BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Grossstadtgeflüster klingen, wie sich Berlin nachts um 5 anfühlt | BR24

© Bayern 2

"Ich bin eine Prinzessin, du Ficker, also wo ist das Problem? Ich will jetzt mein Diadem!" - eine Zeile vom neuen Grossstadtgeflüster-Album "Trips & Ticks", die die Musik des Trios auf den Punkt bringt: Elektropunk, Selbstermächtigung und Anspruch.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Grossstadtgeflüster klingen, wie sich Berlin nachts um 5 anfühlt

Die Band aus der "Fickt-Euch-Allee" ist zurück: Und ja, auch auf dem neuen Album "Trips & Ticks" setzen Grossstadtgeflüster auf rotzige Texte wie in ihrem größten Hit. Wer das als pubertär abtut, verpasst cleveren, ziemlich politischen Elektropunk.

Per Mail sharen
Teilen

„Ich werde nie erwachsen. Vor circa 20 Jahren da beschloss ich das Konzept des Schwachsinns. Bisschen stänkern, bisschen Stimmung, bisschen stören.“

Klar: Der Song „Das was Peter Pan sagt“ ist Wasser auf die Mühlen all derer, denen das Elektropop-Parolen-Trio Grossstadtgeflüster zu pubertär ist, ein ewiges Adoleszenz-Abgefeiere. Und dass das neue Album „Trips & Ticks“ mit einem Song namens "Feierabend" eröffnet wird, zahlt dann auch ordentlich ein auf den Ruf als Prokrastinationsrave-Partyband à la Deichkind. Grossstadtgeflüster: Man hasst sie oder man liebt sie.

„Das ist bei uns in der Realität auch so, auch wenn wir nicht Musik machen“, sagt Sängerin Jen Bender. „Ich geh übern Ku‘damm in Berlin, wildfremde Menschen rennen auf mich zu, umarmen mich oder alle rennen weg. Auch wenn Chris in die U-Bahn steigt: Entweder sie wird immer voller, oder alle rennen raus.“

Selbstermächtigung und das F-Wort

Im Kern geht es bei Grossstadtgeflüster um Selbstermächtigung, um das Sich-selber-gut-finden-dürfen. Auch deshalb ist das Trio vor allem in der queeren Community sehr beliebt. Regelmäßig stürmen Fans nach Konzerten zur Band und erzählen, dass ihnen Grossstadtgeflüster-Songs beim Coming Out geholfen haben.

„Dieses sich selber lost fühlen und Identität ist eben ein ganz großes Thema bei Menschen", sagt Jen Bender. "Ich habe kürzlich gelesen, dass hormonell das Gleiche passiert, wenn jemand an deine Identität ran will, wie wenn ein Bär vor dir steht im Stoffwechselprozess des Gehirns. Der gleiche Stressfaktor. Man will wegrennen. Ich fühl mich manchmal auch lost und spring dann auf und sag: Ok, meine Individualrevolution! Ich bin, was ich bin. Ich esse, was ich esse. Ich kucke, was ich kucke. Ich liebe, wen ich liebe.“

© picture-alliance/Pop Eye Bugge

Zwei der drei Mitglieder von Grossstadtgeflüster: Keyboarder Raphael Schalz und Sängerin Jen Bender.

Auch auf "Trips & Ticks" darf natürlich das F-Wort nicht fehlen. Der Song "Diadem" könnte da der Nachfolger werden zu vorangegangenen Hymnen wie „Ich muss gar nix“ oder zur bei Youtube millionenfach geklickten „Fickt-Euch-Allee“. Text: “Ich hör euch nicht, ich bin in meinem Wochenendhäuschen in der Fickt-Euch-Allee…“

„Ich würde dich gerne mal fragen: Wie oft sagst Du eigentlich ‚Fuck‘ oder ‚Fickt Euch‘ am Tag?!“, sagt Schlagzeuger Chriz Falk. „Es ist einfach die Sprache, die wir sprechen. Punkt.“

„Ich bin halt irgendwie 'ne Atze“, sagt Jen Bender, „trotz Abitur hält sich meine Mundart gerne unterhalb der Gürtellinie auf. Die Jogginghose und der Wortschatz – das ist ok, ich darf das.“

"Wir ziehen da nicht mit, wir ziehen eine Borderline"

Wenn man Chris und Jen von Grossstadtgeflüster so reden hört, merkt man schnell: Die sind clever. Die können mit der Basswalze das Partygelände planieren, sie beherrschen aber auch Wortspielflorett auf hohem Niveau. Im Song Huxley’s, einer Hommage an Aldous Huxley’s Dystopie-Klassiker "Schöne neue Welt", singen sie: "Wir ziehen da nicht mit, wir ziehen eine Borderline. Ihr zieht in den Wettkampf, wir ziehen von innen an der Tür".

Natürlich muss sich die Band die Frage gefallen lassen: Sind Verweigerungs- und Freimach-Parolen im Jahr 2019 noch angebracht? Wo’s mit der Welt gerade bergab geht und uns im Kampf gegen den Klimawandel die Zeit davonrennt?

„Ich glaube, dass das sich entziehen und das etwas bewegen wollen sich nicht zwangsläufig ausschließt, sondern eventuell sogar aus einem Guss ist“, sagt Jen Bender. „Wir setzen uns jetzt nicht so U2-Bono-mäßig hin und sagen: Wir müssen jetzt die Hymne schreiben, die die Welt zum Weltfrieden vereint. Nicht weil wir das doof finden, sondern es passiert uns so nicht.“

© BMG

"Trips und Ticks" von Grossstadtgeflüster ist bei BMG erschienen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Hörspiele, Krimis, Kinder-Angebote, Features, Dokumentationen, Gespräche und vieles mehr finden Sie in der ARD Audiothek.