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Ärzte und Veranstalter: Vollauslastung von Sälen ist möglich | BR24

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Zwanzig Wissenschaftler, darunter elf Mediziner, empfehlen der Kulturbranche statt Stufenplänen unterschiedlich aufwändige Hygiene-Konzepte, bis hin zu tagesaktuellen Tests aller Besucher. Das soll volle Säle bei "minimalem Risiko" ermöglichen.

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Ärzte und Veranstalter: Vollauslastung von Sälen ist möglich

Zwanzig Wissenschaftler, darunter elf Mediziner, empfehlen der Kulturbranche statt Stufenplänen unterschiedlich aufwändige Hygiene-Konzepte, bis hin zu tagesaktuellen Tests aller Besucher. Das soll volle Säle bei "minimalem Risiko" ermöglichen.

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Von
  • Peter Jungblut

Das werden viele Veranstalter gerne hören, die Politik und zahlreiche Virologen wohl weniger: Ein Bündnis aus rund vierzig Institutionen, darunter der Münchner Olympiapark und das Kulturzentrum Gasteig, sowie zwanzig Experten macht Druck, den Kulturbetrieb möglichst umfassend wieder in Gang zu bringen. Unter den Fachleuten ist neben Medizinern und Rechtsanwälten auch ein Lüftungs-Spezialist. Sie alle legten ein 22-seitiges Konzept zur "Schrittweisen Rückkehr von Zuschauern und Gästen" vor, das sich als "integrierter Ansatz für Kultur und Sport" versteht. Besonders umstritten wird wohl die Empfehlung der Organisatoren sein, schon kurzfristig die Vollauslastung von Stadien und Zuschauerräumen zu ermöglichen, nämlich dann, wenn Veranstalter in der Lage sind, alle Teilnehmer tagesaktuell zu testen. Gesundheitsökonom Florian Kainzinger: ""Wer ein Testkonzept umsetzen kann, wer die räumlichen und finanziellen Voraussetzungen hat, das wird sicher nicht für jeden passen, der kann aus unserer Sicht auch sicher bis hin zur Vollauslastung heute schon Veranstaltungen wieder durchführen oder zumindest den Weg dahin beschreiten."

"Inzidenzzahlen müssen an Bedeutung verlieren"

Auch dieses "Maximalmodell" sei zwar nicht zu 100 Prozent sicher, die moderne Diagnostik, also die neuesten Testverfahren, könnten das Risiko eines "Super-Spreaderevents" jedoch "minimieren": "Um die höchstmöglichste Sicherheit zu gewährleisten, behält das Testergebnis nur für den Tag seiner Durchführung Gültigkeit. Ein negativer Antigentest kann somit niemals für mehrere Tage einen Zugang zu einer Veranstaltung ermöglichen", so das Papier, das sich dabei an den Empfehlungen der Bundesregierung für die Sicherheit in Alten- und Pflegeheimen orientiert.

Georg-Christian Zinn, Facharzt für Hygiene in Ingelheim, forderte eine Neuorientierung bei den Schutzmaßnahmen: "Wir sehen eine deutlich veränderte Situation im Gegensatz zur Lage vor der zweiten Welle. Die medizinischen Bereiche, die Intensivstationen sind nicht mehr so belastet. Wir haben zum Beispiel 2.000 Intensivbetten weniger belegt als noch vor wenigen Wochen. Wir sehen, dass ein Großteil der schutzwürdigen Bevölkerungsgruppen mittlerweile durchgeimpft sind. Also diese reinen Inzidenzzahlen müssen und werden an Bedeutung verlieren."

© Christoph Hardt/Picture Alliance

Dicht an Dicht: Konzertbesucher in der Bonner Rheinaue im Sommer 2020

Auf einen Zeitplan wollten sich die Experten nicht festlegen, entscheidend sei nicht das "wann", sondern vor allem das "wie": "Da nicht mit einem stichtagsbezogenen, abrupten Ende der Pandemie zu rechnen ist, müssen jetzt geeignete Konzepte mit ausreichendem Vorlauf entworfen werden, um allen Kultur- und Sportsparten mit Zuschauerpartizipation den sicheren, schrittweise erfolgenden und nachhaltigen Weg zurück in eine Normalität zu ermöglichen." Trotz Impfstoffen sei "kein zeitnahes Ende der Erregerverbreitung in Sicht", es reiche jedoch aus, dass mutmaßlich bis Ende April "ein Großteil der Risikogruppe 1", also der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe geimpft sei: "Sobald dieses Ziel (Reduktion der Krankenhausbelastung) erreicht ist, sind Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Freiheitsrechte nicht mehr ohne Weiteres zu rechtfertigen."

Statt sich weiter ausschließlich auf die Inzidenz zu konzentrieren soll künftig eher die Belastung des Gesundheitssystems, also vor allem der Intensivstationen in den Krankenhäusern, zum Kriterium für Lockerungen werden.

