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Alkohol ist unser Rettungsboot: Vorstadtweiber von Windsor | BR24

© Bayern 2

Otto Nicolais Biedermeier-Oper nach Shakespeare wird an der Berliner Staatsoper mit Star-Aufgebot und großer Ausstattung in die betuliche Kleinbürgerwelt der achtziger Jahre verlegt. Das ist bisweilen witzig, aber nicht durchweg überzeugend.

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Alkohol ist unser Rettungsboot: Vorstadtweiber von Windsor

Otto Nicolais Biedermeier-Oper nach Shakespeare wird an der Berliner Staatsoper mit Star-Aufgebot und großer Ausstattung in die betuliche Kleinbürgerwelt der achtziger Jahre verlegt. Das ist bisweilen witzig, aber nicht durchweg überzeugend.

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Mit Alkohol ist ja vieles zu ertragen: Öde Grillfeste, fade Terrassengespräche, langweilige Ehen und übergewichtige Liebhaber. Insofern machen diese Vorstadtweiber alles richtig: Sie lassen sich mit Sekt voll laufen und warten ab, was passiert. Da wird die Wäschespinne verrückt, und der Mond wundert sich. Regisseur David Bösch und seine Ausstatter Patrick Bannwart und Falko Herold verlegten Otto Nicolais heute selten aufgeführtes Singspiel in die späten siebziger, frühen achtziger Jahre, als schnurlose Telefone noch wahre Riesenknochen waren und Kleinbürger mit weißen Tennis-Socken, bekleckerten Unterhemden und schlammfarbenen Bademänteln unterwegs waren.

Schaumkronen im Pool

Auf der Bühne stehen zwei denkbar grottige Beton-Bungalows, drumherum Campingplatz-Atmosphäre: Die Wäsche baumelt im Wind, die Plastikstühle stehen bereit, ein paar verlotterte Blumenkisten nehmen dankbar die Zigarettenkippen auf, vermutlich ist das Grünzeug auch süchtig. Sir John Falstaff, der den Weibern nachsteigt, lebt offensichtlich schon länger von Hartz IV, haust zwischen lauter leeren Kühlschränken und macht es sich an einem Pool bequem, in dem Schaumkronen wenig Gutes verheißen. Wer weiß, was da alles drin rum schwimmt.

© Monika Rittershaus/Berliner Staatsoper

Falstaff lässt was durchblicken

Berlinern und Zugezogenen dürfte diese abgeranzte Welt bekannt vorkommen, ist es doch eine bizarre Mischung aus Wedding und Marzahn, aus Kiez-Trash und Kleingartenkolonie, wie sie in aufgeräumten und wohlhabenden bayerischen Städten eher selten zu finden ist. Insofern war es zwar eine derbe, aber auch ziemlich regionale Deutung, die David Bösch für "Die Lustigen Weiber von Windsor" fand. In diesem Fall geht das in Ordnung, auch wenn internationale Gäste etwas ratlos wirkten: Die "komisch-phantastische Oper" kam im März 1849 an der Berliner Staatsoper heraus, wurde dort nicht weniger als zehn Mal inszeniert und ist damit an der Spree quasi Kult.

© Monika Rittershaus/Berliner Staatsoper

Unblutiges Kettensägen-Massaker

Seltene Lacher, verhaltener Spaß

Und doch stellte sich die übergeordnete Frage, ob es heutzutage überhaupt noch möglich ist, diese Art von einstmals sehr erfolgreichen deutschen Singspielen zeitgemäß auf die Bühne zu bringen. Die Stücke von Lortzing werden ja inzwischen ebenso selten aufgeführt wie die von Otto Nicolai oder von Friedrich von Flotow. Geprägt vom Biedermeier, gelten diese Werke allesamt als zu brav, zu umständlich, zu betulich, jedenfalls längst nicht mehr so witzig, wie sie mal gemeint waren. Und so wurde auch bei diesen so deftigen "Lustigen Weibern" eher selten gelacht, und dann eher verhalten, obwohl eine bessere Inszenierung mit einer überzeugenderen Besetzung nicht denkbar ist.

© Monika Rittershaus/Berliner Staatsoper

Wildwechsel unterm Vollmond

An David Bösch hat es nicht gelegen, dass ein zwiespältiger Eindruck blieb, an Dirgient Daniel Barenboim und der geradezu sehnsuchtsvoll aufspielenden Staatskapelle auch nicht, und unter den Solisten waren solche Weltstars wie die beiden Bässe René Pape als Falstaff und Michael Volle als eifersüchtiger Herr Fluth. Herrliche Komödianten mit dem Mut zu wirklich sehr schrägen Kostümen. Auch Mandy Fredrich als berlinernde Frau Fluth und Michaela Schuster als deren mit österreichischem Akzent schnatternde Nachbarin waren so umwerfend wie im Volkstheater.

Galopp wie bei Offenbach

Um die Vorstadtmiefigkeit zu brechen, machte David Bösch aus dem jungen Liebespaar (sexy und rasant: Pavol Breslik und Anna Prohaska) Heavy Metal-Fans und damit ausgerechnet zu Jüngern von Falstaff, denn auch der scheint die härtere Gangart zu mögen und schlurft im schwarzen Boxer-Mantel herum, immer Grönemeyers "Alkohol-Song" auf den Lippen. Da lugt die Sehnsucht des Kleinbürgers nach Krawall hervor, und der kommt dann auch nach der Pause, allerdings doch eher poetisch als anarchisch. Ein Riesenmond steigt auf und wirft sein fahles Licht auf eine Zauber-Revue mit Springbrunnen und Maskenball. Dazu ließ sich Nicolai einen Galopp einfallen, der an Jacques Offenbach erinnert - und daran, dass dessen Stücke, die ja in diesem Jubiläumsjahr viel zu sehen sind, wesentlich frischer geblieben sind.

© Monika Rittershaus/Berliner Staatsoper

Nixen-Revue zum Schluss

Der Aufwand war enorm, das Ergebnis nicht durchweg überzeugend. So fiel auch der Beifall sehr freundlich, aber nicht überschwänglich und recht kurz aus. Ein Opern-Wiederbelebungsversuch, bei dem an nichts gespart wurde, der aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass dieser Humor trotz einer neuen Textfassung so biedermeierlich rüber kam wie er nun mal komponiert wurde. Immerhin, zwei Vorstadtmänner durften sich auch finden und in Rock und Stöckelschuhen herum turteln, was ihnen augenscheinlich viel Spaß machte. Darauf ein Schlückchen, oder auch zwei!

Wieder am 5., 9., 11. und 13. Oktober an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, weitere Termine.

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