BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Albrecht Schöne legt seine Erinnerungen vor | BR24

© Audio: BR/ Bild: picture-alliance/Wolfgang Weihs

Der Germanist Albrecht Schöne war nie ein Bewohner des Elfenbeinturms. Zu seinem heutigen 95. Geburtstag legt er seine Erinnerungen vor.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Albrecht Schöne legt seine Erinnerungen vor

Günter Grass hat ihn um Rat gefragt, Paul Celan ins Poesiealbum seiner Tochter geschrieben: Der Germanist Albrecht Schöne war nie ein Bewohner des Elfenbeinturms. Zu seinem heutigen 95. Geburtstag legt er seine Erinnerungen vor.

Per Mail sharen

Er sei "ein abwechslungslustiger Mensch", sagte Albrecht Schöne 1991 in einem Gespräch mit Radio Bremen: "Käme ich also nochmal zur Welt und ich hätte Erinnerungen an das, was war, dann würde ich gern was Anderes machen. Aber wenn ich als unbeschriebenes Blatt noch einmal anträte, denke ich, es war schön und richtig und hat mir Freude gemacht." So redet wohl nur, wer mit sich im Reinen ist. Albrecht Schöne wurde die Liebe zur Literatur im Wortsinn in die Wiege gelegt. Als er gerade mal zehn Tage alt war, schrieb ihm sein Vater einen Brief, aus dem er in seinen Erinnerungen zitiert: "Du kleiner Kerl, der Du jetzt aus sattem Kinderschlaf aufseufzest, wann wirst Du zum ersten Mal mit funkelnden Augen und heißen Wangen in die Schätze greifen, die da neben Deinem Wagen stehen? Den ersten Band Goethe und Shakespeare, Tolstoi und Hebbel aufschlagen?"

Ein anderer "Brief an den Vater"

Ein Leben, nah am Buchregal gebaut. Sein Vater war mit Ricarda Huch befreundet und korrespondierte mit Thomas Mann, der ihn 1921 als "angenehmes Talent" in seinen Tagebüchern verewigte. Es gibt viele sprechende und berührende Szenen in diesem Buch: Wie Albrecht Schöne als junger 21-jähriger Mann Brennholz spaltet und sein Vater – einarmig, kriegsversehrt – ihm dabei aus Jean Pauls Aphorismen vorliest.

Wir schreiben das Jahr 1946. Wenige Tage zuvor erst sind sich Vater und Sohn nach jahrelanger Trennung durch Krieg und Gefangenschaft und im Rätsel um des jeweils Anderen Schicksal zufällig wiederbegegnet – in einem überfüllten Zug. Wer das liest, wird nicht nur bei dieser großartigen Szene denken, dass dieses Buch ein "Brief an den Vater" der anderen Art ist. Ein Brief tiefer Liebe und Verbundenheit.

An seinen Erzeuger Friedrich Schöne wendet sich Albrecht Schöne auch direkt: "Jetzt, am Ende des eigenen Lebens, denke ich immer öfter daran, wie es in unserer schönsten gemeinsamen Zeit zuging, wenn mein Vater nach jeder Trennung liebevoll dringlich verlangte: 'Komm, setz Dich! Erzähl, wie alles war. Ganz genau – und dann und dann und dann ...!' In Gedanken erzähle ich ihm noch immer. Je älter ich wurde, desto häufiger." 1991 im Interview mit dem Journalisten und Literaturwissenschaftler Harro Zimmermann angesprochen auf seinen Bücherhunger in der Nachkriegszeit, fielen Schöne zuerst Franz Kafkas Werke ein: "Als 1947 die ersten Bände Kafka herumgereicht wurden, war das etwas ganz unglaublich Aufregendes."

