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Alles im "Flow": Warum die Seele Bewegung braucht | BR24

© Redaktion Religion und Orientierung/Friederike Weede

Der moderne Durchschnittsbürger hat ein Problem mit seiner innerlichen Beweglichkeit, seiner "Seelenfitness", denn er verbringt den Großteil des Tages im Büro, vor dem Fernseher, am Computer, im Auto. Die Seele in Bewegung halten, das fällt schwer.

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Alles im "Flow": Warum die Seele Bewegung braucht

Historisch ist Sport eher in der heidnischen Antike verwurzelt als im Christentum. Trotzdem entdecken Kirche und Theologie immer mehr die Spiritualität des Sports. Und auch jenseits der Kirche wächst die Sehnsucht nach Bewegung für Körper und Seele.

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Erstmals gibt es heuer auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund ein eigenes Zentrum "Kirche und Sport". Andere religiöse Traditionen schätzen seit je her die seelischen Dimensionen körperlicher Bewegung. Von der christlichen Mystik über den islamischen Sufismus bis hin zu Yoga: weltweit lehren Glaubensrichtungen oder Geistesschulen die Einheit von geistiger und körperlicher Bewegung - entgegen dem klassischen Leib-Seele-Dualismus.

Das christliche Herzensgebet wird auf den Rhythmus des eigenen Ein- und Ausatmens gebetet, von Pilgern sagt man, sie beteten "mit den Füßen". Muslimische Mystiker – Sufis – drehen sich beim Trancetanz im Kreis, orthodoxe Juden "Schockeln", schaukeln im Gebet mit dem Oberkörper vor und zurück. Eine fitte Seele regt sich.

"Seele, läuft" – leider immer weniger

"Seele, läuft" – so könnte man zusammenfassen. Bei vielen aber läuft leider nichts. Der moderne Durchschnittsbürger hat ein Problem mit seiner innerlichen Beweglichkeit, seiner "Seelenfitness", denn er verbringt den Großteil des Tages völlig immobil – im Büro, vor dem Fernseher, am Computer, im Auto. Die Seele in Bewegung halten, das fällt da schwer, auch mit Stunden auf dem Laufband oder dem Crosstrainer.

Zweifelsohne macht Sport glücklich, davon wissen nicht nur Langstreckenläufer zu berichten, die regelmäßig einen "Laufrausch" erleben, ein so genanntes "Runner’s High", die Ausschüttung von körpereigenen Endorphinen unter Anstrengung. Allerdings senkt ein Marathon zwar den Blutdruck und steigert Fitness und Wohlbefinden, die Seele aber profitiert von der Bewegung nur, wenn diese absichtslos wird, wenn sie um ihrer selbst willen geschieht, wenn alles fließt.

Panta rhei – alles fließt, stellte der griechische Philosoph Heraklit einst fest. Die Erkenntnis, dass das menschliche Sein immer ein Werden ist, das Leben ein ständiger Prozess und die Seele stets in Bewegung, spielt seither immer wieder in Philosophie und Theologie eine Rolle.

Beim Qigong fließt Lebensenergie und fördert Heilung

Beim Qigong, einer alten Meditations- und Konzentrationsübung aus der traditionellen chinesischen Medizin soll der Fluss des Qi, also der menschlichen Lebensenergie, zu Heilungszwecken befördert werden. Qigong-Meisterin Maria Reicht aus Rosenheim praktiziert ihre Übungen am liebsten im Wasser der Mangfall stehend mit langsamen, fließenden Bewegungen – wie in Zeitlupe. Dabei war Maria Reicht früher eine "Fitnessmaus", so beschreibt sie es selbst, allerdings sei ihre Bewegung rein äußerlich gewesen. "Es ging nur über eine körperliche Ebene", erinnert sich die Qigong-Meisterin.

Ganz anders heute: "Qigong geht nicht nur körperlich" erklärt Maria Reicht,"das muss ganzheitlich sein. So lange ich nur die Arme hebe und senke, mache ich Sport. Aber irgendwann schaffe ich es, wirklich die Erdenergie in mir aufsteigen zu lassen, so dass die Arme von alleine gehoben werden und durch tiefe Entspannung lasse ich die Erdenergie wieder entweichen und die Arme senken sich von selbst. Das ist Qigong."

