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"So ein Fortschritt, der hat auch seine Tücken" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance/Boris Roessler/dpa

Alice Schwarzer legt mit "Lebenswerk" den zweiten Teil ihrer Autobiografie vor.

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"So ein Fortschritt, der hat auch seine Tücken"

Alice Schwarzer, verehrt und angefeindet, war lange das Gesicht des deutschen Feminismus. Nun legt sie den zweiten Teil ihrer Autobiografie vor: "Lebenswerk". Warum gerade der Erfolg der Frauenbewegung neue Probleme bringt, erklärt sie im Interview.

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Lebenswerkpreise sind für die Geehrten manchmal eine zweifelhafte Angelegenheit: Die Würdigung einer Lebensleistung, eines Gesamtwerks, hat ja leicht etwas Abschließendes, Summierendes. Nicht selten schwingt seitens der Ehrenden dabei auch eine Art "Nun ist es aber auch mal gut" mit. An diesem Donnerstag erscheint der zweite Teil der Autobiografie von Alice Schwarzer, sie hat dem Buch selbst den Titel "Lebenswerk" gegeben. Am Mittwochabend stellt sie es schon beim Festival "Dachau liest" vor, Christoph Leibold hat mit ihr gesprochen.

Christoph Leibold: Den ersten Teil Ihrer Autobiografie haben Sie schon 2011 vorgelegt. Der hieß "Lebenslauf". Das klingt ein bisschen nach Chronologie. Nun also "Lebenswerk". Ich kann mir bei Ihnen schwer vorstellen, dass Sie sich ein "Nun ist es aber auch mal gut" gefallen lassen würden. Der Titel hört sich aber trotzdem nach Bilanz an: Was habe ich erreicht? Inwieweit spielt das eine Rolle bei dem Buch?

Alice Schwarzer: Ja, das ist schon ganz richtig, es ist eine Art Bilanz. Das geht von 1975 an, fast ein halbes Jahrhundert Arbeit und politisches Engagement. Aber Sie vermuten richtig, dass ich keineswegs die Absicht habe, das abzuschließen. Ich bin gerade hier mitten im Redaktionsschluss für die nächste Emma-Ausgabe.

Dann nennen wir es eine Zwischenbilanz. Können Sie sagen, wie diese Bilanz ausfällt bis dato?

Dazu habe nicht nur ich beigetragen, sondern sehr viele, aber ich eben auch manchmal, und manchmal sogar entscheidend. Wir Frauen haben in diesen letzten 50 Jahren wirklich Schritte mit Siebenmeilenstiefeln gemacht. Wir haben ungeheuer viel erreicht, mehr erreicht, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Und das ist nicht nur die Kanzlerin. Männer schieben Kinderwagen und Frauen sitzen in Vorständen – zwar nur eine Minderheit, aber immerhin: Es geht voran. Aber so ein Fortschritt, der hat auch seine Tücken. Wir haben ja mit diesem halben Sieg der Emanzipation doch ganz schön die Geschlechterordnung erschüttert, und das bleibt nicht unbeantwortet. Es gibt Rückschläge, und es gibt neue Gefahren, wenn man zum Beispiel weiß: Jedes dritte bis vierte Mädchen ist Opfer sexuellen Missbrauchs, jede dritte Frau kennt die Erfahrung von Gewalt in der Beziehung, jede zweite Mutter schulpflichtiger Kinder arbeitet Teilzeit, läuft also höchste Gefahr, in der Altersarmut zu landen. Jetzt gerade in Zeiten von Corona haben wir gesehen, das Homeoffice, das ist noch nicht so ganz gerecht geteilt. Es gibt doch sehr viel zu tun.

Ziemlich am Anfang Ihres Buches schreiben Sie: "Ich rede nur für mich". Wenig später aber konstatieren Sie, dass Sie zur Institution geworden seien, ob Sie es nun wollten oder nicht. Das Buch nimmt die Lebensphase ab 1975 in den Blick, damals sind Sie zur öffentlichen Person geworden, was Sie unter anderem daran festmachen, dass Ihr Bestseller "Der kleine Unterschied" erschienen ist. Dieses "ob ich nun wollte oder nicht", das klingt ja fast ein bisschen, als wären Sie widerwillig oder nicht ganz freiwillig zur öffentlichen Person, zur Institution geworden …

Selbstverständlich bin ich das nicht freiwillig geworden, so etwas nimmt man sich doch nicht vor. Ich bin Journalistin, ich bin Buchautorin, und ich arbeite und mache die Dinge, die ich relevant und wichtig finde. Und da sagt man sich ja nicht: Jetzt will ich aber eine öffentliche Person werden. Nein, dazu hat es einige historische Faktoren gegeben, die zusammentrafen. Die deutsche Frauenbewegung ist ja spät und langsam und ein bisschen zäh gestartet. Ich kam aus Frankreich zurück, ich war eine erfahrene Journalistin, auch Fernsehjournalistin, und da wurde ich natürlich sehr schnell von den Medien stilisiert, zu "der Feministin". Was ich nicht bin – es gab immer eine Vielfalt von Frauen, die an den Stellen, wo sie waren, gekämpft haben und das immer noch tun. Ich bin allerdings in der Tat doch eine Stimme, die oft sehr früh Probleme formuliert hat, die Jahre und Jahrzehnte gebraucht haben, bis sie in den Mainstream kamen.

