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Kultur

Grotesk und großartig – die Band Man Man jagt Träume | BR24

© Audio: BR/ Bild: Dan Monick

Hat mit "Dream Hunting in the Valley of the In-Between" eins der besten Alben des Jahres vorgelegt: Man Man-Mastermind Ryan Kattner

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Grotesk und großartig – die Band Man Man jagt Träume

Ihre Live-Auftritte waren spektakulär, ihre Songs galten als charmant-schräger Freak-Pop. Jetzt hat die Band Man Man um Mastermind Ryan Kattner alias Honus Honus nach sieben Jahren Pause ein neues Album veröffentlicht – es ist ihr bisher bestes.

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Ab 2003 war Man Man eine der schillerndsten experimentellen US-Rockbands. Bandgründer Ryan Kattner belegte seine häufig wechselnden Mitmusiker stets mit Phantasienamen, er selbst trat im Bandkontext nur als Honus Honus auf. Anfangs spielte die Band lärmigen, exaltierten Art-Rock, der mit der Zeit immer offener wurde für eingängige Melodien. Die Alben von Man Man wurden von Kritikern in den Himmel gelobt, ihre Live-Auftritte waren spektakulär – etwa als sie zu Beginn ihrer Karriere in weißen Tennisklamotten auf die Bühne stürmten! Seit 2013 machte die Band allerdings Pause, Ryan Kattner verfolgte eigene Projekte. Aber jetzt hat er Man Man wiederbelebt und das bisher beste Album der Band auf den Weg gebracht.

Der Songwriter als Detektiv

Die Bandpause hatte Ryan Kattner genutzt, um Drehbücher zu schreiben, als Schauspieler zu arbeiten, Filmmusik zu komponieren und Songs für ein Soloalbum und eine Kinderplatte zu schreiben. Aber dann vermisste er allmählich seine Band und fing an, im Gästehaus eines Freundes in L.A. neue Songs zu schreiben. "Es war mehr eine Hütte als ein Haus", erzählt er über diese Zeit, "und es war ziemlich chaotisch. Die Noten sahen aus, als wären Hühner übers Papier gelaufen, überall an den Wänden hingen Zettel mit Notizen für Songtexte. Ich fühlte mich wie ein Detektiv, der gerade einen komplizierten Fall zu lösen hat." Der komplizierte Fall waren die 17 Tracks des neuen Albums – einige davon nur kurze Instrumentals, andere kurze, aber komplexe Pop-Opern.

Begeisterte Mitmusiker hatte Honus Honus bald gefunden, aber mit den Studioaufnahmen war der Bandboss unzufrieden – alles zu kalt, zu steril. Also scheuchte er seine Band erstmal zum Lockerwerden auf die Bühne und nahm danach die Songs ein zweites Mal auf. Es hat sich gelohnt – die komplexen Arrangements klingen wie aus einem Guß. Ryan Kattners selbst brilliert am Piano, seine tiefe, etwas angeraute Stimme brummt uns stets auf die angenehmste Weise ins Ohr und er hat die Gabe, seine abgedrehten Texte in betörende Melodien zu verpacken, die er dann aber gerne auf die eine oder andere Weise entgleisen lässt. Bei Man Man fahren die Töne Achterbahn, die Rhythmen haben Schluckauf, die Metaphern laufen Amok – und dennoch entstehen dabei perfekte Popsongs.

Traumjagden und Sprachspiele

"Dream Hunting in the Valley of the In-Between" heißt das neue Album von Man Man – auf Deutsch "Die Jagd nach Träumen im Tal des Dazwischen". Und tatsächlich können einem die Songs des Albums wie Träume erscheinen mit ihrem Stop-and-Go, ihren ständigen Verwandlungen, ihrem Spiel mit Verführung und Abschreckung. Das ist Pop für Erwachsene – mit Frank Zappa und Freddie Mercury als Ahnvätern, mit der Dada-Bewegung als historischer Inspiration und mit einem seltsamen Faible für deutsche Sprache und Kultur. Wenn Ryan Kattner über einsame Jungs singt, dann schreibt er die "boys" im Songtitel wie den Künstler Joseph Beuys – und im Lied "Cloud Nein" wird die neun im Titel geschrieben wie das deutsche "nein" und auch der Text ist quasi eine einzige Verneinung. Dieser Anspielungsreichtum hebt die Musik von Man Man aus der Masse musikalischer Fließbandproduktionen heraus und macht "Dream Hunting in the Valley of the In-Between" nicht nur zum besten Album von Man Man in ihrer bisherigen Karriere, sondern auch zu einem der besten Pop- und Rockalben 2020.

"Dream Hunting in the Valley of the In-Between" von Man Man ist bei Sub Pop / Cargo erschienen.

© Sub Pop/ Montage BR

Cover zum Album "Dream Hunting In the Valley of the In-Between" von Man Man

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