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Warum man die Ai Weiwei-Ausstellung in Düsseldorf sehen sollte | BR24

© Bayern 2

Für den chinesischen Künstler Ai Weiwei ist alles Kunst, alles Politik. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt nun in ihren beiden Häusern, K20 und K21, Schlüsselwerke des chinesischen Gegenwartskünstlers.

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Warum man die Ai Weiwei-Ausstellung in Düsseldorf sehen sollte

Für den chinesischen Künstler Ai Weiwei ist alles Kunst, alles Politik. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt nun in ihren beiden Häusern Schlüsselwerke des chinesischen Gegenwartskünstlers. Ein Must-See.

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Ai Weiwei stürzt uns immer wieder in Zweifel. Müssen es wirklich 60 Millionen handbemalte Sonnenblumenkerne sein, ausgebreitet auf 650 Quadratmetern Bodenfläche, wie jetzt in der Grabbe-Halle der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen? Interpretatorische Kurzversion: Mao Zedong ließ sich als Sonne darstellen, die chinesische Bevölkerung sollte sich wie die Sonnenblumen nach ihm ausrichten, heute ist China das Niedriglohnland für international gefragte Konsumgüter. Müssen es 14.000 individuell gestaltete Schuldscheine sein, um die Wand der Kunsthalle von oben bis unten zu tapezieren? Ai Weiwei hatte sie den Spendern aus dem In- und Ausland ausgestellt, die ihm halfen, seine nach der Inhaftierung im Jahr 2011 verhängte Steuerstrafe von umgerechnet 1,7 Millionen Euro aufzubringen. Kontext, Kontext, Kontext. Man wird ziemlich atemlos. Susanne Gaensheimer, Direktorin der beiden Düsseldorfer Häuser, hat bei der Inszenierung der Ausstellungen ungeheuren Aufwand betrieben: "Das ist schon ein eindeutiges Statement, da kann man schon daran ablesen, dass ich diesen Künstler sehr schätze und sein Werk für wichtig halte.

© picture alliance/Federico Gambarini/dpa

Das Kunstwerk "Straight" des chinesischen Künstlers Ai Weiwei

Mit dabei: Das Kunstwerk, für das Ai Weiwei inhaftiert wurde

In einer weiteren Halle der Kunstsammlung dann eine riesige Ansammlung von Holzkisten, gefüllt mit Armierungseisen. "Straight" heißt die Arbeit. Sie bezieht sich auf das Erdbeben von Sichuan im Jahr 2008, bei dem 70.000 Menschen, darunter 5.000 Schulkinder, ihr Leben verloren. Wegen Pfusch am Bau. Das hatte Ai Weiwei herausgefunden und öffentlich gemacht. Und allen getöteten Schulkindern ihre Namen zurückgegeben – in einer gigantischen Tapete. Und schließlich die Armierungseisen. Über die sagt Gaensheimer: "Er hat alle diese Armierungseisen, das ist das Innenskelett von so einer Betonbauweise, die lagen wie Wollknäuel auf dem Boden und in dem Schutt herum, die hat er alle gesammelt, nach Peking gebracht und dort in einem jahrelangen Prozess, zusammen mit seinen Mitarbeitern grade geklopft. Und das ist eigentlich eine ganz andere Art zu arbeiten, das ist eigentlich ein symbolischer Akt."

Wegen dieses Kunstwerks kam Ai Weiwei im April 2011 in Haft, wurde 81 Tage an einen unbekannten Ort verschleppt. Im anderen Düsseldorfer Ausstellungshaus, dem K21, dann Ai Weiweis Arbeiten zum Thema Flüchtlinge und Migration. Wieder in All-Over-Manier: Der Boden übersät mit ausgedruckten Schlagzeilen, die Wände mit Fototapeten, der Raum mit Kleidungsstücken von Flüchtlingen aus dem griechischem Übergangslager Idomeni.

© picture alliance/Federico Gambarini/dpa

Teile der Installation "Laundromat"

Sein bestes Werk

Anders als Beuys, so sagt diese Inszenierung, steckt der Aktivist und Dokumentarist Ai Weiwei bis zum Hals in der globalen Politik. Im jahrelang recherchierten Flüchtlingselend. Der Künstler versteht es als unsere Schicksalsfrage: "Es geht um die Frage, wer wir sind und wohin wir gehen. Eine mythologische Dimension, wie zu Zeiten der Griechen, wie bei der Geschichte mit Europa. Und wir wiederholen uns. Es geht um Kampf, Tod, Traurigkeit. Aber das ist die Entwicklung der Menschheit."

Vor allem die Arbeit "Laundromat" von 2016 – 40 Kleiderstangen mit 2.000 Kleidungsstücken aus dem Lager Idomeni – ist beklemmend großartig. Hier stimmt die Überwältigungswucht der reinen Quantität. Ai Weiwei hatte die zurückgelassenen Kleider in Berlin reinigen und flicken lassen und jeweils mit einer Nummer versehen, als Akt der Individualisierung. Er meint dazu: "Die Deutschen sehen mich als Held des Anti-Kommunismus, sie wollen nicht, dass ich über die Situation der Flüchtlinge rede. Aber meine Vision ist größer. Ich spreche über menschliche Würde, über Menschenrechte. Wir sind alle eins und niemand sollte ausgeschlossen werden."

Viel wäre noch zu sagen. Das Wichtigste allerdings: Der von Kunstsammlungs-Direktorin Susanne Gaensheimer betriebene Aufwand ist essentiell, um Ai Weiwei zu begreifen und angemessen zu würdigen.

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