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"Alles ist gut": Eine Frau auf der Suche nach der eigenen Stärke | BR24

© Filmweltverleih

Die beiden Hauptdarsteller*innen Janne und Martin

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    "Alles ist gut": Eine Frau auf der Suche nach der eigenen Stärke

    Es beginnt ganz harmlos, als Janne und Martin nach einem Klassentreffen gemeinsam nach Hause gehen. Doch plötzlich kippt die Stimmung , Martin erwartet und erzwingt schließlich mehr. Davon erzählt Regisseurin Eva Trobisch mit viel Feinsinn

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    Das Ende eines Klassentreffens: Janne hat die Runde überstanden, in der jeder seinen Werdegang Revue passieren lässt und Glück nach den Parametern Beruf, Partner, Kind ermessen wird. Jetzt darf sie tanzen, ihre Anspannung ist Unbeschwertheit gewichen. Das Haar: durcheinander, auf dem Körper: eine glänzende Schweißschicht, die Bewegungen: gelöst. Neben ihr steht Martin. Den ganzen Abend haben sie zusammen verbracht, ein sympathischer Typ ist das. Er könne schon bei ihr auf der Couch übernachten, bietet sie ihm deshalb an. Und wie Martin fragt sich auch der Zuschauer, als er Jannes Haus betritt: Und jetzt?

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    Die Tage nach der unglücklichen Nacht: Janne ist zurück im Alltag

    Die Folgen eines Abends

    Janne wird nicht aufhören zu lachen, zu versuchen, mit einem Lächeln nein zu sagen, und Martin wird nicht aufhören zu drängen, Janne schließlich hart in den Griff nehmen und unter sich zwingen. „Echt jetzt?“, fragt sie bloß noch, als sie da liegt, und lässt ihn machen. Strafrechtlich eine Vergewaltigung, keine Frage, nur weigert sich Janne, sie als solche zu benennen. Sie lässt Martin ziehen und kehrt zurück in den Alltag. Keine Szene, in der sie unter der Dusche alles wegzuwaschen versucht, kein Weinen. Stattdessen sagt sie zu, als ihr wenig später ein Job angeboten wird, der Martin zu ihrem Kollegen macht. Der Abend passt nicht in das Bild, das Janne von sich hat: Sie ist eine moderne junge Frau, emanzipiert, beruflich engagiert, stark, keineswegs willensschwach. Wie so viele ihrer Generation wendet sich von einem Feminismus alter Schule ab, weil sie sich darüber hinaussieht, sich nicht als schwaches, hilfsbedürftiges Wesen definieren will. „Alles gut“, sagt und suggeriert sie sich immer wieder und verpflichtet sich zu einer Stärke, die sie erfolgreich und attraktiv macht. Dieses Selbstbild aufzugeben, sich als Opfer zu verstehen – wegen ein paar Minuten in einer unglücklichen Nacht, kommt für Janne nicht in Frage.

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    Aenne Schwarz als "Janne"

    Trügerische Stärke

    Und so spürt der Film dieser Entscheidung in ihrer ganzen Ambivalenz nach: Selbstermächtigungs-Strategie einerseits, stilles Aushalten andererseits. Eva Trobisch: "Was zum Selbstbild der Janne dazugehört, ist eine maximale Unkompliziertheit – und das fand ich auch immer total spannend, weil es zu dieser 'Alles ist gut'-Haltung passt: Wo grenzt das auch an Opportunismus? Opportunismus ist sehr wertend, aber auch an Konfliktscheue. Also: Vermeintlich ist das stark oder kraftvoll. Mit der kann man irgendwie alles machen und die kann alles wegstecken und handhaben, aber diese Stärke, die uns da irgendwie auch antrainiert wird, ist eben auch ein bisschen trügerisch. Ist auch eine vermeintliche Stärke, hinter der sich auch viel Ducken verbirgt."

    Überraschend leicht, überraschend humorvoll

    Regisseurin Eva Trobisch gelingt es, beides stehen zu lassen: die Stärke dieser Frau, die Aenne Schwarz mit viel Gespür für ihren Konflikt, ihre Zerrissenheit spielt, und die Kehrseite dieser Stärke. „Alles ist gut“ lebt von dieser Protagonistin, die Bildstimmungen entwickelte Trobisch in Auseinandersetzung mit ihr, ebenso die Haltung der Kamera: "Und dann war relativ schnell klar, ich will der nicht zu nah auf die Pelle rücken. Die braucht einen Schutzraum, die Figur, die braucht Würde. Und genauso wie sie sozusagen different ist in ihren Haltungen und Gefühlen und in der Komplexität, wie sie zu den Dingen steht, so muss eigentlich auch die Kamera sein. Deswegen war klar, dass wir ihr nie ins Gesicht gucken können frontal, und da so eine klare Eindeutigkeit erhalten. Dass die Dinge für uns nicht so verfügbar sind, dass wir Räumen und Situationen nicht voll habhaft werden."Und wie sich die Protagonistin jeder Sentimentalität verweigert, so tut es auch der Film. Die Dialoge haben eine unglaubliche Leichtigkeit, eine Komik, die sich schwer nacherzählen lässt. Als Janne etwa ihrer Mutter erzählt, dass ihr ein Typ blöd gekommen sei, erklärt diese lehrbuchartig, nein heiße nein. Und plötzlich müssen beide kichern – über einen Satz, der so wahr wie hohl geworden ist, so oft wie er schon gebraucht und missachtet wurde, über eine Situation, in der zwei Frauen schwitzend in der Sauna sitzen und das 1*1 der Frauenrechte hin- und herwenden. Gerade diese Leichtigkeit, Unaufgeregtheit lässt die Figur den Zuschauer unheimlich nahe kommen im täglichen Versuch, die eigene Stärke zu definieren und sie zu hinterfragen.

    „Alles ist gut" – der Film kommt diese Woche in die deutschen Kinos.