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Alex Katz, Grey Coat, 1997
© Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © Alex Katz, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Autoren

Barbara Bogen
© Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © Alex Katz, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Alex Katz, Grey Coat, 1997

Wer Alex Katz noch vor ein paar Jahren erlebt hat, gewinnt heute zunächst einmal den Eindruck, es hätte sich in der Zwischenzeit nicht allzu viel verändert. Man erlebt Katz mit schwarzer Lederjacke und einem Lächeln in diesem mehr als markanten Gesicht, das nichts weniger ist als charmant. Immerhin mittlerweile 91 Jahre alt, scheint er über ungebrochene, schier unerschütterliche Vitalität zu verfügen. Aber der Jetlag hat ihm doch zu schaffen gemacht. Alex Katz ist nur kurz bei der Pressekonferenz anwesend und dann auch schon wieder weg. Die geplante Führung mit ihm muss kurzfristig entfallen. Zumindest hat er einen Satz gesagt, der seinen ganzen Humor und die Bescheidenheit eines großen Künstlers signalisiert: Auf die Frage, weshalb er denn die beschwerliche lange Reise von New York ins Münchner Museum Brandhorst angetreten hat, um seine aktuelle Ausstellung zu sehen, sagt er nur: "I was curious to see what the paintings look like".

Der Augenblick, auf Leinwand gebannt

Immer wieder wird Alex Katz, geboren 1927 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Brooklyn, New York als Vorläufer der Pop Art gehandelt. Dabei ist er weit mehr von den jungen Literaten der Kunstszene im New York der 50er Jahre wie John Ashbury oder Frank O'Hara geprägt – viel stärker als durch seine großen Pop-Art-Kollegen Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Larry Rivers. Diese erste Generation der New York School beeinflusste sich unablässig gegenseitig. Dichter, Maler, eine Avantgarde, die vor dem Hintergrund des Aufkommens neuer Medien wild entschlossen war, das Absolute im Augenblick zu formulieren.

Seitdem malt Katz das, was er "the immediate present" nennt, den unmittelbaren Augenblick. Oft und immer wieder hat er dabei die Figuren seiner unmittelbaren Umgebung porträtiert, den Tänzer Paul Taylor, Freunde, das Downtown-Milieu in New York. Und vor allem seine Frau Ada. Ihr Portrait erscheint allein vierzehn mal in dieser großartigen Ausstellung im Museum Brandhorst, die insgesamt an die neunzig Schlüsselwerke aus rund siebzig Jahren zeigt, von den 50ern bis heute.

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Alex Katz, Red Nude, 1988

Alex Katz, Red Nude, 1988

Alex Katz, January 4, 1992

Alex Katz, January 4, 1992

Alex Katz, 3 P.M. November, 1996

Alex Katz, 3 P.M. November, 1996

Alex Katz, Paul Taylor Dance Company, 1963-64

Alex Katz, Paul Taylor Dance Company, 1963-64

Aggressive Flächigkeit, gigantische Formate

Ada blickt dem Besucher gleich im ersten Raum von einer Leinwand entgegen. Auf einem riesigen Bildformat mit grünem Hintergrund scheint sie, den Blick dem Betrachter zugewandt, in ihrem grauen wehenden Mantel schräg in die Fläche hineinkomponiert, förmlich durch das Bild zu fliegen. Sonst erzählt das Bild nichts. Katz verweigert das Narrativ. Seine Bilder sind plakativ, zeichenhaft, ikonenhaft. Dabei hat Katz die schrille Farbigkeit und Flächigkeit seiner Bilder selbst schon als aggressiv bezeichnet. Aggressiv im besten Sinn versteht sich.

Achim Hochdörfer, Direktor des Museum Brandhorst, erklärt: "Man muss das vor dem Hintergrund sehen, dass in den späten 50er- und den frühen 60er-Jahren die Werbeindustrie aufkam mit Hochglanzmagazinen und dem Fernsehen. Diese neuen medialen Visualitäten haben auch eine enorme Aggressivität gehabt. Und darauf referiert er immer wieder: Dass durch das Fernsehen die Gesichter so nah heran gerückt wurden". Katz sei inspiriert gewesen, diese kühne Ästhetik und aggressive Bildsprache, die Aufmerksamkeit heischend war, in die Malerei zu übernehmen, sich dabei aber nicht an die Seite von Andy Warhol zu stellen, sondern das in Verbindung mit der europäischen Bildtradition zu bringen.

Alex Katz' Bilder sind zum Teil so großformatig, dass sie die Museumsräume zu sprengen scheinen. Wie etwa "Private Domain" von 1969: Die abgebildeten Tänzer bei einer Probe füllen wuchtig eine ganze Museumswand. In seiner Überwältigungsästhetik provoziert diese Technik zugleich neue Assoziationen zur manipulativen Kraft von Bildern, ihrer Präsens, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. "Wenn man die Dinge vereinfacht", hat Katz einmal gesagt, "sieht es immer erstmal naiv aus". Dahinter aber verbirgt sich neben der subtilen Technik auch die hochkomplexe Wahrnehmung einer reduzierten Welt.

Alex Katz' Gemälde "Das schwarze Kleid", auf dem er seine Frau Ada gleich sechsmal dargestellt hat.

Alex Katz' Gemälde "Das schwarze Kleid", auf dem er seine Frau Ada gleich sechsmal dargestellt hat.

Die Ausstellung "Alex Katz" ist bis 22. April im Museum Brandhorst zu sehen.

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Barbara Bogen

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kulturWelt vom 06.12.2018 - 08:30 Uhr