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Wie viel Freiheit lassen uns die Algorithmen noch, Dirk Baecker? | BR24

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Der Soziologe Dirk Baecker im Interview mit Knut Cordsen

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Wie viel Freiheit lassen uns die Algorithmen noch, Dirk Baecker?

Algorithmen sind heute allgegenwärtig in unserem Leben. Für den Soziologen Dirk Baecker ist das ein fundamentaler Umbruch zu einer "Welt 4.0". Ein Gespräch über die Angst vor allmächtiger Technik, Fremdbestimmung und Freiheit.

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Seit längerem schon sind wir es gewöhnt, von selbstlernenden Algorithmen zu reden, wenn wir über den computergesteuerten Hochfrequenzhandel an der Börse sprechen. "Wir sind in einem riesigen Algorithmus gefangen", sagt etwa der britische Thriller-Autor Robert Harris mit Blick auf die Ökonomie. Aber nicht nur dort ist der Algorithmus schier allgegenwärtig – der komplexe Rechenkünste bezeichnende Begriff aus der Mathematik ist mittlerweile zu einer Art Omnipräsenz gelangt. Kaum ein Lebensbereich mehr, in dem Algorithmen nicht anzutreffen sind. Aus diesem Grund beschäftigt sich ein Kongress an den Münchner Kammerspielen mit der "Politik der Algorithmen. Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz". Die Eröffnungsrede hat der Soziologe Dirk Baecker gehalten. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: "4.0, oder Die Lücke die der Rechner lässt" nennen Sie Ihr jüngstes Buch – ich bin noch auf dem Stand von 2.0 und der Lücke, die der Teufel lässt bei Alexander Kluge – bitte erklären Sie mir, wie diese 4.0-Welt beschaffen ist, in der Algorithmen allgegenwärtig zu sein scheinen.

Dirk Baecker: Ich denke, die einfachste Erklärung wäre die, den schönen Titel von Alexander Kluge zu verlängern und die Welt 2.0 – das wäre die antike Hochkultur bis in das späte Mittelalter hinein – als eine Welt zu beschreiben, die hauptsächlich theologisch gedacht wird und in der von daher Götter und Teufel immer intervenieren können auf eine überraschende, manchmal auch zu erflehende Art und Weise. Mit dem Ergebnis, dass man sowohl Schuld abgeben kann als auch Verbündete suchen kann unter diesen Göttern und Geistern. Es ist ganz ähnlich eigentlich mit den Computern, mit den Algorithmen, mit den digitalen Apparaten, die uns umgeben. Sie scheinen in der Tat eine Art von Fluch über uns zu legen – insofern als wir ihnen in der Tat nicht mehr entgehen können. Die elektronischen Medien sind überall.

Man kann eine solche Erfindung, einmal eingeführt, nicht wieder rückgängig machen. Die Gesellschaft setzt auf sie nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in vielen Facetten des Berufslebens. Gleichzeitig haben wir uns alle daran gewöhnt, großartige Effekte von den digitalen Apparaturen zu erwarten. Von der Google-Recherche bis zur Vernetzung im privaten Bereich ist ohne elektronische Medien gar nichts mehr denkbar. Meine Frage ist ähnlich wie die von Alexander Kluge eigentlich: Lässt uns dieser Algorithmus, den Peter Glaser so schön als "Überallgorithmus" beschrieben hat, noch irgendeine Chance? Meine Antwort als Soziologe muss sein: Natürlich lässt er uns eine Chance. Wenn das nicht der Fall wäre, könnte ich mein Fach aufgeben, das wäre nicht schön. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dafür plädiere, sehr genau zu schauen, wie die Gesellschaft beschaffen ist, die den Computer einsetzt und sich gleichzeitig vom Computer verändern lässt, wie sie auch eigene Veränderungen durch den Computer und vom Computer erwartet. Also ein doppelbödiges oder vielleicht sogar dreipoliges Spiel mit dem Computer auf der einen Seite, der Gesellschaft auf der zweiten Seite und dann auf der dritten Seite all das, was wir so verwirrt Mensch nennen – diese merkwürdige Kombination von Bewusstsein, Körper, Geist, Erinnerung und Erwartung. Diese drei Pole muss man gleichzeitig in den Blick nehmen, um etwas von diesem Algorithmus zu verstehen.

© dpa/ picture alliance

Der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker

Jeder Nutzer von Sozialen Medien ahnt mehr als dass er es genau weiß, dass Algorithmen unseren sogenannten Newsfeed zusammenstellen. Das heißt, eine mächtiger, arkaner, maschinengesteuerter Mechanismus im Hintergrund entscheidet, welche Posts auf Facebook wir sehen und welche nicht, welche Google-Suchergebnisse uns angezeigt werden, welche uns verborgen bleiben. Wir haben längst akzeptiert, dass Algorithmen uns auf diese Weise fremdbestimmen. Und die Horde einigt sich darauf zu murmeln: Das ist der Algorithmus, wo man immer mitmuss. Warum dieser Fatalismus?

