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Homeschooling: 12-Jährige zu Hause beim Schulaufgaben machen

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    Abgehängt, allein: Was der Distanzunterricht mit Kindern macht

    In Bayern gilt künftig für Grundschüler die bundesweite Inzidenz von 165 für Wechselunterricht. Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler sitzt dennoch weiterhin die meiste Zeit zu Hause - und das hinterlässt Spuren beim Lernen und in der Psyche.

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    Von
    • Anna Giordano
    • Veronika Wawatschek

    Es ist Mittwoch, 7.45 Uhr: Schon seit Monaten bekommt Susanne Kroes jeden Morgen Besuch aus der Nachbarschaft: Für Lavant, Omar und Haidar ist sie die Homeschooling-Lehrerin. Die drei Jungen kommen aus Syrien und leben seit fünf Jahren im oberbayerischen Dorfen.

    Sie gehen in die erste, zweite und dritte Klasse der Grundschule. Die Eltern können sie bei den Schulaufgaben kaum unterstützen, und das sorgt für viele Probleme, die bei der technischen Ausstattung anfangen. Der Vater belegt seinen digitalen Deutschkurs vom Handy aus, die Kinder haben einen Leih-Laptop von der Schule bekommen, das sie jeden Morgen mit zu ihrer Gastmutter bringen. Susanne Kroes stellt dann weitere Geräte: "Dieses Jahr hat ja die Schule diesen Onlinezugang bekommen. Und dann habe ich mitbekommen, dass einige Eltern sich nicht angemeldet haben, weil sie einfach Sprachbarrieren hatten. Und dann war mir klar, dass diese Eltern das im Lockdown auch nicht stemmen können."

    Vormittags ehrenamtliche Nachhilfe, abends Büroarbeit

    Susanne Kroes hat selbst vier Kinder, die beiden jüngeren gehen zusammen mit den syrischen Jungen in die Grundschule. Sie hilft der syrischen Familie einfach so, freundschaftlich und ehrenamtlich. Ihren Büro-Teilzeitjob erledigt sie jetzt nachmittags oder abends. Am wichtigsten, stellt sie fest, ist es, mit den Kindern viel zu sprechen, um die deutsche Sprache zu festigen. Und trotzdem kommt sie mit dem Schulstoff kaum hinterher. Eigentlich wären die Wortarten Stoff der zweiten Klasse. Dann aber kam der Lockdown. "Das heißt, dieses Wissen wurde nicht vertieft. Jetzt in der 3. Klasse wären wir bei der Vergangenheitsbildung. Da sind wir raus."

    Videounterricht ist bei geringen Deutschkenntnissen kaum möglich

    Eigentlich brauchen Kinder aus ausländischen Familien dringend den Kontakt zu Gleichaltrigen, damit sie auch spielerisch Deutsch lernen. Das sagt Jenny Maressa. Sie ist Lehrerin an der Mittelschule an der Simmernstraße in München und unterrichtet eine Deutschlernklasse. Das ist eine Art Förderklasse für Kinder und Jugendliche, die oft noch gar kein Deutsch können, weil sie zum Beispiel gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Diese Kinder per Video zu unterrichten, sei fast unmöglich. Sie versucht dennoch, Konversation zu üben.

    Wenn das Klo der einzig ruhige Ort für Unterricht ist

    Und doch hat sie den Eindruck: Viele ihrer Schülerinnen und Schüler fallen gerade zurück, vergessen eher Dinge, als dass sie etwas dazulernen. Das hängt auch an der Lernatmosphäre zu Hause: "Das heißt, die ganze Familie wohnt in einem Zimmer. Und da sitzen dann drei Kinder nebeneinander auf der Couch und machen gleichzeitig Onlineunterricht und ich kann hören, was die Lehrerin vom Bruder gerade möchte. Ich hatte einen Schüler, der hat dann sich aufs Klo zurück verzogen, weil das der einzige Raum war, wo er mal ein kleines bisschen Ruhe haben konnte."

    Jenny Maressa glaubt, dass viele ihrer Deutschlernkinder das Schuljahr wiederholen müssen. Das sei vor allem für die Kinder schwierig und demotivierend, die fleißig sind, sich bemühen und trotz aller Umstände kleine Fortschritte gemacht haben.

    Psychisches Leid durch die allgemeine Unsicherheit

    Psychisches Leid im Lockdown - das trifft aber nicht nur die ausländischen oder ärmeren Schulkinder: Mit der Motivation kämpft gerade auch Cynthia. Sie ist eine gute Schülerin, selbstständig, 17 Jahre alt, Abiturientin am Michaeli-Gymnasium in München. Sie hat das Gefühl, viele ihrer Mitschüler hätten Down-Phasen. "Man merkt das schon, auch eine Lehrerin hat über unseren Jahrgang gesagt, dass wir allgemein einfach trauriger geworden sind."

    Mental belastend findet Cynthia vor allem das Regel-Wirr-Warr, die Unsicherheit nicht zu wissen, wie es in ihrem persönlichen Alltag weitergeht: "Dass man dieses ganze Hin und Her irgendwie koordinieren muss, ich glaub, das war so das, was am meisten aufgeregt hat im Lockdown."

    Ausgeliefertsein, Einsamkeit - quer durch alle Schichten

    Gefühle von Ausgeliefertsein, Machtlosigkeit, Einsamkeit haben auch jüngere Schülerinnen und Schüler, quer durch alle Schichten. Aber sie können sie nicht immer artikulieren. Das beobachtet Tobias Schötz. Er ist Schulsozialarbeiter an einer Grundschule im Münchner Osten. Immer wieder hört er von Kindern, die sich zurückziehen, ihre Schulaufgaben nicht mehr erledigen. "Die Eltern beschreiben das dann schon fast als depressiv. Dass ein Kind gar nicht mehr rausgehen möchte, dass es sich nicht mehr mit einem Freund treffen möchte. Und das ist eigentlich ein sehr gutes Beispiel für ein Thema, was wir jetzt häufig haben.

    Viele Kinder seien orientierungsloser als vor dem Lockdown, würden Rückschritte in ihrer persönlichen Entwicklung machen oder viel mehr weinen. Tobias Schötz sieht andererseits auch Kinder, die in der Notbetreuung sehr laut sind und sich sehr schwertun, sich an Regeln zu halten, die sie vorher kannten.

    Für 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen war die Situation während der Schulschließungen in diesem Jahr eine große psychische Belastung, ermittelte kürzlich das Ifo-Institut in einer deutschlandweiten Studie. Auch die Lernentwicklung habe sich insgesamt verschlechtert. Welche Folgen das langfristig hat, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Tobias Schötz spürt aber in seiner täglichen Arbeit mit den Kindern: Der Weg zurück in eine gewisse Normalität und Unbeschwertheit braucht viel Zeit und Geduld: Wenn Kinder zu Terminen zu ihm kommen, sind sie zunächst sehr verhalten und brauchen sehr viel mehr Zeit zum Auftauen.

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