Sport soll die Seele lockern, nicht verkrampfen

Andere steigern sich mit ihrem sportlichen Ehrgeiz in einen regelrechten Optimierungswahn hinein. Selbst im Breiten- und Freizeitsport gebe es eine Art "Wettrüsten", beobachtet Martin Voss aus dem oberbayerischen Bad Wiessee, Sportbeauftragter der evangelischen Landeskirche. "Wenn man sich zum Beispiel Werbebilder anschaut von vor 20 Jahren und von heute, man sieht Sportler eigentlich nur noch in einem Rennmodus", klagt der Sportpfarrer. "Der Sport ist schon sehr ausgereizt. Wenn sie sich Mountainbike-Kalender anschauen zum Beispiel, das ist schon immer alles so an der Grenze des Abstürzens. Da ist so die Grenze, wo man sagt: Selbsterfahrung, Grenzen austesten, ja, aber wo geht das über in eine deutliche Gefährdung des Menschen? Ich komme auch selber vom Bergsport her und da sagt man immer: Es gehört mehr Mut dazu, eine Tour auch mal abzubrechen als sie weiterzugehen."

Dem sportlichen Aufrüstungswahn gegenüber propagiert die christliche Theologie ein weniger perfektionistisches Menschenbild, was auch wiederum eine Erlösung für viele Menschen sein kann – von Leibvergötterung und Fitnesskult, so sieht es der Sportpfarrer.

Meditation beim Vollmondschwimmen im Chiemsee

Was geschieht, wenn das Training vom Freizeitspaß zum Freizeitstress wird, weiß Markus Füller aus Prien am Chiemsee. Er ist der Initiator des Langstreckenschwimmens im Tegernsee, das 2018 zum ersten Mal stattgefunden hat. Auch Markus Füller hat natürlich sportlichen Ehrgeiz, doch er ist kein Getriebener mehr. Früher war Füller Triatleth, nahm ständig an Wettkämpfen teil, war eigentlich immer im Training, so erinnert er sich: "Früher mit dem Triathlon, das war immer Stress für mich. Dann musste das Training noch reingepresst werden, dann hier musste ich noch zehn Kilometer laufen und alles ist blöd, wenn ich das heute nicht mehr schaffe."

Heute ist der Genuss an der Bewegung für den Langstreckenschwimmer mindestens ebenso wichtig, zum Beispiel beim Vollmondschwimmen im Chiemsee mit beleuchteten Bojen, erzählt er: "Das ist auch eine ganz mystische, ganz meditative Geschichte im August, zwei Kilometer mit Blick auf die Kampenwand, mit Blick auf den Vollmond, letztes Jahr im August hatten wir sogar diesen Blutmond. Dieses Gefühl, alleine im Wasser zu sein durch den See zu schwimmen, nur seinen eigenen Atem zu hören. Das hat meditative Aspekte."

Herzensgebet: Die Seele ausbremsen und dann zum Schwingen bringen

Eine kleine Bewegung, das stetige Kommen und Gehen des Atems, ist es auch, die den Rhythmus für das altkirchliche christliche Herzensgebet vorgibt, erklärt die Theologin Doris Zölls, spirituelle Leiterin des Benediktushofes von Zenmeister und Benediktinermönch Wiligis Jäger. Denn auch die unio mystica, die Vereinigung der Seele mit Gott, dieses höchste spirituelle Ziel christlicher Mystiker ist kein statischer, sondern eher ein schwingender Zustand, ähnlich dem Gemütszustand, den Psychologen als "Flow" bezeichnen: Funktionslust, das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit.

Diesen zu erreichen, ist das Ziel vieler Besucher des Zentrums für Meditation und Achtsamkeit im unterfränkischen Holzkirchen. "Beim Tanzen ist es leicht, dass sie in diesen Flow kommen, beim Laufen ist es auch leicht", sagt die Meditationslehrerin und Zen-Meisterin Doris Zölls, "aber das sind ja schon Ausnahmesituationen im Leben. Wenn ich nicht fähig bin, dass ich den Geist beruhige, dann kann ich zwar kilometerlang laufen, aber was mache ich, wenn ich nicht mehr laufen kann? Die Kunst ist es ja nicht nur in solchen Extremsituationen das zu finden, sondern im ganz normalen Leben."

Jede Bewegung kann ein spirituellen Erlebnis werden

Um die Seele in Schwingung zu versetzen, entschleunigen die Besucher des Benediktushofs erst einmal – beim Sitzen in Stille, erklärt Doris Zölls. "Dann wird geübt, diese Konzentration auch im Gehen zu haben, den Atem und das Gehen zu verbinden, es wird also Meditation im Gehen geübt, dann wird Meditation im ganz normalen Arbeiten geübt, dass man zum Beispiel putzt oder Gemüse schneidet. Im Grund genommen ist jeder Moment eine Übung." Mit der entsprechenden geistigen Übung, wird so auch die Bewegung zu einem spirituellen Erlebnis.

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