Verrückt nach Kafka

Ohne Kafka hätte Schöne wohl nie seine spätere Frau kennengelernt: Dagmar Haver saß wie er in einem Kafka-Kolloqiuum, also in einer jener universitären Veranstaltungen, die Schöne immer die liebsten waren. Schaut man auf die Liste seiner Kommilitonen – Odo Marquard, Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Harald Weinrich – so liest die sich wie ein akademisches Who’s Who. Apropos: In der "Who’s Who"-Ausgabe von 1997 steht – Albrecht Schöne vermerkt es belustigt –, er sei in erster Ehe mit "Regina Katharina von Reifenberg" verheiratet gewesen – hinter welcher fiktiven Gemahlin Schöne niemand anderen als Catharina Regina von Greiffenberg ausmacht, die bedeutendste Dichterin des Barockzeitalters.

Die Barock-Literatur ist eine der vielen Domänen des großen Germanisten Albrecht Schöne. Günter Grass erbat deshalb seine Mithilfe beim Verfassen des Barock-Kapitels im "Butt", aber auch beim Schreiben an seiner Erzählung "Das Treffen in Telgte". Nie habe er Spezialist sein wollen, so Schöne, immer aber "ein Wandervogel": "Ich habe so herumzigeunert. Wenn ich eine Sache gemacht hatte, dachte, so, sollen andere weiter dran bosseln, ich gehe mal wieder woanders hin. Ich hatte Lust zu wandern und anderes auszuprobieren."

Wider den Spezialistenjargon

Die gespreizte Fachsprache hat der weltweit renommierte Wissenschaftler stets gescheut. Sie habe, so schreibt er, "beigetragen zur Leserverabschiedung": "Dass sich da bei uns ein auch nicht ganz von Hochmut freier Spezialisten-Jargon entwickelt hat und wir uns womöglich dabei auch noch einbilden, dass Unverständlichkeit geradezu ein Ausweis von Wissenschaftlichkeit wäre, das ist sicher eine ganz gefährliche Entwicklung. Man kann, wenn man die Dinge beherrscht, sie ja auch so einfach sagen, wie sie es erlauben. Ich meine damit gar nicht, dass man unsere Fragestellungen und Einsichten versimpelt oder dass man die Leser mit dem Billigen abspeist, aber man braucht die Dinge jedenfalls verbal nicht schwieriger zu machen als sie der Sache nach sind." Schönes Erinnerungen sind anschaulich und anekdotenprall geschrieben – herrlich etwa, wenn er von den Hausbesuchen des Lyrikers Paul Celans in Göttingen berichtet, der auf Bitten von Schönes Tochter Bettina dieser ein paar Zeilen in ihr Poesiealbum schrieb.

Mit den 68ern haderte er

Eine ganz eigene wechselvolle deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der seine Zeit als HJ-Pimpf in der Zeit des Nationalsozialismus ebenso vorkommt wie sein Engagement als Gastprofessor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, dessen German Department er 1975–83 maßgeblich aufzubauen half. Ein Werk, aus dem man vieles lernt: so auch, wie 1955 Studenten und Professoren gemeinsam zu verhindern wussten, dass der rechtsradikale Verleger und FDP-Politiker Leonhard Schlüter niedersächsischer Kulturminister wurde. So einig man hier im Widerstand war, so kritisch stand Schöne später manchen Auswüchsen der 68er-Bewegung gegenüber, deren eher finstere Kehrseite er hier auch beleuchtet.

Über allem thront in dieser famosen Selberlebensbeschreibung aber die Literatur, über die der bedeutende Literarhistoriker sagt: "Natürlich hat Literatur über die Jahrhunderte hin auch die Bedeutung, dass sie unser eigenes kurzes kleines Leben in die Tiefe der Zeiten hin erweitert. Sie macht uns reicher durch das, was in ihr gespeichert ist in Wörtern, Sätzen, Schriftwerken und Dichtungen. Was ist darin gespeichert? Historische Erfahrungen, Möglichkeiten des Menschen und dann in den großen Werken: denkerische Energie. Man lernt manchmal von den großen Alten wirklich mehr als von den mittleren und kleinen Neuen, die uns ja so viel näher scheinen, aber uns deshalb ja nicht viel mehr mitteilen als das, was wir ohnehin schon wissen."

Albrecht Schöne: Erinnerungen. Wallstein 2020. 336 Seiten. 28 Euro

© Wallsteinverlag

Cover von "Erinnerungen"

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!