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Albert Ostermaiers Gegenwartsbeschimpfung für Salzburg | BR24

© Bayern 2

Dumpf und böse sind immer die anderen? Nein. Im Monolog "Zum Sisyphos" schreibt Albert Ostermaier seine Wut über die rohe Gegenwart einem Wirt auf den Leib – der darin selbst ziemlich roh wird. Da kann sich auch das Publikum nicht zurücklehnen.

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Albert Ostermaiers Gegenwartsbeschimpfung für Salzburg

Dumpf und böse sind immer die anderen? Nein. Im Monolog "Zum Sisyphos" schreibt Albert Ostermaier seine Wut über die rohe Gegenwart einem Wirt auf den Leib – der darin selbst ziemlich roh wird. Da kann sich auch das Publikum nicht zurücklehnen.

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In Albert Ostermaiers Theatermonolog "Zum Sisyphos. Ein Abendmahl" spricht der Wirt sich mal so richtig alles von der Seele. Das Schlimmste für ihn sind – Gäste. Eine Gäste-Beschimpfung also, ganz in der Tradition von Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" aus dem Jahr 1966. Denn: "Kinderpornoklicker, Gotteslästerer, Massentierhalter, Vorstandsvorsitzende, Fernsehköche ..." – mit solchen Gästen ist im Wirtshaus jeglicher Anstand verloren gegangen. Gesprochen wird der Monolog bei den Salzburger Festspielen von "Jedermann"-Darsteller Tobias Moretti. Und wie wird das Publikum reagieren? Judith Heitkamp hat mit Albert Ostermaier gesprochen.

Judith Heitkamp: Erste Frage – gehen Sie gern ins Wirtshaus?

Albert Ostermaier: Ich liebe Wirtshäuser! Ins Wirtshaus ist die Heimat eingeschrieben, in aller Sperrigkeit, in der Mundfaulheit, in der Stimmung, die sich verdichtet und explodieren kann, die Intimität, wie das Essen inszeniert ist, die Bedienung, die Alteingesessenen, die Rituale. Wenn man von Bayern ausgeht, und für Österreich gilt das wahrscheinlich auch, ist das Wirtshaus gleich neben der Kirche der andere, wirklich große, traditionell szenische Ort.

Am Stammtisch also?

Die Wirtschaft, die ich mir für die Gäste-Beschimpfung beim Schreiben vorgestellt habe, ist eine ganz klassische einfache Wirtschaft. Aber das Verhalten der Gäste hat sich natürlich überall verändert, in jeder Kategorie von Gasthaus bis hin zur Event-Gastronomie.

Ich hab Sie gefragt, ob Sie gern ins Wirtshaus gehen, weil Sie ja möglicherweise mit einem Wirt wie dem aus Ihrem Stück rechnen müssen, einem, der nichts schlimmer findet als Gäste. Dieser Wirt ist sehr wütend – warum?

Dieser Wirt hat zwei Utopien. Das schönste Wirtshaus ist das ohne Gäste – aber davon kann der Wirt natürlich nicht leben. Die zweite Utopie ist, dass der Wirt den Tod besiegt. Denn der Tod ist die zweite, unsichtbare Figur in dem Stück. Sisyphos hat den Tod mehrfach ausgetrickst und besiegt – auch mit Schnaps, das kennen wir im Bayerischen vom Brandner Kaspar. Was ihn so wütend macht: Alles wird respektloser, alle Parameter verschieben sich, wie in der Politik, wie bei Trump in Amerika, entsprechend verändern sich auch die Gäste. Alle Grenzen des Anstands werden übertreten. Das Wirtshaus und den Respekt und die Rituale, die der Wirt sich vorstellt, gibt es nicht mehr. Sein Monolog ist nicht nur eine Beschimpfung des Gastes im Sinne der Handkeschen Publikumsbeschimpfung, sondern auch eine Beschimpfung der Politik und auch eine Beschimpfung von sich selbst.

Wenn es auch um Politik geht, bis hin zu Trump – dann waren Sie auch wütend, als Sie das geschrieben haben?

Ja, natürlich hat diese Entwicklung der Politik mich wütend gemacht. Diese Sprache außer Rand und Band, die zur Gewalt führt, diese Verrohung macht mich wütend. Sprache müsste ein Moment der Erkenntnis und der Sinnlichkeit sein und wird stattdessen zu einem Aufruf zu Gewalt und Diskriminierung.

Der Wirt ist auch nicht ohne.

Absolut nicht. Es geht nicht darum, dass die Bösen immer die anderen sind. Natürlich schlägt vieles auch auf ihn zurück, er wird dadurch noch wütender über sich selbst, er wird zu einem Wut-Wirt.

Laut Textvorlage werden teilweise seitenlang nur Schimpfwörter geschrien. Welche Reaktionen wünschen Sie sich heute Abend?

Naja … (lacht) … deswegen haben manche ja auch Angst vor dem Stück – man fühlt sich eigentlich als Zuschauer sicher. Aber das Stück ist natürlich auch ein Spiegel und die Reaktion kann sein, dass die Leute das witzig finden, dass sie das teilen oder dass sie sich dagegen wehren. Auf jeden Fall ist es ein Versuch, das Publikum aus der Passivität zu locken. Es gibt ja andere Teile in dem Stück, die diese Passagen in einen Kontext setzen.

© Christian Hartmann

Schauspieler Tobias Moretti

Man kann vielleicht sagen, dass seit 1966, seit Handkes Publikumsbeschimpfung …

… das Publikum kontinuierlich beschimpft wird … (lacht)

… das Publikum eine gewisse Routine im Sich-beschimpfen-lassen entwickelt hat. Der Monolog heute Abend wird gehalten von Tobias Moretti. Der spielt aber bei diesen Festspielen vor allem den "Jedermann". Was haben die beiden Figuren miteinander zu tun?

Tobias Moretti ist einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler, wir sind engstens befreundet und haben oft zusammengearbeitet. Der Echo-Raum des "Jedermann" war für mich sehr entscheidend. Der Jedermann ist auch einer, der um Leben und Tod kämpft: Was ist das Gute? Was ist das Falsche? Ich habe versucht, daraus nochmal einen eigenen Monolog zu machen, eine Hommage an Tobias Moretti, so wie Thomas Bernhard eine Hommage an seinen Lieblingsschauspieler Minetti geschrieben hat. Teile davon werden einfließen, wir haben es zeitlich nicht geschafft, beide ganz zu machen. Aber ich hoffe, das wird sich noch mal ergeben.

Wer textet hier wen? Der Prolog heißt "Moretti", wie Tobias Moretti, dort sagt Tobias Moretti, dieses Stück müsse "Moretti" heißen, und auch, dass er dem Autor nun dieses oder jenes wieder streichen werde – was aber eigentlich auch der Autor geschrieben hat … oder doch nicht?

Da habe ich ein bisschen die Werkstatt aufgemacht. Der Prozess zwischen Autor, Schauspieler und Regisseur ist immer eine Form von Kampf. Tobias Moretti bringt sich vehement ein und schreibt auch Sachen dazu. Ich habe versucht zu zeigen, dass der Autor einen Schattenkampf mit dem Schauspieler fightet.

Premiere von Albert Ostermaiers Monolog "Zum Sisyphos. Ein Abendmahl" ist am 12. August 2019. Weitere Aufführungen am 16. und am 20. August im M32 in Salzburg.

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