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Wenig Ethno, viel Zukunft: "Afrika! Afrika!" in München umjubelt | BR24

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Seit 2005 tourt die einst umstrittene Akrobatik-Show äußerst erfolgreich durch die Welt: Ursprünglich von André Heller inszeniert, ist seit 2018 ein neues Konzept seines Schülers George Momboye zu sehen - jetzt zum ersten Mal am Deutschen Theater.

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Wenig Ethno, viel Zukunft: "Afrika! Afrika!" in München umjubelt

Seit 2005 tourt die einst umstrittene Akrobatik-Show äußerst erfolgreich durch die Welt: Ursprünglich von André Heller inszeniert, ist seit 2018 ein neues Konzept seines Schülers George Momboye zu sehen - jetzt zum ersten Mal am Deutschen Theater.

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In Afrika ist ja einiges aus dem Gleichgewicht geraten, vielleicht sollte da der kanadisch-schweizerische Artist Andreis Jacobs-Rigolo aushelfen. Er schafft es, mit einer einzigen, unscheinbaren Feder ein Dutzend meterlange Palmblatt-Rippen in Balance zu halten, ein riesiges, imposantes Mobile in die Luft zu stemmen. Ein Gleichnis natürlich darauf, wie wichtig kleinste Teile für das Ganze sein können, und ein atemberaubendes Beispiel von Konzentration und Körperbeherrschung. Auch diese dritte Auflage von "Afrika! Afrika!" ist zu Recht umjubelt. Klar, mit Afrika hat das alles nichts zu tun, dort gibt es keine Zirkus- und Varietétradition, auch, wenn es in Burkina Faso, Tansania und Guinea ein paar sehr ärmliche Ausbildungsstätten gibt.

"Traumbeladene Dinge"

Abgesehen von wenig lukrativen Möglichkeiten in Marokko und Äthiopien haben es artistische Talente auf dem schwarzen Kontinent jedoch äußerst schwer. Der Versuch, einen Tournee-Zirkus zu etablieren, endete prompt in der Pleite. Umso besser, dass die wirklich großartigen, teils sehr jungen Akrobaten in Europa eine Chance bekommen. Der Erfinder dieser Show-Idee, André Heller, ist gerade vom kreativen Künstlernachwuchs begeistert, wie er dem ORF sagte: "Es ist etwas ganz Neues, von einer neuen Generation, die aus dem Internet 'Afrika! Afrika!' kennt und sich dann selbst die verrücktesten, surrealsten, traumbeladensten Dinge beigebracht hat."

© Nilz Boehme/Deutsches Theater München

Farbe und Optimismus: Eröffnungstanz

Die sehr rhythmusorientierte Musik ist allenfalls von afrikanischen Trommeln beeinflusst, insgesamt aber sehr westlich geprägt und näher am Breakdance als am Ethno-Sound, auch, wenn die bunten Kostüme natürlich etwas vom Charme eines traditionellen Dorffests haben. Optisch dominierender sind jedoch eine leuchtende Hochhaus-Skyline und ganz viel stylischer Glitzer: Dieser Kontinent steht für Zukunft, nicht für Beschaulichkeit, und das ist jederzeit zu spüren. Gut so, denn "Afrika! Afrika" ist ja keine Folklore-Veranstaltung für Kreuzfahrttouristen auf Landgang, sondern höchste Zirkus-Kunst auf internationalem Niveau.

"Vollkommen neuartig"

Entsprechend begeistert war das Münchner Publikum - die Show war zum ersten Mal überhaupt im Deutschen Theater zu erleben. Diese neueste Auflage hat Georges Momboye im vergangenen Jahr inszeniert, ein Tänzer und langjähriger Kollege von André Heller. Und wieder ist die bühnenhohe Videowand im Einsatz, die schon André Heller lobte: "Wir haben den wunderbaren Heimat-Raum einer Bühne, und dort stellen wir fast 200 Quadratmeter des am meisten entwickelten LED-Equipments auf. Wir haben das von der Beyoncé bekommen, die war die erste, die das verwendet hat. Wir sind jetzt weltweit die zweiten, und damit kann man einen Sturz durch Träume, Bildräusche herstellen, die vollkommen neuartig sind."

© Nilz Boehme/Deutsches Theater München

Mohamed-Elnoamany Tanoura

Staunenswert, was die Artisten, darunter einige Kinder und Heranwachsende, da vorführen, spektakulär und auch ohrenbetäubend. Kluge Zuschauer hatten wegen des sehr hohen Geräuschpegels Ohrenstöpsel mitgebracht. Doch es lohnt sich in jeder Hinsicht: Ein verblüffend echt aussehender Elefant hat seinen Auftritt, darf mit den Augen klappern und mit den Ohren wedeln, Minenarbeiter schuhplatteln mit Gummistiefeln, ein Jongleur lässt die Bälle hinter seinem Rücken kreisen, eine Verrenkungs-Künstlerin lässt den Atem stocken, Breakdancer ruinieren ihre Frisuren, Athleten fliegen durch die Luft und rotieren um sämtliche Achsen, bis sich Schwindelanfälle einstellen - wohlgemerkt, im Publikum, nicht auf der Bühne.

Kein Gedanke mehr an die Streitereien vor vielen Jahren, als die Show noch unter Rassismus- und Kolonialismus-Verdacht stand, als von Ausbeutung die Rede war. Hier sind ganz offensichtlich selbstbewusste, starke Frauen und Männer im Einsatz, die ihr eigenes Ding machen und längst überwiegend in Europa leben. So macht "Afrika! Afrika!" Mut und gute Laune. Im Mai soll die aktuelle Tournee vorerst enden, aber eine weitere Neuauflage ist wohl unausweichlich.

Bis Montag, den 29. April täglich im Deutschen Theater München, samstags und sonntags auch zusätzliche Nachmittagsvorstellungen. Am 30. April in Bregenz, vom 1. bis 3. Mai in Salzburg, am 21. Mai in Passau.

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