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"Abteilung für irre Theorien" - Tom Gaulds Wissenschaftscartoons | BR24

© Bild: Tom Gauld / Edition Moderne/ Audio: BR

Tom Gauld Lieblingsthema ist die Naturwissenschaft. Jetzt gibt es eine Auswahl seiner Bildergeschichten.

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"Abteilung für irre Theorien" - Tom Gaulds Wissenschaftscartoons

Tom Gauld gehört zu den bekanntesten Karikaturisten in Großbritannien und veröffentlicht seine Zeichnungen regelmäßig im Guardian. Ein Lieblingsthema ist die Naturwissenschaft. Jetzt gibt es eine Auswahl seiner herrlich schrägen Bildergeschichten.

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Von
  • Niels Beintker

Endlich haben sie sich wieder: Zwei Insekten, die sich lange nicht gesehen haben. Fast 50 Millionen Jahre, um genau zu sein. Nun begegnen sie einander, in Bernstein konserviert und so in Vitrine 403 eines Museums ausgestellt. Tom Gauld zeigt sie: zwei zarte Körper in gelber Hülle und miteinander im Gespräch. "Wie geht’s“, fragt das eine Insekt. Das andere antwortet, ganz kurz: "Großer Harztropfen, 49 Millionen Jahre im Boden, ausgegraben, 85 Jahre Spazierstockknauf und jetzt hier.“ Der Dialog in vier schmalen Bildern geht noch weiter und endet mit der Feststellung, im Museum gehe es einem nicht schlecht. "Man wird halt angeglotzt. Aber man gewöhnt sich dran.“ Willkommen in der schrägen Welt von Tom Gauld.

"Die Wissenschaft fasziniert mich sehr", sagt der aus Schottland stammende Zeichner. "Ich bewundere die Wissenschaftler und ihre Forschungen. Das 'New Scientist Magazine‘ räumt ihren Erfolgen allen Raum ein, es würdigt die großen Augenblicke. Mein Job ist es, mit einer anderen Perspektive auf die Wissenschaft zu schauen, auf eine lustige, interessante Weise. Zum Beispiel bei den beiden Insekten im Bernstein. Ich will das herunterbrechen, zu einer normalen menschlichen Beziehung: Zwei Freunde haben sich für eine Weile nicht gesehen."

Wenn sich zwei Himmelskörper treffen

Eine Auswahl von 150 Cartoons hat Tom Gauld für sein Buch "Abteilung für irre Theorien“ getroffen. Auf jeweils nur einer Seite erzählt er immer wieder herrlich komische Geschichten. Da etwa sieht man eine kleine Figur, einen Forscher, vor einer übergroßen Medikamenten-Kapsel freudig rufen: Die Verkleinerungspille sei ein großer Erfolg. Jetzt müsse nur noch das Gegenmittel geschluckt werden. Dort wiederum können wir den entgegengesetzten Bahnen eines Asteroiden und eines Kometen im All folgen. Aneinander vorbei gerauscht sagt der eine – in Gedanken – "Dreckiger Schneeball“, der andere wiederum entgegnet still und leise: "Langweiliger Stein“. Die Zeichnungen sehen oft so leicht, so einfach aus. Die Idee für jeden Cartoon sei das schwierigste, sagt Tom Gauld, der in London lebt und arbeitet.

"Das Zeichnen und das Texten sind viel einfacher", so der Karikaturist. "Es ist wirklich schwer, den Funken für eine Idee zu finden, ganz am Anfang. Manchmal lese ich in der Zeitung und es macht kling. Dann kann ich den Cartoon in ein paar Stunden zeichnen. Und manchmal brauche ich einen Kaffee nach dem anderen, bevor ich etwas gefunden habe, mit dem ich weitermachen kann."

© Tom Gauld / Edition Moderne

Auch Schrödingers Katze erlebt bei Tom Gauld Abenteuer - und gleichzeitig nicht.

Roboter und "Kleine Strepto Nimmersatt"

So unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich auch die Formen der grafischen Erzählung. Tom Gauld arbeitet mit einem klaren Strich und gerne auch mit gedeckten Farben. Er lässt sich von Diagrammen inspirieren, ebenso von Molekülen, Piktogrammen oder von bekannten Buchcovern: Eric Carlyles berühmte „Raupe Nimmersatt“ beispielsweise wird in der „Abteilung für irre Theorien“ zu einer Bakterie, das Buch heißt nun „Die kleine Strepto Nimmersatt“. Ein Lieblingsthema des Zeichners sind zudem gewaltige Maschinen, voller Rohre, Körper, Draht und Dampf. Und Roboter. Die mag er besonders, sagt Tom Gauld.

"Ich muss mich aber stets ermahnen: Zeichne nicht jede Woche einen Roboter-Cartoon!" Denn aus Sicht des Zeichners sind sie für eine Karikatur sehr hilfreich. "Man kann Roboter leicht zeichnen – und schon verspüren die Leserinnen und Leser beim Betrachten fast immer eine große Sympathie. Ich liebe es, in meinen Bildern mit Robotern zu arbeiten. Aber ich muss auch all die anderen Bereiche der Wissenschaft in den Blick nehmen. Ich kann nicht nur lustige Roboter zeichnen, auch wenn das meinem natürlichen Instinkt entspricht."

Newtons Apfel, Einsteins Sakko

Tom Gaulds Cartoons sind nicht platt. Sie sind tiefgründig, bisweilen philosophisch und immer voller Liebe für die Materie. Insofern kommt in der „Abteilung für irre Theorien“ keine Langeweile auf. Wir können entdecken, wie Maurice Sendaks „Wilde Kerle“ nun als Forschungsobjekt herhalten müssen, mit einem Sensor am Bein. Und wir können uns ebenso an den Reliquien berühmter Wissenschaftler erfreuen, an einem Stück Tweed von Albert Einsteins Sakko oder an den Kernen vom Apfel, der Isaac Newton zur Gravitationstheorie inspirierte.

Im Buch finden sich auch wunderbar komische Piktogramme, schwarz auf gelbem Grund. Eines zeigt einen liegenden Körper, darüber lauter Zahlen, es steht für „Achtung, tödliche Mathematik“. Ein anderes zeigt einen Oberkörper, über dem Kopf eine Stichflamme. Seine Bedeutung: „Abteilung für explosive Ideen“. Das könnte eigentlich auch über Tom Gaulds Buch stehen. Nicht, weil wir explodieren. Sondern weil hier einer zeichnend erzählt, der uns mit seinen Ideen wieder und wieder zum Lachen verführt.

Tom Gaulds Buch „Abteilung für irre Theorien“ ist in der Edition Moderne, Zürich erschienen, aus dem Englischen übersetzt von Christoph Schuler.

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