Sie haben immer wieder auch andere Frauen porträtiert, von der sprichwörtlichen "Frau von nebenan" bis zu Persönlichkeiten wie Elfriede Jelinek, weil sie überzeugt sind: Es braucht Vorbilder. Jetzt ist so eine Autobiografie ja ein Selbstporträt. Würden Sie sagen, Sie selbst taugen auch zu so einem Vorbild?

Ja, das wäre unangemessen bescheiden, wenn ich diese Frage nicht mit "Ja" beantworten würde. Ich bin kein Idol, das ist etwas anderes, ich bin ein lebendiges Vorbild, das auch Fehler haben kann und Schwächen, aber ich tauge ganz sicherlich dazu, so manchem Mädchen, so mancher Frau, Mut zu machen: Trau dich ruhig, und vergiss nicht: Du darfst nicht immer um jeden Preis geliebt werden wollen. Man muss sich auch schon mal unbeliebt machen können. Und so mancher Mann findet das sogar interessant.

Sie haben vorhin schon die Kanzlerin angesprochen. Ein Kapitel Ihres Buches handelt auch von Ihrer Beschäftigung und von Begegnungen mit Angela Merkel, deren Weg von "Kohls Mädchen", wie sie mal herablassend genannt wurde, zur mächtigsten Frau der Welt, als sie das US-Magazin Forbes mehrfach gekürt hat, Sie auch genau mitverfolgt haben. Was haben denn inzwischen 15 Jahre Bundeskanzlerin für die Frauenemanzipation gebracht in Ihren Augen?

Rein symbolisch schon einmal enorm viel. Merkel ist ja international ein Idol für Frauen, sie hat einfach gezeigt, dass eine Frau diesen Job machen kann. Ob man nun immer mit ihr einverstanden ist, ist eine ganz andere Frage, es gibt ja auch Punkte, wo ich sie kritisiere. Das ist nicht die Frage, sondern dass sie einfach da ist und ihren Weg gegangen ist – und das übrigens auf eine sehr uneitle, sachorientierte Art und Weise macht. Und als Frauentyp ganz interessant: Sie spielt ja weder die Mutter der Nation, wie das einst Golda Meir in Israel gemacht hat, noch die Domina wie Thatcher in Großbritannien. Sie ist, scheint mir, dazwischen: kameradschaftlich mit einem mädchenhaften Charme, sachlich angezogen – sie hat gar keine Zeit für den ganzen Quatsch – und imponiert so den Männern. Also, auch als Frauentyp geht sie eigentlich einen neuen Weg.

Vorhin haben Sie von den Siebenmeilenstiefeln gesprochen, mit denen es voran ging, andererseits schreiben Sie in Ihrem Buch auch: "Emanzipation ist eine Schnecke". Momentan hat man das Gefühl, dass diese Schnecke etwas flotter vom Fleck kommt. Die #MeToo-Bewegung feiert Erfolge, das Bewusstsein für gendergerechte Sprache ist enorm gewachsen. Gleichzeitig gibt es aber auch so ein reaktionäres Rollback: die AfD, die ein sehr konservatives Frauenbild vertritt, die USA, die von einem offen frauenfeindlichen Präsidenten regiert werden und, und, und. Wo stehen wir gerade – an einem Wendepunkt?

Ja, da haben Sie ganz recht, wir sind in Zeiten des Umbruchs. Das ist ja immer so mit dem Fortschritt: Im besten Fall geht es zwei Schritte vor und einen Schritt zurück. Und natürlich macht die Gleichberechtigung der Geschlechter, die ja auch so manchem männlichen Privileg den Garaus macht, doch viele Männer nervös. Und auch manche Frauen. Der Rückschlag, der musste kommen, das ist klar. Den müssen wir Frauen uns bewusst machen, vor allem die jungen Frauen. Sie profitieren ja von den Rechten, die wir erkämpft haben, und das ist gut so, das sollen sie auch tun. Sie müssen aber wissen, dass diese Rechte nicht garantiert sind, sondern in Gefahr. Das haben wir jetzt gerade in diesen Corona-Zeiten mit dem Homeoffice gemerkt, wo die meisten Muttis wieder Muttis wurden – und die Väter nicht so richtig mitgezogen haben.

"Lebenswerk" von Alice Schwarzer erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. Am 7. Oktober stellt die Autorin ihre Autobiografie um 20:00 Uhr im Ludwig-Thoma-Haus in Dachau vor.

© Kiepenheuer & Witsch

"Lebenswerk" von Alice Schwarzer

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