Ich finde es schön, das als Fatalismus zu formulieren. Denn darin steckt eine gewisse Wette, die wir mit uns selbst abschließen. Sind wir fatal darauf angewiesen, mitzuspielen mit dem, was uns die Computer-Algorithmen vorgeben? Oder haben wir doch irgendein Spiel selbst in der Hand? Ich erinnere mich an den großartigen Roman von Daniel Suarez. Ein zweibändiger Roman, der erste Teil heißt "Dämon", der zweite Teil "Freiheit", darin geht es um einen Spiele-Entwickler, bei dem Krebs diagnostiziert worden ist. Er war verrückt genug, einen gigantischen Trojaner, also einen Mega-Virus in die Welt zu setzen, der im Immateriellen und Materiellen die Welt zu beherrschen versucht und es auch weitgehend schafft – mit dem einzigen Ziel, herauszufinden, ob die Menschen mit dieser Herausforderung fertig werden oder nicht. An genau diesem Punkt sind wir im Moment, so sortieren wir nach allen Regeln der Kunst Diskurse. Wenn man beispielsweise davon spricht, dass bestimmte soziale Plattformen diese unglaublichen Vorhersagekräfte haben, dann halte ich persönlich das für einen Marketing-Diskurs, der uns noch mehr in diese Plattform lockt als wir sowieso schon wollen. Ich halte es auch deswegen für einen Marketing-Diskurs, weil ich aus den einschlägigen Forschungen, die zum Beispiel am Massachusetts Institute of Technology in Boston vorgenommen werden, weiß, dass man 40, 45, 50 Prozent des menschlichen Verhaltens vorhersehen kann. Das ist schon sehr viel. Das ist auch beschämend, weil wir uns natürlich fragen müssen, wieso wir so berechenbar sind. Aber es bleiben immerhin noch 50 bis 55 Prozent Freiheitsspielraum, und darauf würde ich genauso setzen wie auf die Vorhersagbarkeit.

Der Münchner Kongress, den Sie eröffnet haben, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz auf unser Leben und die Kunst, auf die Musik etwa, die mit KI experimentiert. Der Titel des mehrtägigen Kongresses – "Politik der Algorithmen" – legt nahe, dass Algorithmen eine eigene politische Agenda verfolgen könnten. Ist das so?

Noch ist das nicht so. Noch nicht. Es ist eine der Formen der Beobachtung. Wir misstrauen der Entwicklung, die wir gegenwärtig beobachten müssen, und fürchten das Schlimmste. Aber nach allem, was man hört und weiß – und vieles hört und weiß man nicht – sind diese Algorithmen noch nicht so weit, dass sie irgendeine eigene Agenda verfolgen könnten. Sie sind mittlerweile dank einer jüngeren Entwicklung in der sogenannten Künstlichen Intelligenz, also vor allem im Maschinenlernen, so weit, in eng umgrenzten Bereichen mit einer enormen Sicherheit statistisch basierte Vorhersagen treffen zu können. Sobald man auch nur einen dieser Algorithmen bittet, in einen anderen Bereich – zum Beispiel vom Schach- in den Poker-Bereich oder vom Treppenhaus-Steigen aufs Kinderbehandeln – umzusteigen, ist es vorbei. Da versagen diese Maschinen. Das heißt, von einer eigenen Agenda, von einer eigenen Intelligenz, die diese typische Form der menschlichen Intelligenz hätte – von einem Punkt zum nächsten zu springen, das eine mit dem anderen zu kombinieren – kann überhaupt keine Rede sein. Was uns so beutelt, das hat man vor allem gestern wunderbar in dem Eröffnungsstück gesehen von Marco Donnarumma, einem neapolitanischen Performer, ein Stück namens "Eingeweide". Da werden zwei Personen auf der Bühne mit Prothesen mit verschiedenen Algorithmen sozusagen kurz geschaltet, und man beobachtet eine unglaubliche Form der Amalgamierung zwischen Körper und Algorithmus und Prothese, sodass man in der Tat nicht mehr weiß: Haben wir es mit einer Maschine oder mit einem Menschen zu tun? Das Verblüffende ist: Wir als Menschen können eine solche sehr hellsichtige und gleichzeitig auch dystopische Performance auf die Bühne bringen. Die Maschinen können es nicht.

© Gallery Donnarumma Pevere

"Eingeweide": Performance von VON MARCO DONNARUMMA IN KOLLABORATION MIT MARGHERITA PEVERE

Das Festival "Politik der Algorithmen. Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz" in den Münchner Kammerspielen läuft noch bis 16. Juni.

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