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Eine pastellfarbene Stoffskulptur von Rosemary Mayer im Münchner Lenbachhaus

Bildrechte: Lenbachhaus
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Abheben! Werke von Rosemary Mayer im Münchner Lenbachhaus

Die 2014 gestorbene New Yorkerin Rosemary Mayer versuchte nicht nur den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen, sondern auch den patriarchalen Strukturen – als sie die erste kooperative Galerie für Frauen in den USA gründete.

Von
Tilman UrbachTilman Urbach
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Man möchte dabei gewesen sein, als Rosemary Mayer ihre großen Heliumballons in den New Yorker Himmel stiegen ließ. Zum Beispiel 1978 den roten "Ballon for a Birthday", der, behängt mit flirrenden Alubändern, glitzernd vor der Kulisse des Empire State Buildings schwebt.

Solche Aktionen sind typisch für die 1943 geborene Rosemary Mayer, die ihre Kunst stets als etwas Flüchtiges, sich ständig Wandelndes und keineswegs statisches Werk sah. Ihre Ballons und fliegenden Stoffe konnten überall auftauchen, über dem Dächermeer vom Big Apple, auf Industriebrachen oder auch schon mal in der freien Natur.

Heute ist die Künstlerin fast vergessen. Und so war die Ausstellungvorbereitung auch eine Detektivarbeit. Da steht Kuratorin Stephanie Weber im Lenbachhaus vor einer wieder entdeckten, mannshohen Skulptur, die nur aus dünnen, gebogenen Stäben besteht, auf denen lose fallende Stoffe drapiert sind: "Diese Skulpturen sind unglaublich. Die stehen im Raum, die haben eine wirklich große Imposanz. Die scheinen eigentlich der Schwerkraft zu widersprechen und zudem sind sie wunderschön. Und das fanden wir auch erstaunlich an Rosemary Mayer, die geht mit Schönheit um in einer Zeit, in der die Begriffe des Minimalismus ganz stark sind. Skulptur ist minimalistisch, die ist eher kühl und distanziert. Und was macht Rosemary Mayer? Die macht diese wunderschönen pastellfarbenen Stoffskulpturen. Das fanden wir sehr überraschend und einzigartig."

Ein Hauch von Skulptur

Tatsächlich sind es vor allem die Stoffskulpturen, die in den Räumen des Lenbachhauses auffallen. Man möchte sie anfassen, gerade weil sie so leicht, fast schwerelos erscheinen. Sie haben etwas Spielerisches. Und sind doch genau geplant. Das zeigen die vielen kleinen Buntstiftzeichnungen: präzise Entwurfsskizzen von Stoffskulpturen.

"Ja, das ist so ein Klischee. Man denkt: Ah, Künstlerin, Stoffe, das ist ja so feminin, hat was mit Nähen zu tun. Ja, Stoffe haben mit Nähen zu tun. Und auch dieses Werk hat mit Nähen zu tun. Aber auch mit Geometrie, mit Mathematik, mit Struktur, mit Architektur", sagt Kuratorin Stephanie Weber. "Und genau diese Widersprüche vereinen sich in Mayers Werk. Und sie will sie auch auflösen. Sie sagt: 'Nee, nee! Eine Blume ist nicht nur eine Blume, das ist eine Architektur. Ein Stoff, der ist nicht einfach nur ein Gewand, sondern das ist eine Konstruktion.' Und so sagt sie zum Beispiel auch: 'Schönheit ist nicht getrennt von Konzept. Das ist ein- und dasselbe.'"

Dem Kunstmarkt etwas entgegengesetzt

Rosemary Mayer war ehedem eingebunden in die virulente New Yorker Kunstszene, eine bunte Mischung aus Literaten, Künstlern, Kreativen. Mayers Schwester Bernadette ist Dichterin. Mit ihr korrespondiert sie ein Leben lang. Überhaupt ist der studierten Altphilologin die Literatur nicht fremd. Viele von Mayers Werken tragen Namen, die der griechischen Mythologie entstammen: "Hypsipyle" nach der Königin von Lemnos etwa. Einer starken Frauenfigur.

Nicht umsonst ist Mayer Gründungsmitglied der New Yorker A.I.R Gallery, der ersten, heute legendären Galerie-Kooperative für Frauen in den USA: "Das ist eine sehr belebte Kunstwelt in den Siebzigern. In den Achtzigern wird es langsam kommerzieller, die Galerien übernehmen mehr die Diskussion, und da wird es für jemanden wie Rosemary Mayer schwieriger. Sie ist sehr eigenwillig, sie möchte keine Kompromisse machen. Also, jetzt wird das so dargestellt: Oh, die Galerien wollten ihre Werke nicht ausstellen. Ich glaube das nicht so ganz. Ich glaube, dass sie auch nicht wirklich wollte. Sie schaut sich an, was die Galerien von ihr wollten: Die wollten über Kunst reden, die wollten klar definierte Objekte. Gerade in den Achtzigern, als die Galerien sehr dominant werden. Und sie sagt: Das interessiert mich nicht. Ich möchte Sachen im Freien machen, möchte draußen arbeiten. Ich habe keine Lust auf diese Galerie-Sprache", sagt Kuratorin Stephanie Weber über Rosemary Mayer, die widerständig blieb, sich keiner Kunstströmungsmode unterordnen wollte und ihre Vorbilder, erstaunlich genug, eher in der Kunstgeschichte suchte.

Im Faltenwurf der italienischen Manieristen etwa oder im Gesamtkunstwerk der Asam-Kirche in München, die Mayer auf ihrer Europareise begeistert besuchte. Und so ist im Lenbachhaus eine Künstlerin zu entdecken, die sich weithin anregen ließ und deren Kunst als poetisch, weiblich und schön gelten will.

Eine pastellfarbene Stoffskulptur von Rosemary Mayer im Münchner Lenbachhaus

Bildrechte: Lenbachhaus

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