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Diese Fischstäbchen sind nicht essbar, sondern Kunst | BR24

© Gisbert Stach

Fischstäbchen aus Bernstein und Silikon: "Gold Fingers", Gisbert Stach 2015

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Diese Fischstäbchen sind nicht essbar, sondern Kunst

Bernstein gleich altbackener Oma-Schmuck? Gisbert Stach interpretiert das traditionelle Material neu – und macht daraus Broschen in Fastfood-Optik. Auch Eheringe sind vor dem Schmuckkünstler nicht sicher: Stach löst sie in Säure auf.

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Bernsteineinschlüsse sind etwas Faszinierendes, wie sich da vor Millionen von Jahren ein Tropfen klebrigen Harzes um Fliegen, Spinnen oder das Blatt einer Pflanze geschlossen hat. Der Schmuckkünstler Gisbert Stach hat dieses Prinzip in die Moderne überführt: Seine Ringe mit Aufsätzen aus bernsteinfarbenem Gießharz enthalten zum Beispiel den Verschluss einer Cola-Dose, eine Reißzwecke oder ein abgebranntes Streichholz.

Auch mit echtem Bernstein arbeitet Gisbert Stach. Und das ist ungewöhnlich. Bernstein gehört zwar zu den ältesten Materialien in der Schmuckherstellung, leidet aktuell allerdings unter einem kleinen Image-Problem: Vor allem jüngere Menschen verbinden Bernstein mit altbackenem Omaschmuck. "Das Faszinierende war eigentlich die Geschichte. Dass es so 60 Millionen Jahr alt ist und wie es entstanden ist: eigentlich gar kein richtiger Stein, sondern getrocknetes Baumharz und es lässt sich schleifen oder feilen oder sägen, also wie ein Kunststoff. Und dann habe ich herausgefunden, dass es für mich was Tolles hat, dass man es zerkleinern und zerstoßen kann und da so eine Art Pulver oder Sand entsteht. Mit dem habe ich dann verschiedene Sachen wieder modelliert," sagt Stach.

Aus den Splittern und Bröseln gewinnt Stach unter Beimischung von Silikon eine frei formbare Masse. Deren Farbe und Konsistenz erinnert an goldbraun gebratene Panade und eignet sich daher hervorragend zur Imitation von Fischstäbchen, Toastscheiben oder Schnitzeln – gern auch in den Umrissen Deutschlands oder Bayerns. Fast Food als Schmuckstück: Stach zertrümmert hier nicht nur den Bernstein selbst, sondern sein verstaubtes Image gleich mit.

© Gisbert Stach

Schnitzel aus zerstoßenem Bernstein und Silikon: eine Brosche von Gisbert Stach

Destruktion als kreativer Prozess

Und nicht nur Bernstein zertrümmert er: Videos und Fotosequenzen zeigen, wie sich zwei goldene Eheringe in Säure auflösen. Oder auch ein rubinbesetzter Kreuzanhänger. Bei Schmuck stünden Gold oder auch Diamanten für einen "Ewigkeitsanspruch", erklärt Gisbert Stach. "Es gefällt mir gut, solchen Anschauungen entgegen zu arbeiten, vielleicht ist das für mich das Interessante dran."

In einer anderen Werkserie hat Stach jungen Bäumen Perlenketten angelegt. Der Durchmesser der Bäume entspricht ungefähr einem menschlichen Hals. Die Bäume wachsen weiter, der Stamm wird dicker und wächst nach und nach über die Kette hinweg, verschlingt sie geradezu. Die Reaktionen auf die Arbeit waren teilweise heftig, erzählt Stach. Manchen Betrachtern kam die Arbeit offenbar wie ein Angriff auf den menschlichen Körper vor.

Freche Schmuck-Kunst

Ursprünglich ist der gebürtige Freiburger gelernter Silberschmied. Auch seine Silberarbeiten sind frech, zum Beispiel eine Reihe versilberter Kerzenleuchter aus übereinander gestapelten Plastik-Drehverschlüssen. In seinen Experimenten hat Stach jedoch bemerkt: Schmuck löst mehr Gefühle aus. Ein zerquetschter Kerzenleuchter stört niemanden, aber ein in Säure aufgelöster Ehering schon. Beim Schmuck sei das Faszinierende, sagt Stach, dass er immer mit dem Menschen zu tun habe und dass man damit Gefühle auslösen könne. Stach erzählt: "Ich habe zum Beispiel ein Video gemacht, in dem ich einer Frau ganz viele Ketten in einem Schmuckgeschäft angezogen habe und dann werden die Ketten immer mehr und immer mehr und die wird überlastet, die Ketten werden zur Last praktisch."

Überraschung, Humor, Protest, Infrage-Stellen: Das sind die Zutaten, aus denen Stachs Arbeiten bestehen. Wie ein Forscher entlarvt er in seinen Experimenten Symbolik und Funktionsweisen von Schmuck. Das Ergebnis: Die allgemein übliche Vorstellung, Schmuck sei per se etwas Harmloses, ist ziemlich haltlos.

Die Ausstellung "Gisbert Stach. Schmuck und Experiment“ in der Galerie des Bayerischen Kunstgewerbevereins in München läuft vom 1.3. bis zum 19.4.2019.

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