zu inneren Fragen des Menschen zu lesen." Mythen seien eben keine historische Wahrheit, sondern nur ein Werkzeug um Wahrheit auszudrücken.

    Im Glaube an Jesus Christus gehe es nicht darum, sich auf die Details der fragwürdigen Biographie zu versteifen, sondern den Fokus auf die Botschaft zu legen, findet der Erfurter Theologe Rüpke: "Sich nicht mit dem Versuch zu begnügen, mythische Elemente als historische zu nehmen, sondern sich die Frage zu stellen: Warum wird so erzählt?" Dann könne die Botschaft des Christentums – gemäß den Anforderungen der Zeit – immer wieder neu gelesen, interpretiert und verstanden werden.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!