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"Eine schwere Geburt": Das neue Album von Alanis Morissette | BR24

© Amy Harris / Invision AP Image Audio BR

Acht Jahre gaben ihre drei Kinder den Ton an, nun will Alanis Morissette wieder mehr Musik machen und sich auch politisch einmischen.

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"Eine schwere Geburt": Das neue Album von Alanis Morissette

Vor einer gefühlten Ewigkeit landete Alanis Morissette mit "Jagged Little Pill" eines der erfolgreichsten Alben der Pop-Geschichte. Nach längerer Babypause meldet sich der 46-jährige Superstar mit neuem Album zurück. Auch politisch.

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Das neue Album sei eine schwere Geburt gewesen, so Alanis Morissette: Ihre drei kleinen Kinder, die sie allein zu Hause unterrichtet, hätten sie so vereinnahmt, dass die letzten acht Jahre gar nicht an neue Musik zu denken war: "In einem Paralleluniversum hätte ich wahrscheinlich zehn Kinder, doch in diesem belasse ich es bei dreien. Denn ich habe gespürt, dass es wieder Zeit ist, Musik zu machen. Ich habe diese innere Stimme gehört, die sagte: 'Jetzt!' Also fing ich an zu schreiben, als meine Tochter zwei war und ich meine Wochenbettdepressionen überwunden hatte."

Songs als Appelle zur Konfliktlösung – im Großen wie im Kleinen

Das Comeback-Album "Such Pretty Forks The Road" trägt dem heimischen Stress-Level Rechnung: Ein warmer, einfühlsamer Sound – nur mit Gitarre, Streichern und Klavier. Perfekt für ein Publikum, das es gerne etwas ruhiger mag – genau wie sie selbst: "Anfangs habe ich es 'das Piano-Album' genannt. Denn sämtliche Stücke sind mit meinem Keyboarder Mike Farrell entstanden. Ich hatte ihn eingeladen, es mit mir zu probieren – und dann konnten wir nicht mehr aufhören." Das Ergebnis sei tatsächlich nur Klavier und Gesang gewesen, bis sie Alex Hope und Catherine Marks als Produzenten verpflichtet habe, erzählt die Musikerin weiter: "Sie hatten wunderbare Ideen und ich habe sie einfach machen lassen. Ich habe die Kontrolle abgegeben und mich entspannt."

Die Mischung aus Balladen und gepflegtem Midtempo würzt Alanis mit viel Atmosphäre, verspielten Klangeffekten und Texten, die sich vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen zu drehen scheinen: um Betrug, Zurückweisung, Vereinsamung. Doch hinter vermeintlichen Allerweltsdramen wie "Sandbox Love" und "Missing The Miracle" stecken nicht nur Kindheitserinnerungen und Eheprobleme, sondern auch der politische Rückblick auf die Obama-Jahre und die Unzufriedenheit mit der aktuellen US-Regierung. Es handelt sich um Metaphern fürs Zeitgeschehen, Kommentare zur Lage der Nation. Und einen Appell zur positiven Konfliktlösung – im Großen wie im Kleinen.

© Sony

Glamourös: Cover von Alanis Morissettes neuem Album "Such Pretty Forks In The Road"

Album mit Tiefgang und dem Anspruch eines Ratgebers

"Alles, was ich scheibe, ist persönlich. Gleichzeitig ist es politisch und wird vom Mikro- zum Makro-Kosmos. Von daher ist jeder Kommentar in Sachen Beziehungen auch einer auf großer Ebene – wie zwischen Nationen und Systemen", meint Alanis Morissette. Entscheidend sei aber, dass die Leute weniger Angst hätten. Als Kind sei ihr eingetrichtert worden, sich von drei Emotionen fernzuhalten: Wut, Trauer, Angst. "Natürlich habe ich die ständig gespürt. Ich denke, wir wären alle wesentlich risikobereiter, wenn wir in unseren Beziehungen mehr Sicherheit spüren würden."

"Such Pretty Forks In The Road" ist ein sanftes Album mit Tiefgang. Eines, das als Ratgeber fungieren will, das praktische Lebenshilfe erteilt und auf Optimismus und Versöhnung setzt. Doch auch die 46-jährige Morissette hat Momente, in denen sie ihre Wut und ihren Ärger nicht vollends kaschieren kann. Sei es im Stück "Reckoning" über ihren Ex-Manager, der fünf Millionen Dollar veruntreut hat – oder in "Reasons I Drink" über altbackene Zustände in der Musikindustrie, die einer dringenden Reform bedürfen, die sie anklagt: "In der Branche regiert nach wie vor das Patriarchat. Nicht mehr so schlimm wie in den 90ern, aber es ist immer noch vorhanden." Die MeToo-Bewegung habe vor allem ein Licht auf die Filmindustrie geworfen, dabei sei das in der Musikindustrie noch ausgeprägter, ärgert sich die Musikerin.

Klare Worte – und eine schallende Ohrfeige für eine Branche, in der es kaum Frauen in Führungspositionen gibt. Da wünscht sich Alanis Morissette genauso schnelle Veränderungen wie in der US-Politik.

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