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Alles nicht so einfach: Kunstminister Sibler entgegnet Kritikern | BR24

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Für die Bayreuther Festspiele geht er ins Risiko, den Wettbewerb um die Europäische Kulturhauptstadt will er "durchleuchten" und die heftige Kritik an seiner Amtsführung erklärt er mit "emotionalem Druck" der Kulturbranche. Eine Jahresbilanz.

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Alles nicht so einfach: Kunstminister Sibler entgegnet Kritikern

Für die Bayreuther Festspiele geht er ins Risiko, den Wettbewerb um die Europäische Kulturhauptstadt will er "durchleuchten" und die heftige Kritik an seiner Amtsführung erklärt er mit "emotionalem Druck" der Kulturbranche. Eine Jahresbilanz.

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Von
  • Peter Jungblut

Er hat ein ganz persönliches "Unwort des Jahres": Für den bayerischen Kunstminister Bernd Sibler ist es die im ablaufenden Jahr überaus strapazierte Formulierung "auf Sicht fahren". Auch er selbst musste seinen Kurs immer wieder korrigieren, die Pandemie und wohl auch die strikten Vorgaben von Ministerpräsident Markus Söder ließen ihm keine andere Wahl. So wirkte Sibler von Monat zu Monat betrübter und wurde aus der Kulturbranche für seine Amtsführung immer heftiger attackiert. Selbst Wohlmeinende, wie Bernd Schweinar vom Bayerischen Verband Popkultur äußerten sich frustriert und warfen Sibler vor, dass er zwar präsent sei und hinhöre, aber leider nicht zuhöre.

"Nicht so einfach, wie manche meinen"

"Das ist auch Ausdruck des emotionalen Drucks, der sich aufgestaut hat", kommentiert Sibler solche Äußerungen im Gespräch mit dem BR. "Ich bin bei solchen Dingen auch nicht nachtragend, weil ich dafür Verständnis habe. Es ist halt ein schwieriges Abwägen bei finanziellen Förderungen zwischen Bundeszuständigkeiten und Verfahrensfragen. Man muss aufpassen, dass es keine Rückforderungen gibt, uns haben rechtliche Fragen beschäftigt. Es ist nicht so einfach, wie es manche meinen." Und so dauerte es Monate, bis ein neues "Sofort"-Hilfsprogramm für Soloselbständige anlaufen konnte – erst heute ab 12.00 Uhr sind Anträge überhaupt möglich. Das ist nicht optimal gelaufen, da wäre deutlich mehr Tempo angebracht gewesen, sagen selbst Leute aus dem Kunstministerium, wenn gerade kein Mikrofon angeschaltet ist.

Auch Sibler sagt: "Ich hätte mir gewünscht, dass das schneller geht. Wir haben es jetzt geschafft, da hilft der Blick nach vorne und nicht zurück." Klingt nicht so, als ob er mit sich selbst und der Bürokratie in diesem Punkt sonderlich zufrieden war. Ständig sprach er in den letzten Monaten von einem "Spagat", den er aushalten müsse, als Minister, der eigentlich Kultur ermöglichen soll und jetzt dauernd damit beschäftigt ist, sie einzuschränken. Tatsächlich ist es aber wohl auch ein Spagat zwischen seinem Haus und der Staatskanzlei, wo Söder die Marschrichtung vorgibt.

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Bildrechte: Peter Jungblut/BR

Demonstration für Kunstfreiheit

Neuestes Beispiel dafür: Der Umgang mit Buchläden im Lockdown. Anderswo, etwa in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, dürfen sie offen bleiben. NRW erlaubt immerhin das Abholen von bestellten Büchern. Bayern zwingt den Buchhandel zum kompletten Lockdown. Dazu Bernd Sibler: "Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir einen Abholservice möglich gemacht hätten. Auf der anderen Seite: Sieht man sich die Infektionszahlen an, muss man zur Kenntnis nehmen, dass wir in Bayern eine schwierigere Situation als in anderen Bundesländern haben. Wir haben ein sehr hohes Infektionsgeschehen, an unseren Außengrenzen eine hohe Mobilität. Ich bin sehr froh, dass viele Buchhandlungen auf Lieferservice umgestellt haben."

Kein Bedauern über Lockerungen im Sommer

Sibler verweist auf aktuelle Umfragen, wonach "siebzig bis achtzig Prozent" der Befragten mit dem Kurs der bayerischen Staatsregierung zufrieden seien und die Zahl derjenigen, die liberalere Regeln fordern, sehr gering sei. Dass es im Sommer zeitweise wieder Kulturangebote gab, bedauert der Minister im Rückblick nicht, obwohl es genügend Kritiker gibt, die der Politik vorwerfen, zu lax gewesen zu sein: "Es war richtig, im Sommer Veranstaltungen zu ermöglichen. Es hat auch Druck bei den Künstlern und in der Veranstaltungsbranche herausgenommen. Es war ja vollkommen klar, die Künstler wollen ihre Kunst präsentieren, das Publikum will diese Kunst erleben, fühlen, spüren. Und deshalb war es richtig, dass wir im Sommer einiges ermöglicht haben, wenn auch im kleineren Format."