Vertrauen in Antigen-Tests

Bei einem "Basiskonzept" mit den üblichen Abstandsregeln und personalisierten Eintrittskarten empfehlen die Unterzeichner des Leitfadens eine Auslastung der Stadien und Säle von 25 bis 30 Prozent. Sitzplätze sollen im Zweier- und Viererblock belegt werden, jeweils mit Personen aus einem Haushalt, dazwischen blieben zwei Meter frei, also in der Regel zwei Plätze. Der Ausschank von Speisen und Getränken solle unterbleiben. Für Open-Air-Events wird eine Auslastung von vierzig Prozent vorgeschlagen, jeweils mit Maskenpflicht bis zum Sitzplatz.

Wer sich von Hygiene-Fachleuten beraten lässt und spezielle Lüftungstechniken einsetzt, soll seine Kapazitäten bis zu vierzig Prozent nutzen können, allerdings jeweils nur individuell angepasst: "Dieses Konzept muss nicht nur Ausführungen zu jedem der 'neuralgischen' Bereiche enthalten, es soll auch eine Einschätzung auf Basis von erhobenen Messwerten zur vorhandenen Raumlufttechnik und Lüftungssituation beinhalten."

© Robert Schmiegel/Picture Alliance

Auch eine Möglichkeit: Auto-Konzert

Zum Maximalkonzept mit "unterstützender Teststrategie" heißt es: "Auf Basis der neuen Diagnostikmöglichkeiten soll die Erweiterung der Zugangsmöglichkeit zu Veranstaltungen umgesetzt werden – bis hin zu einer möglichen Vollauslastung von Opern, Konzerten und Sportereignissen." Zwar seien Antigen-Tests weniger treffsicher als PCR-Tests, die Personen, die fälschlich negativ getestet würden, seien jedoch nach wissenschaftlichen Erhebungen auch weniger infektiös.

"Tag X wird es nicht geben"

Besucher könnten "freiwillig einen Impfnachweis oder eine durchgemachte und PCR-bestätigte COVID-19-Erkrankung digital verifizieren lassen". Dieser "Immunitätsnachweis" habe "ausschließlich zur Folge, dass ein Test vor Ort nicht durchgeführt werden muss und damit die Testkapazitäten entlastet" würden. Das sei keine "Diskriminierung von Personen ohne Immunitätsnachweis", im Gegenteil, "alle Besucher" profitierten von "kürzeren Wartezeiten" an den Teststationen.

"Den Tag X wird es nicht geben, an dem alles wieder wie vorher sein wird", sagte Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmonie. Sie verwies darauf, dass bereits ein Drittel der Berliner Musiker ihren Beruf aufgegeben hätten und die Lage der Künstler trotz der Corona-Hilfen enorm schwierig sei. Ole Hertel von der Mercedes-Benz-Arena in Berlin verwies darauf, dass vor der zweiten Welle bereits ein fachärztliches Gutachten für seine Veranstaltungshalle vorlag, wonach jeder zweite Sitz belegt werden kann: "Sobald es wieder losgehen kann, sind wir bereit für die Durchführung von sicheren Veranstaltungen."

Reaktionen aus Politik und Verbänden

Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat die Initiative als "richtigen Weg" bezeichnet, sie sei "nicht hoch genug einzuschätzen", sagte der Linke-Politiker der Deutschen Presse-Agentur in Berlin: "Das Senken der allgemeinen Inzidenz bleibt im Moment absolut vordringlich, sonst laufen wir in eine Situation, in der solche guten Konzepte noch länger im Schrank bleiben müssen."

Berndt Schmidt, der Intendant des Berliner "Friedrichstadt-Palasts" sagte: "Schließungen im Kunstbetrieb können keine politische Antwort auf Corona sein. Auch eine Pandemie eröffnet Spielräume. Daher unterstützen wir die Initiative und hoffen, eine notwendige politische Debatte anzuregen." Es gehe nicht darum, dass ab sofort wieder Veranstaltungen mit Publikum stattfänden: "Fundierte Konzepte brauchen zeitlichen Vorlauf und organisatorische Vorbereitungen. Daher wäre es zu spät, sich damit zu beschäftigen, wenn die Öffnung absehbar ist. Für die Entwicklung intelligenter Öffnungskonzepte ist ‚Fahren auf Sicht‘ keine Option."

Für den Deutschen Kulturrat, Spitzenverband von 261 Kultureinrichtungen und -verbänden, sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann: "Wir wollen wieder öffnen und wir wollen die Menschen, die unsere Einrichtungen besuchen oder in ihnen arbeiten, vor dem Virus schützen." Das vorgelegte Konzept beweise, dass beides miteinander vereinbar sei.

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