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"Pluriversum": Alexander Kluges poetische Kraft der Theorie | BR24

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Schriftsteller Alexander Kluge betrachtet den Sternenhimmel der Begriffe

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"Pluriversum": Alexander Kluges poetische Kraft der Theorie

Alexander Kluge, Schriftsteller, Autorenfilmer, Fernseh-Ikone, Renaissance-Mensch, zeigt mit seiner Ausstellung "Pluriversum" im Literaturhaus München ein multimediales Feuerwerk. Und die Besucher erleben eine kühne Feier der Gleichzeitigkeiten.

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Am Eingang grüßt die Arri-Kamera 120 BL von 1962, mit der Edgar Reitz und Werner Herzog drehten und Alexander Kluge bis heute filmt, dann funkelt schon der Sternenhimmel zentraler Begriffe: "Antirealismus des Gefühls", "Stalingrad", "Zirkus", "Halberstadt brennt", "Tränen an den Ufern Babylons" und "Eigensinn" steht da auf blauer Glaswand, die mit dem Tageslicht changiert und acht Themenkabinette umschließt: "Arbeit, Anti-Arbeit und Lebenszeit als Währung" etwa. Oder die Kammer der "Evolution": mit Markus Heinsdorffs 120 Porträts der etruskischen Spitzmaus, dem kleinsten Säuger der Welt. Ein energisches Tier, das dem Menschen verdächtig ähnelt.

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Anselm Kiefers "Hirnhäuslein" für Alexander Kluge

Anselm Kiefers "Hirnhäuslein" für Kluge

In der Vitrine gegenüber: das „Hirnhäuslein“, ein Backsteinblock, in den Anselm Kiefer ein künstliches Gehirn einschloss, wie das Denken im Schädelknochen des Menschen eingeschlossen ist und nur einen Ausgang hat: das Ohr. Kunst, die entstand, als der Literat Kluge dem Künstler Kiefer ein Zitat von Luther vorlas. Typisch für Kluges Arbeitsweise der Kooperation: Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Kino, ein Arbeitszimmer und die rote Lampe, unter der Alexander Kluge mit dem Soziologen Oskar Negt Bücher schrieb.

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Alexander Kluges unverzichtbare Pinnwand und Tischlampe

Das begehbare Buch

Die Lampe, die Maus, das Hirn, der Vater als "Arzt aus Halberstadt" auf Westbesuch und Mini-Opern – alles hat Platz im Labyrinth. Verirren ist erwünscht in dieser irre flimmernden Montage der Bildwelten, Filme, Texte, Töne an Wänden, in Guckkästen, Hörstationen, mit Hegel auf Schwäbisch und dem Chor von Dolmetscherstimmen als Zeugen der Mündlichkeit. "Ein begehbares Buch ist etwas Schöneres als ein bloß lesbares", sagt Alexander Kluge und assoziiert das Bild eines alten Leuchtturms mit heute: "Nehmen Sie diese scheinbar verrückte Idee vom französischen Revolutionär 1789, einen Leuchtturm zu entwickeln für verirrte Wanderer in der Wüste. Und wie sehr bräuchten wir an der Grenze von Libyen zum Sahel einen imaginären Leuchtturm."

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Helge Schneider als "Roboterflüsterer" im Fernseh-Interview

Facts & Fakes

Kluges Pluriversum lebt von der Gleichzeitigkeit aus damals und heute, Empathie und Sachlichkeit, Fakten und Fiktion nebeneinander, wie das Kluge-Interview mit dem Astrophysiker Muchanov und Helge Schneider als "Roboterflüsterer". Kiefers Hirnhäuslein aus Backstein führt zur Trümmerfrau alias Hannelore Hoger, die auf Plattdeutsch erzählt, wie sie 1945 ihren seelisch kriegsversehrten Mann "reparieren" musste. Das Leben als Film.

