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"Agentterrorist": Yücel stellt Gefängnisbuch im Gefängnis vor | BR24

© picture-alliance / dpa

Der deutsch-türkische Journalist Denis Yücel bei einer Lesung

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    "Agentterrorist": Yücel stellt Gefängnisbuch im Gefängnis vor

    Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel kam vor anderthalb Jahren aus der Haft in der Türkei frei. Über seine Zeit im Gefängnis hat Yücel ein Buch verfasst. "Agentterrorist" heißt es – eine Anspielung auf die Vorwürfe gegen ihn.

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    Die Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit ist fast 150 Jahre alt und wirkt im Inneren so, wie man es sich in einem Kriminalfilm vorstellt: lange Gänge, hohe Decken, alte Türen - und im Lichthof sind zwischen den einzelnen Etagen sind Metallnetze aufgespannt, damit sich keiner der Gefangenen in die Tiefe stürzt.

    In einer kleinen Kapelle hält Deniz Yücel seine Lesung ab, vor etwa dreißig Gefangenen und findet kritische Worte für die deutsche Justiz:

    "Ich bin hier zum zweiten Mal. Als ich an dem Buch schrieb, auch wenn meine Geschichte in der Türkei spielt, ist es nicht verkehrt, sich mal ein, zwei Gefängnisse in Deutschland anzuschauen, wie die Haftumstände sind. Und ich war ein bisschen überrascht. Man könnte annehmen, in Deutschland sei alles besser, das ist gar nicht so." Denis Yücel

    Freilassung: Panzer-Deal zwischen Deutschland und Türkei?

    Diese Analyse überraschte auch die Gefangenen. Jene anwesenden Männer, die türkisch-stämmig sind, wussten recht gut Bescheid über den "Fall Yücel", andere kannten seine Geschichte nicht. Ein Gefangener fragte, ob es eigentlich einen Deal gegeben habe zwischen Deutschland und der türkischen Regierung: Panzer im Gegenzug für die Freilassung. Der damalige Außenminister Sigmar Gabriel hatte stets bestritten, dass es einen Deal gegeben habe. Yücel sagt dazu: "Das ist ein Versprechen, das ich der Bundesregierung abgenommen habe: Diese Panzergeschichte ist nach allem, was öffentlich bekannt ist, hat es das nicht gegeben. Ich stecke letztlich nicht drin, das weiß ich nicht, aber was ich sagen kann ist, dass Gabriel und Merkel mir immer wieder versichert haben: Es gibt keinen Deal."

    Vor lauter Fragen der Gefangenen kam Yücel an dem Abend gar nicht mehr dazu, aus seinem Buch zu lesen. "Agentterrorist" ist in einem lakonisch-ironischen Ton geschrieben – Yücel beschreibt, wie er manchmal sogar Spaß daran hat, den türkischen Staat auszutricksen, beispielsweise wenn er Wärter und Sicherheitsbeamte mit Briefen auf Deutsch und auf Türkisch verwirrte.

    Rückschläge im Gefängnis

    Doch es gab auch Rückschläge in dem Jahr, in dem Yücel im Gefängnis saß. Nicht nur, dass sich die Monate hinzogen. In der Haft erfuhr er, dass sein Vater schwer an Krebs erkrankt war. Das habe ihn psychisch schwer getroffen.

    "Dass ich in diesem Knast saß und dachte: Scheiße, nachher sehen wir uns nie wieder. Der hätte nicht mehr kommen können. Und das war das Schwierigste, darüber habe ich auch nie öffentlich gesprochen." Im Gefängnis habe er sich immer gefragt, ob er ihn noch mal sehen werde. "Das war am Ende das viel Drängendere als die Frage, ob ich da noch etwas länger sitze oder nicht."

    Noch immer 130 Journalisten in türkischen Gefängnissen

    Yücel sprach auch darüber, dass noch immer 130 Journalisten in Haft sitzen – nur weil sie Journalisten sind. Die Situation habe sich nur leicht verbessert. Was ihm geholfen habe, sei auch immer die Unterstützung der Öffentlichkeit in Deutschland gewesen: Solidaritätskampagnen, Lesungen, Interviews: "Was mich immer sehr gerührt hat, war, dass mir Leute geschrieben haben: Du wirst Dich nicht an mich erinnern, aber ich habe vor fünfzehn Jahren ein Praktikum in der 'taz' gemacht, und da hast Du mir mal das und das gesagt. Dieses Gefühl zu bekommen, vielen Leuten etwas mitgegeben zu haben, oder anderen Leuten was zu bedeuten, das hat mich durch diese Isolationshaft getragen. Es gab Tage, wo ich auch geschlagen wurde, wo es Psychoterror gab. Platt gesagt: Das war das Gefühl, da hast Du im Leben doch nicht alles falsch gemacht, wenn sich so viele Leute für Dich einsetzen."

    Kurz vor seiner Entlassung wurde Yücel noch einmal bockig. Er wollte nicht in einen deutschen Regierungsflieger steigen, wollte nicht Teil eines Deals zwischen Deutschland und der Türkei sein. Damals war noch nicht klar, ob es einen gab oder nicht.

    "Mit dem Schlimmsten rechnen, mit dem Besten hoffen."

    Und die Berliner Gefangenen? Sie konnten mit vielen Schilderungen Yücels durchaus etwas anfangen: "Es kommt einem bekannt vor - mit Gefängnis, mit Familie, mit all diesen Dingen", sagte einer der Gefangenen. Aber man gehe immer mit dem Gedanken in den Tag: Mit dem Schlimmsten rechnen, auf das Besten hoffen.

    Im Gegensatz zu den Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit ist Deniz Yücel nun ein freier Mann.

    In der Türkei erscheint Yücels Buch nicht

    Sein Buch, "Agentterrorist" wird, nach jetzigem Stand, aber noch nicht in der Türkei erscheinen. Kein Verlag traue sich da heran, meint Yücel.

    Heute, anderthalb Jahre danach, würde Yücel bis auf weiteres nicht mehr in die Türkei zurückkehren, auch wenn kein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Aber sein Jahr im Gefängnis lasse ihn doch nicht richtig los:

    "Es ist eine sehr intime Sache. Im Knast eines Landes zu sitzen … ich habe das Gefühl, dass weder ich mit der Türkei fertig bin noch die Türkei mit mir, aber im Moment betrachten wir uns aus der Ferne, wir haben eine Fernbeziehung, wenn man es so ausdrückt." Denis Yücel