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"Für deutsche Designer ist der Weißraum was Heiliges" | BR24

© Bild: Sebastian Willnow/dpa; Audio: BR

An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig können geflüchtete Kunst- und Designstudierende seit 2016 ihre Ausbildung fortsetzen. Gründer der "Akademie für transkulturellen Austausch" ist der Typograf und Design-Professor Rayan Abdullah.

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"Für deutsche Designer ist der Weißraum was Heiliges"

Stellt sich der Auftraggeber in Bagdad was anderes vor als der in Berlin? Fragen wie diese sind Thema in einem Kunst- und Design-Studiengang für Geflüchtete an der HGB Leipzig. Wir sprechen mit dessen Gründer, dem Design-Professor Rayan Abdullah.

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Rayan Abdullah ist in Mossul im Irak aufgewachsen. Heute lebt er als Typograf und Professor für Design in Leipzig. Abdullah weiß genau, wie es ist, als Fremder in Deutschland anzukommen und sich hier eine eigene Existenz aufbauen zu müssen, einen Ausbildungsplatz oder Studienplatz zu ergattern. Er kam mit Anfang 20 um das Jahr 1980 herum aus dem Irak über Rumänien nach Deutschland.

Vor vier Jahren hat Professor Abdullah an seiner Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst einen Aufbaustudiengang für geflüchtete Kunst- und Designstudenten ins Leben gerufen: die "Akademie für transkulturellen Austausch". Nach Angaben der Hochschule ist das "das bundesweit erste Studienangebot für Geflüchtete, bei dem die Teilnehmer*innen regulär immatrikuliert sind."

Knut Cordsen: Rayan Abdullah, was genau ist und macht denn die Akademie für transkulturellen Austausch?

Rayan Abdullah: Die Akademie für transkulturellen Austausch ist eine Design- und Kunstakademie. Im Vordergrund stehen Reflexion, Selbstkritik und der Austausch auf Augenhöhe, bei dem man von anderen lernt, und sich bereit erklärt, auch anderen etwas zu vermitteln.

Natürlich: Vordergründig ging es darum, einen Programmstudiengang an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu etablieren. Das heißt, man ermöglicht geflüchteten Designern und Künstlern, ihr Studium fortzusetzen. Gleichzeitig ist das auch eine Chance für eine andere Art der Integration: Indem die Studierenden uns auch aktiv was vermitteln, indem sie auf eine andere Ebene mit uns kommen, indem sie uns andere Werte im Bereich Kunst und Design vermitteln.

"Was verstehen wir unter Design? Da gibt es total unterschiedliche Auffassungen!"

Ich gebe nur mal ein Beispiel: Wir trennen immer ganz genau und betonen, dass Design keine Kunst ist, und die geflüchteten Studierenden können damit absolut nicht umgehen. Wie, Design ist keine Kunst? Das haben wir immer gelernt! Und ich sage dann: Nein, das sind zweierlei unterschiedliche Begriffe und Werte. Und von da an kommen wir in einen Diskurs und versuchen zu definieren: Was verstehen wir unter Design? Was verstehen andere unter Design? Was verstehen wir unter Kunst? Was verstehen andere unter Kunst? Wir haben festgestellt, dass es da total unterschiedliche Auffassungen gibt – sowohl von den Begriffen als auch von ihrer kulturellen Bedeutung.

© Sebastian Willnow / dpa

Professor Abdullah mit geflüchteten Studierenden - eine Aufnahme aus dem Jahr 2016, in dem die Akademie gegründet wurde.

"Für deutsche Designer ist der Weißraum etwas Heiliges"

Noch ein Beispiel: Für uns in Europa und Deutschland ist der Begriff "Weißraum" etwas Heiliges, gerade im Design. Weniger ist mehr. Bei denen ist das total anders.

Die Studierenden sagen mir: Wenn ich mit Weißraum arbeite, dann habe ich nicht viel gemacht. Dann ist es nicht gestaltet und der Kunde wird dafür nicht bezahlen! Sie kommen aus Kulturen, in denen Ornamente und Farben eine große Rolle spielen. Alles soll groß sein und möglichst bunt, mit deckenden Farben und insgesamt sehr laut. Bei uns ist es das Gegenteil. Diese unterschiedlichen Werte und Vorstellungen versuchen wir uns klar zu machen.

Sie selbst sind heute 63 Jahre alt. Sie sind, ich habe es erwähnt, Professor, und Sie entwerfen als Typograf Piktogramme für die Berliner Verkehrsbetriebe oder für die Deutsche Bahn. Sie haben sogar in den 1990er-Jahren im Auftrag der Bundesregierung den Bundesadler redesignt. Mit anderen Worten: Sie haben es geschafft. Mit Ihrer Akademie wollen Sie ja ähnliches anderen jungen Designern ermöglichen. Was sind denn die Aufnahmebedingungen Ihrer Akademie? Was muss man mitbringen, um in die Klasse von zwölf bis 18 Teilnehmern aufgenommen zu werden?

Normalerweise verlangen wir von den Bewerbern als Eignungstest eine Mappe, die bestimmte Arbeiten aus einem festgelegten Zeitraum enthält – also nicht nur Zeichnungen, sondern Fotografien, Collagen, typographische Arbeiten.

Wer flüchtet, nimmt seine Mappe nicht mit

Die meisten Geflüchteten haben aber keine Mappen mitgebracht, die haben nur noch ein paar Bilder auf ihren iPhones. Bei uns machen sie also ihren Eignungstest, indem wir ihnen ein paar Aufgaben stellen. Etwa: Welche Farbe beschreibt am besten, wie du dich heute fühlst? Oder: Welche Stimmung vermittelt ein bestimmtes Bild? Also ganz anders, als es im Orient der Fall ist. Da stellt man irgendwas auf den Tisch und sagt: Zeichne, was du siehst. Und am Ende sage ich dir, ob du es gut gemacht hast oder nicht.

Wir wollten in der Tat versuchen, an der Wahrnehmung der Studierenden teilzuhaben, von ihrer Neugier etwas mitzubekommen. Und wir wollten auch erfahren, wie tief das Interesse an unserem Studiengang ist.

Zudem nehmen wir nur Studierende, die irgendwo im Ausland mal ein Studium angefangen haben oder zumindest eingeschrieben waren, egal in welchem Semester. Es geht darum, diesen Leuten eine Chance zu geben, ihre Arbeit fortzusetzen. Aber diesmal mit anderen Mitteln und anderer Methodik.

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