Trotz Lockdown sind Gottesdienste und Demonstrationen möglich, Theatervorstellungen und Konzerte aber nicht, obwohl die Kunstfreiheit im Grundgesetz ähnlich geschützt ist. Sibler verteidigt das. Am 15. Januar werde er sich mit den Staatstheaterintendanten zusammensetzen und darüber beraten, wie es nach dem 31. Januar weitergehe. Bis dahin sind alle Vorstellungen abgesagt.

Für Bayreuth geht Sibler ins Risiko

Die Entscheidung, im kommenden Sommer in Bayreuth Festspiele vorzubereiten, auch, wenn die möglicherweise nicht stattfinden können und der Freistaat dann auf einer gehörigen Rechnung sitzen bleiben würde, verteidigt Sibler energisch: "Bayreuth findet im Juli und August statt. Da gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, wenn man auf das ablaufende Jahr blickt, dass die Infektionszahlen deutlich niedriger sind, so dass wir etwas in geeigneter Form etwas durchführen. Es ist ein kalkulierbares Risiko, aber natürlich ein Risiko. Ich denke, man kann im vertretbaren Ausmaß einiges tun. Das ist auch ein wichtiges kulturpolitisches Signal, wir müssen schon schauen, wo wir Perspektiven anbieten können. Ich glaube, im Juli und August können wir ein gewisses Risiko eingehen."

Reformbedarf bei Kulturhauptstadt-Entscheidungen

Zur aktuellen Auseinandersetzung um das Vergabeverfahren für die Europäische Kulturhauptstadt 2025, in dem Nürnberg und einige andere Städte unterlagen und Chemnitz gewann, sagt Sibler: "Ich denke, es ist eine schlichte Selbstverständlichkeit, wenn Kritik geübt wird, dass wir die Vorwürfe durchleuchten." Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" war von Berater-Filz die Rede und undurchsichtigen Geschäften: "Ich kann mir vorstellen, dass wir uns an die EU wenden, um das bisherige Vergabeverfahren noch einmal neu zu durchdenken und gegebenenfalls auf neue Beine zu stellen, aber das ist eine Aufgabe der EU und da will ich auch meinen Ministerkollegen nicht vorgreifen."

Nach einer Kulturministerkonferenz am vergangenen Mittwoch war vereinbart worden, dass die zuständigen Minister noch einmal mit der Jury reden, bevor sie – mutmaßlich einstimmig – die Entscheidung für Chemnitz bestätigen: "Wir haben festgehalten, dass wir Chemnitz in Aussicht nehmen. Es gibt auch keinen zweiten oder dritten Platz, es gibt keinen Nachrücker. Von daher glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir Sicherheit im Vergabeverfahren haben." Die Nachrichtenagentur dpa wollte erfahren haben, dass eigentlich alle Bundesländer bereit waren, Chemnitz umgehend offiziell als Sieger auszurufen, Bayern sich jedoch enthalten hätte - wohl mit Rücksicht auf das unterlegene Nürnberg, wo es offene Fragen zum Ablauf des Wettbewerbs gibt.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper
Bildrechte: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Kulturerfahrung 2020: Premiere in der Bayerischen Staatsoper

Die ganz persönlichen Kulturerlebnisse 2020

Zu seinen ganz persönlichen Kulturerlebnissen zählt Sibler 2020 einige Vorstellungsbesuche im Sommer: "Das erste waren die Open-Air-Veranstaltungen in meiner Heimatstadt, die wir anbieten konnten, das zweite war die Premiere in der Bayerischen Staatsoper mit den ‚Sieben Toden der Maria Callas‘, die wir gerade noch machen konnten, und das dritte waren die Europäischen Wochen in Passau, die den optimalen Zeitpunkt im September gefunden haben, um unter den gegebenen Umständen stattfinden zu können."

Natürlich nimmt er ein paar Bücher mit in die Feiertage: Christof Metzgers Bildband zum Werk Albrecht Dürers (zu einer Ausstellung in der Wiener Albertina, Prestel-Verlag), Hubertus Wolfs aufsehenerregende Biografie "Der Unfehlbare: Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert" (C.H. Beck) und Bart van Loos durchaus umstrittenes Buch "Burgund: Das verschwundene Reich" (C.H. Beck). Es wurde wegen seines "flapsigen Stils" gescholten, womit Sibler keine Probleme hat: Zu seiner Studienzeit hätten noch alle Geschichtsbüchern mit Bildern als "unwissenschaftlich" gegolten.

"Es war ein Weg", bilanziert Sibler seufzend das Jahr. Ein steiniger, meint er damit wohl.

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