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Ein ganzes Jahrhundert im Blick: "Die Leben der Elena Silber" | BR24

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Alexander Osang erzählt in seinem neuen Roman "Die Leben der Elena Silber" eine Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert in Russland. Sie ist inspiriert von der Geschichte seiner eigenen Familie und aufs engste mit der Zeitgeschichte verzahnt.

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Ein ganzes Jahrhundert im Blick: "Die Leben der Elena Silber"

Alexander Osang erzählt in seinem neuen Roman "Die Leben der Elena Silber" eine Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert in Russland. Sie ist inspiriert von der Geschichte seiner eigenen Familie und aufs engste mit der Zeitgeschichte verzahnt.

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Am Ende sind es die Geschichten. Die vielen Anekdoten, die Legenden und geschönten Erinnerungen. Sie allein halten die Familie noch zusammen, deren Angehörige sich, wenn überhaupt, in herzlicher Abneigung verbunden sind. Die Familie von Jelena Silber, der Frau, die im Zentrum von Alexander Osangs Roman steht. Sie wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren, in Gorbatow an der Oka, einer Kleinstadt bei Nischni Nowgorod. Als sie zwei Jahre alt ist, wird ihr Vater, Arbeiter und Revolutionär, von Zaren-Anhängern brutal gelyncht. Der traurige Auftakt einer Lebenserzählung, die fortan aufs engste mit der Zeitgeschichte verbunden sein wird. Und die auch vielen Flüssen folgt, vom Osten in die Mitte Europas. Für Alexander Osang stand zunächst die Frau im Mittelpunkt: "Eine Frau, die durch alle Schlachten dieses Jahrhunderts läuft, in gewisser Weise, viel durch Angst getrieben, Angst vor verschiedenen Systemen. Und natürlich begreift man, während man sich schreibend durch die Zeit und dieses Leben bewegt, dass es irgendwie ein Jahrhundert ist. Dass es ein Jahrhundertleben ist, das meine Heldin im Roman lebt."

Die eigene Familiengeschichte als Inspiration

Alexander Osang ließ sich von der eigenen Familiengeschichte für den Roman "Die Leben der Elena Silber" inspirieren. Seine Großmutter kam aus Russland. Genau wie Jelena, das Mädchen mit den leuchtend roten Haaren, das dann und wann Füchslein genannt wird, von dem Jungen, der die eigentliche Liebe ihres Lebens ist. Osang erzählt nicht allein von Jelena, sondern ebenso von ihren eigenwilligen bis verschrobenen Töchtern und von ihrem Enkel Konstantin, einem Filmemacher inmitten einer veritablen Lebenskrise. Der Roman bewegt sich auf verschiedenen Zeitebenen und öffnet, in vielen Schnitten, einen großen historischen Raum: da der Bürgerkrieg in Russland, Stalins Terror, der Zweite Weltkrieg, die Flucht aus Niederschlesien, wo Jelena, an der Seite eines deutschen Unternehmers, etliche Jahre lebte. Hier die DDR, gespiegelt an den Biographien der Töchter. Und dort schließlich unsere Gegenwart, der Sommer 2017, in dem Konstantin beginnt, die vielen überlieferten Familiengeschichten zu hinterfragen.

Die Familie sei ein seltsames Konstrukt, heißt es einmal in Alexander Osangs Roman. Im Fall der Familie Silber wird dieser Satz wieder und wieder durchgespielt. Misstrauen und auch Missgunst bestimmen die Beziehungen der Familienangehörigen zueinander. Es scheint, als habe sich eine jede und ein jeder aus dem Clan in einer eigenen Echokammer eingerichtet, unerreichbar für die anderen. Und eine jede und ein jeder lebt mit seinen eigenen Geschichten. So kann zum Beispiel niemand mit Bestimmtheit sagen, ob Jelenas Mann Robert Silber, der Textilunternehmer aus Deutschland, Mitglied der NSDAP gewesen ist oder nicht. Er verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg, niemand weiß, was aus ihm wurde. Sein Bild bleibt enorm ambivalent. Wie geht man mit so einer Geschichte um? Eine der Fragen, die Konstantin, den Enkel, umtreiben.

Wer hat Schuld, wann wird man schuldig?

Alexander Osang erzählt zumeist in kurzen, pointierten Sätzen, in einer Sprache, die man aus seinen Romanen und ebenso aus seinen Reportagen kennt: ein oft mitreißendes, bisweilen auch sehr ambitioniertes Satz-Stakkato. Manche Episode ist in hohem Maß komisch und zugleich voller Tragik, egal ob es um eine Polit-Stunde im revolutionären Russland geht, um den Bericht einer Fahrstuhlfahrt mit Yehudi Menuhin oder um eine bemühte Ansprache auf Konstantins Jugendweihe-Party im Jahr 1987, einem der wenigen Familienfeste überhaupt. Doch Osang bricht immer wieder auch mit diesem Stil, wählt andere Tonarten. Unter anderem dann, wenn er, behutsam, die Gewalt im und auch nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. Er bemerkt selbst dazu: "Es gibt ja auch in vielerlei Hinsicht dieses Herumwaten, auch von Jelena, in Schuld – diese Frage: Wer hat Schuld, wann wird man schuldig? Kann man überhaupt schuldlos durch so ein Leben, eine solche Zeit gehen? Die war mir sehr wichtig, diese Frage. Ich bin natürlich mit vielen Klischees sowohl aus der Sowjetunion als auch aus der Nazi-Zeit groß geworden. Und ich wollte nicht in diese Fallen tappen. Das war extrem fordernd. Diese Passagen zu schreiben, hat mich sehr angestrengt."

Jelena Silber wird im Lauf des Romans zu Elena, dann zu Lena und schließlich zu Baba, am Ende erkrankt sie an Demenz, kippt ins Vergessen, wie Alexander Osang sagt. Für sie wie auch für ihre Töchter gilt ein Gedanke des Erzählers: Sie alle wollen eine Geschichte, auf der sie ihr Leben aufbauen können. Erst Jelenas Enkel Konstantin, Kostja, dieser leise, distanzierte Melancholiker, zweifelt an den Konstruktionen. An seiner Seite, lässt sich ein ganzes Jahrhundert in den Blick nehmen, aus der Perspektive derer, die eigentlich Nebenfiguren der großen Geschichte sind. Alexander Osangs Roman ist komplex und vielschichtig genug, um die damit einhergehenden Spannungen auszuhalten.

Alexander Osangs Roman "Die Leben der Elena Silber" ist im Verlag S. Fischer erschienen.

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