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Schauspielerin Hannelore Hoger in einem Fake-Interview Kluges als "Börsenastrologin"

Halberstadt, 25. April 1945

Kluge überlebte den Luftangriff auf Halberstadt im April 1945 als Dreizehnjähriger: "Eine Bombe ist etwas Rätselhaftes, so ein Konzentrat, das Ihnen auf den Kopf fällt im Krieg, auch jetzt in Syrien, das ist ja nicht bloß 2.Weltkrieg. Als Kinder kamen wir aus der Schule – eine Bombe ist gefallen, also müssen wir den Bombenkrater besichtigen. Und einen Tag später ist da lauter Gras gewachsen. So viele Mineralien von unten nach oben kann kein Pflug heben wie eine Bombe. Jetzt haben Sie die andere Seite der Bombe, die ist plötzlich für die Pflanzen was sehr Gutes. Also mich irritiert das ganz stark."

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Schrift, Bild, Ton in Kluges "Pluriversum"

Poetik des Sammelns

Kluges Kosmos unterm Sternenhimmel ist – in der Münchner Ausstellung auch mit neuen Exponaten – ein riesiges Netzwerk der Assoziationen und Kooperationen, mit Künstlern, Musikern, Wissenschaftlern, die hier in legendären Fernsehinterviews zu Wort kommen. Wie Walter Benjamin das 19. Jahrhundert kartografierte, um das 20. zu verstehen, scheint Alexander Kluge das 20.Jahrhundert zu sammeln, um das 21. zu begreifen. Seine Poetik ist, im Sinne Heiner Müllers, eine Poetik des Sammelns. Aber wie, um Himmels Willen, funktioniert dieses enorme Archiv? "Na, im Kopf ist es nacheinander verstaut", sagt der Meister des Pluriversums. "Ich hab‘ das aus der Beobachtung eines Textes, den man die Wirklichkeit nennt, und diese Wirklichkeit kann man lesen wie eine Schrift an der Wand. Sie hat aber viel Kleingedrucktes, und das ist die poetische Methode. Das macht der Vergil nicht anders, das macht Ovid so und Tacitus am besten, das heißt, es gibt relativ alte Lehrherren, die uns dieses Lesen, das zweite Alphabet gewissermaßen, lehren, und das heißt Erzählen.“

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Alexander Kluge durchwandert sein Pluriversum

Textgewebe aus Wörtern und Bildern

Wer in die Ausstellung geht, um alles zu sehen, alles zu verstehen, scheitert. Wer das Kaleidoskop schüttelt und immer neue Bilder und Zusammenhänge entdeckt, wird große Freude haben, wie die Ausstellungsmacher/Innen Kluges Werkstatt-Gedanken aufnehmen; wie tollkühn er selbst Kontexte und Texturen fügt zu einem großen Textgewebe, in dem Bilder, Filme, Töne miteinander korrespondieren. Wie er mit universalem Wissen, kindlicher Spielfreude, Humor und Empathie auf vier, fünf, zwanzig Bildschirmen parallel seine Wunderkammer öffnet, ein multimediales Feuerwerk zündet und der Abstraktion der Algorithmen sein poetisches "Pluriversum" entgegensetzt. "Aus Hochachtung vor dem Zuschauer", sagt er, "der ist ja auch im Straßenverkehr ohne Weiteres in der Lage, fünf sechs verschiedene Dinge wahrzunehmen. Er guckt in einen Laden, er sieht ein schönes Gesicht, gleichzeitig achtet er auf die Verkehrsampel. Und diese Pluralität in uns, die kann man beleben, sie ist das Gegenteil von einer Schulstunde. Aber wenn Sie die Dramaturgie der Schulpause nehmen, dann sehen sie lauter lebendige Kinder."

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Alexander Kluge fotografiert seine Ausstellungsinstallation

Die multimediale Ausstellung "Alexander Kluge: Pluriversum – Die poetische Kraft der Theorie" ist bis zum 29. September im Literaturhaus München zu sehen.

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