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Im Nachlass des Kinobesitzers Fritz Rüth hat seine Enkelin alte Filmrollen entdeckt. Die Aufnahmen entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und gelten als ältestes Filmporträt Aschaffenburgs. Im Stadt- und Stiftsarchiv war nun nochmal "Premiere".

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Ältestes Filmporträt Aschaffenburgs: "Premiere" für Enkelin

Im Nachlass des Kinobesitzers Fritz Rüth hat seine Enkelin alte Filmrollen entdeckt. Die Aufnahmen entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und gelten als ältestes Filmporträt Aschaffenburgs. Im Stadt- und Stiftsarchiv war nun nochmal "Premiere".

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Von
  • Frank Breitenstein

Ortstermin im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg: Chefarchivar Joachim Kemper hat zur Premiere geladen. Cornelia Seubert soll zum ersten Mal sehen, was ihr Großvater vor über 90 Jahren gefilmt hat und was nun jahrzehntelang im Verborgenen schlummerte. Cornelia Seubert aus Aschaffenburg hat in ihrem Elternhaus insgesamt acht alte Filmrollen entdeckt. Sie stammen aus dem Nachlass ihres Großvaters Fritz Rüth. Dieser gründete bereits 1913 in Aschaffenburg ein Lichtspielhaus und später zwei weitere Kinos. Vor allem aber filmte er selbst in seiner Heimatstadt Aschaffenburg.

Aufnahmen vom Aschaffenburger Volksfest im Jahr 1927

Gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Aufnahmen flimmern über den großen Flachbildschirm. Eine Spezialfirma aus Mainz hatte die Filme digitalisiert. Schrifteinblendungen machen die zeitliche Zuordnung leicht. Der Film entstand im Jahr 1927. Er dokumentiert ein Volksfest. Unter dem Titel "Aschaffenburger Schlossbeleuchtung" bot es drei Tage lang buntes Treiben, bei dem auch die Sport-Vereine sich mit Vorführungen und Umzügen präsentierten. Fritz Rüth filmte ausgelassene Menschen, die sich auf dem Festplatz zwischen Karussells und Biergarten tummeln. Cornelia Seubert ist beeindruckt: schon damals stand eine Achterbahn von beachtlicher Größe auf dem Festplatz. Eine Holzbalkenkonstruktion, wie wir sie heute nicht mehr kennen. Viele Menschen winken freudig in die Kamera, als wäre sie die eigentliche Attraktion des Festbetriebs.

Filmrollen im Elternhaus gefunden

Der Film lag bis vor kurzem noch in einer Kiste im Kleiderschrank ihrer Mutter, erzählt Cornelia Seubert. Aschaffenburgs Stadtarchivar Joachim Kemper hatte sie darüber informiert, dass die Freiwillige Feuerwehr eine alte Filmdose ihres Großvaters gefunden hatte. Ob es da wohl noch mehr Material gäbe, wollte er wissen. Und siehe da: Acht Filmrollen förderte Cornelia Seubert nach und nach zutage. Aus unterschiedlichsten Ecken des Hauses.

Nitrofilm – eine "Bombensache"!

Eine zusätzliche Motivation, möglichst alles zu finden, bekam Cornelia Seubert, nachdem Stadtarchivar Kemper sie über die buchstäbliche Sprengkraft des Materials informiert hatte. Die alten Filme bestehen nämlich aus Nitrozellulose, die durchaus schon mal explodieren und in Flammen aufgehen kann. Die Originale werden schließlich nach Berlin ins Bundesfilmarchiv gebracht, wo sie in feuerfesten Bunkern gelagert werden.

Wie alles begann…

Als im Jahr 1897 zum ersten Mal ein Kinematograph in Aschaffenburg zu Gast war, muss das den jungen Fritz Rüth sehr beeindruckt haben. Das Medium Film ließ ihn fortan nicht mehr los. Dennoch lernte er den Beruf des Masseurs. Weil damit wenig Geld zu verdienen war, zog es ihn für mehrere Jahre an den Gardasee. Dort massierte er die Schönen und Reichen, berichtet seine Enkeltochter, und schuf so den Grundstock für seine späteren Kinos. In denen zeigte Rüth nicht nur die aktuellen Stummfilme dieser Zeit sondern eben auch seine eigenen Aufnahmen rund um das städtische Geschehen. So entstand im Jahr 1927 ein Stadtrundgang durch Aschaffenburg. Fritz Rüth hat mit der Kamera Menschengewimmel in der Innenstadt eingefangen, Automobile treffen auf Pferdefuhrwerke. Plötzlich stutzt Cornelia Seubert: "Das ist doch meine Mutter! Und die Oma!", entfährt ihr ein regelrechter Freudenschrei. Damit hatte sie am wenigsten gerechnet.

"Herausragender Kulturschatz aus den goldenen Zwanzigern"

Dass die verloren geglaubten Filme nun wieder aufgetaucht sind, freut auch Aschaffenburgs dritten Bürgermeister Eric Leiderer (SPD). Es sei ein wichtiger Baustein für das Digitale Stadtlabor Aschaffenburg 2.0, in dem künftig auch weniger professionelle Film- und Fotoaufnahmen von Bürgerinnen und Bürgern gesammelt und veröffentlicht werden. Die Filme von Fritz Rüth seien jedoch ein herausragender Kulturschatz aus den goldenen Zwanzigern, die der Filmpionier in seinem Tivoli-Kino 500 Zuschauern ihre eigene Lebenswelt vor Augen führte. Bis der Zweite Weltkrieg alles zunichte machte.

Alte Filme nun auf YouTube

Cornelia Seubert ist stolz darauf, dass die Filmdokumente ihres Opas künftig auf dem YouTube-Kanal der Stadt für alle frei verfügbar sind. Hier schließt sich für sie der Kreis: Ihr Großvater, so sagt sie, habe die Filme ja nicht gedreht, damit sie irgendwo im Schrank herumliegen, sondern als Zeitdokumente. Sie sei deshalb froh darüber, dass sie beim Stadt- und Stiftsarchiv nun in den richtigen Händen seien.

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Ausschnitt aus dem Filmmaterial von Fritz Rüth zum Aschaffenburger Volksfest im Jahr 1927.

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