BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR

Hat die Passionsspiele von lange überlieferten Antijudaismen befreit: Regisseur Christian Stückl.

3
Per Mail sharen

    Abraham-Geiger-Preis 2020 für Passionsspiel-Regisseur Stückl

    Christian Stückl ist in München mit dem Abraham-Geiger-Preis geehrt worden. Stückl habe die Oberammergauer Passion erneuert, so die Begründung: weg von christlichem Judenhass hin zu einer ausgewogenen Darstellung "innerjüdischer Konflikte".

    3
    Per Mail sharen
    Von
    • Julia Smilga
    • BR24 Redaktion

    In den 1970er Jahren lauschte der damals 14-jährige Christian Stückl oft hitzigen Debatten im Wirtshaus seines Großvaters in Oberammergau: Es ging um Juden und um Antisemitismus bei den Passionsspielen, an denen Stückls Familie aktiv teilnahm.

    Antisemitismus: Der Großvater ging dem Thema aus dem Weg

    "Mir war nicht klar, was Antisemitismus im Zusammenhang mit einem Passionsspiel sein kann", erinnert sich der Regisseur heute. "Und mein Großvater ist dem Thema immer aus dem Weg gegangen. Da hat er gesagt, lass mich in Ruhe. Und dieses "lass mich in Ruhe" hat mich dazu gebracht, mich immer mehr selber damit auseinanderzusetzen." Er habe dann ständig Bücher gesucht:

    "Was könnte in der Passionsgeschichte antijüdisch sein? Und dann habe ich natürlich gemerkt, dass der Grundkonflikt dieser Geschichte seit Jahrhunderten eigentlich der ist, dass behauptet wird: Die Juden haben unseren Heiland umgebracht." Regisseur und Passionsspielleiter Christian Stückl

    1990: Schon in seiner ersten Passion weicht Stückl von der Tradition ab

    1990, mit inzwischen 27 Jahren, führt Christian Stückl erstmals Regie bei den Passionsspielen. Er reist nach Israel, um sich vor Augen zu führen, wo und wie sich damals die Leidensgeschichte Jesu abgespielt hat. Bereits in seinen ersten Passionsspielen beginnt Stückl, einige seit vier Jahrhunderten festgefahrene Muster und antisemitische Klischees zu hinterfragen.

    "Seit der Barockzeit wurden die Hohepriester, die jüdischen Priester mit Hörner-Kappen dargestellt, das kam noch aus der barocken Spielweise, in der die höllischen Geister, die Hölle noch drin war." Christian Stückl

    Die Bildsprache in Oberammergau war früher sehr klar: Die jüdischen Hohepriester wurden als teuflisch inszeniert. Auch die Farbe Gelb, mit der sich auf Geheiß der Kirche Juden seit dem 13. Jahrhundert vielerorts kenntlich machen mussten, spielte eine Rolle. Und der traditionelle jüdische siebenarmige Leuchter, die Menora zeigte auf der Bühne an, wo die jüdischen Täter zu sehen waren.

    Antijudaismen: Dämonisierte Hohepriester, ein gelb gekleideter Judas

    "Es war dann so, dass zum Beispiel Judas immer gelb gekleidet war bei uns", erzählt Stückl. "Ich habe gesagt, die Farbigkeit muss raus. Dort, wo Jesus verurteilt war, stand die Menora. Ich habe dann gesagt: Das muss raus, das ist so ein klares Zeichen für Judentum."

    Er habe die jüdische Symbolik aber nicht einfach über Bord werfen wollen, so Stückl. Doch der Regisseur rückte das Jüdischsein Jesu ins Bild. "Ich habe gesagt, ich stelle die Menora zu Jesus auf den Tisch. Dort, wo Jesus ist, das ist genauso Judentum." Er habe immer versucht, klar zu machen, dass es bei Jesu Geschichte nicht um einen christlich-jüdischen Konflikt ginge.

    "Jesus war vom ersten Tag bis zum letzten Tag seines Lebens Jude. Es war eine innerjüdische Angelegenheit." Christian Stückl

    Viermal wird Christian Stückl Leiter der im zehnjährigen Turnus stattfindenden Spiele. Jedes Mal geht er ein Stück weiter, holt sich Rat bei jüdischen Gelehrten und christlichen Theologen mit dem Ziel, alles Judenfeindliche aus den Passionsspielen zu streichen. Ein schwieriger Balanceakt, muss er sich doch auch an die Texte der Evangelien halten.

    2020 wollte Stückl die Figur des Pontius Pilatus neu angehen

    Doch Stückl hat immer wieder neue Ideen. Für die diesjährigen Passionsspiele, die wegen der Corona-Pandemie auf 2022 verschoben wurden, wollte er die Rolle des römischen Statthalters Pilatus, der Jesus kreuzigen ließ, deutlicher machen, ihn aus der Rolle des vermeintlich unschuldigen Vollstreckers des jüdischen Volkswillens herausholen, erklärt der Spielleiter: "Wir haben jetzt so inszeniert, dass es bei der Verurteilung auf dem Platz zum Streit kommt, dass genauso viele schreien "gib ihn frei" wie "ans Kreuz mit dem". Dass es fast wie eine Demo ist, bei der Jesus-Befürworter und Jesus-Gegner gegeneinander anschreien und dann Pilatus den Platz räumen lässt und sagt: "Dieser Mann bringt nur Unruhe, weg mit ihm." Die Gebete beim letzten Abendmahl hat Stückl völlig neu inszeniert. Statt wie früher Hände nach christlichem Ritus zu falten, legen die Apostel jüdische Gebetstücher an und beten auf hebräisch.

    Rabbinerseminar Abraham-Geiger-Kolleg zeichnet Stückl aus

    Nun ist Stückl für seine Regiearbeit an der Passion mit dem Abraham-Geiger-Preis ausgezeichnet worden. Der Preis wird vom Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam verliehen, dem ersten nach dem Holocaust in Deutschland gegründeten Rabbinerseminar. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und würdigt "Persönlichkeiten, die sich um den Pluralismus verdient gemacht haben und sich für Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit einsetzen", wie es in der Begründung des Abraham Geiger Kollegs heißt.

    Stückl zur Schoa: Wiedergutmachung, nein - Auseinandersetzung, ja

    Die Auszeichnung freut den Intendanten des Münchener Volkstheaters natürlich. Doch andererseits, sagt Stückl, sei es für ihn ungewöhnlich, einen Preis für etwas zu bekommen, was ihm schon als Kind selbstverständlich schien. "Ich glaub, ich kann nicht anders. Mich hat jemand mal gefragt, ob ich das tue um was wieder gut zu machen. Ich habe gesagt: Die Shoa und was da passiert ist, kann man nicht gut machen, es ist nicht möglich das gut zu machen. Das einzige, was wir machen können: Wir müssen reden. Wir müssten diskutieren, müssen offen sein. Ich will, dass wir alle reden miteinander."

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!