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Abgestempelt: Wenn Online-Bewertungen mehr als bewerten | BR24

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Instagram zeigt Likes an

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    Abgestempelt: Wenn Online-Bewertungen mehr als bewerten

    Wer ein Hotel oder einen Arzt sucht, orientiert sich nicht selten an Bewertungen im Netz. Auch in sozialen Netzwerken geht es vor allem darum, Likes zu bekommen. Für das Zusammenleben hat diese Bewertungskultur Folgen.

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    Die Bewertungen reichen von "total unprofessionell und unhöflich" bis "schlecht organisiert" - was man früher einer Nachbarin oder Freundin über den Arzt erzählt hätte, steht heute öffentlich im Netz. Die Zeiten, in denen die Götter in Weiß unantastbar waren, sind vorbei, sagt der Dermatologe Josef Pilz: "Als ich noch Assistent war, da war das ein asymmetrisches Verhältnis. Da war der Arzt der Gott. Jetzt dreht es sich in die andere Richtung um."

    Josef Pilz und andere Ärzte schauen sich regelmäßig ihre Bewertungen im Internet an. 3000 Patienten behandelt der Münchner Hautarzt pro Quartal, nur ein minimaler Bruchteil von ihnen bewertet ihn. Und die Meinung dieser Minderheit bestimmt dann sein Image im Netz. So gut wie nie gehe es bei solchen Online-Bewertungen um die fachliche Kompetenz, sondern meist um Äußerlichkeiten, wie Brigitte Dietz vom Verband der Kinder und Jugendärzte ausführt: "Oft werden die Bewertung im Affekt ins Netz gestellt, lange Wartezeiten oder Unzufriedenheit, verschiedene Meinungen, zum Beispiel beim Impfen. Der Frust des Patienten macht sich frei."

    Bewertungskultur verändert die Kommunikation

    Für die Erlanger Kommunikationswissenschaftlerin und Theologin Johanna Haberer steht fest: Diese Form der Bewertungskultur verändert die Kommunikation und letztlich auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Denn es gehe nicht mehr um einen Austausch in beide Richtungen, nicht darum, in Dialog zu treten, sondern darum, das Gegenüber abzuwerten.

    "Wenn wir miteinander weiterkommen wollen, müssen wir den Gesprächsfaden knüpfen oder - wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt - die Resonanzräume öffnen. Und die Resonanzräume, in denen wir zusammen Gedanken entwickeln oder uns versöhnen, die werden durch diese Art der kurzen Kommunikation zerstört." Zwar beantworte die Bewertungskultur im Netz das menschliche Bedürfnis nach Einordnung. Wenn es aber immer darum gehe, sich von außen bestätigen zu lassen, leide die Selbst- und Fremdwahrnehmung, so die Kommunikationswissenschaftlerin. Etwa die ständige Beobachtung sämtlicher Körperfunktionen führe dazu, keinen Blick mehr für die anderen zu haben, sondern nur noch auf sich selbst zu schauen.

    Buchtipps zum Thema:

    • Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich: Digitale Depression. Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern
    • Johanna Haberer: Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart.

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