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© Audio: Bayern 2 / Bild: Wolfgang Menardi
Bildrechte: Wolfgang Menardi

Viele Stücke hat Joe Orton leider nicht hinterlassen können - als sein Partner ihn ermordete, war er noch keine 35. Nun wird mal wieder ein Orton-Stück auf die Bühne gebracht: "Was der Butler sah" am Münchner Residenztheater.

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"Aber ich bin hetero!" - Grandioses Gender-Theater in München

Frauen spielen Männer, Männer spielen Frauen, die Brüste sind aus Gummi, der Ort ist eine Psychiatrie und der Inhalt womöglich gar nicht wichtig. Bastian Krafts Resi-Inszenierung von "Was der Butler sah" ist schrille Komödie - und hat doch Tiefgang.

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Von
  • Sven Ricklefs
"Aber ich bin doch heterosexuell!"

Ja, so schnell kann es kommen, dass sich da einer seiner gesellschaftlichen Norm lautstark vergewissern muss, um doch noch zurecht zu rücken, was in der radikalen Rasanz dieser Geschichte längst so verrückt ist, dass es sich eigentlich nicht mehr arrangieren lässt.

"Aber ich bin doch heterosexuell!"
"Ich wünschte, Sie würden nicht mit diesen Renaissanceausdrücken um sich werfen, das schafft Verwirrung."

Doch die Verwirrung, die in diesen Ausschnitten zum Ausdruck kommt, ist gewollt - denn womit der schwule Rebell Joe Orton da Ende der 1960er Jahre auf dem virtuos bespielten Boulevard seiner Klipp-Klapp-Comedy vor allem hantierte, das waren die vermeintlich festgeschriebenen Geschlechterrollen.

Tür auf, Tür zu!

Was Mann, was Frau, was Norm, was Geschlecht ist, wird auf einem gnadenlosen Pointen-Parcours von "Was der Butler sah" durch die bewusst völlig durchgeknallte Handlung einer Verwechslungs-, Überraschungs-, Kleidertausch- und Tür-auf-Tür-zu-Komödie ad absurdum geführt. Dass sich die Handlung dabei auch noch in einer psychiatrischen Klinik abspielt, erweist sich als weiterer Kunstgriff des Autors, die vermeintliche Normalität als die eigentliche Krankheit unserer Gesellschaft bloßzustellen.

© Birgit Hupfeld
Bildrechte: Birgit Hupfeld

Ein sichtbar angefixtes Ensemble - hier Cathrin Störmer, Christian Erdt und Florian von Manteuffel

Und so gibt es viel zu sehen in diesem Stück - auch wenn der titelgebende Butler gar nicht wirklich vorkommt. Doch seine Schlüssellochposition nimmt man als Zuschauer selbst ein, während sich da eine Reihe irrer Figuren vom Psychiater bis zum Hotelboy und von der Ehefrau über den Polizisten bis zur Sekretärin die Türklinke in die Hand gibt, um sich gegenseitig durch den brutalen Fleischwolf dieser perfekten Farce zu drehen.

Wo sich Joe Orton schon geschickt des Gendercrossings bediente, das zu den altbekannten Komödienmitteln gehört, geht Regisseur Bastian Kraft nun im Münchner Marstall noch einen Schritt weiter. Bei ihm werden alle Figuren von Schauspielerinnen und Schauspielern des jeweils anderen Geschlechts gespielt, sodass die Schraube der Überdrehung noch einmal weiter angezogen wird.

Spürbar angefixte Schauspielerinnen und Schauspieler

Und so erlebt man ein sichtbar durch die Herausforderung angefixtes Ensemble, das sich mit Verve in die überspitzten Klischees jener Gesten wirft, die das jeweils andere Geschlecht "normalerweise" so an den Tag zu legen bereit ist. Dass dabei auch viel Gummibrüste zum Wogen und ebensolche männlichen Gliedmaßen zum Schwingen kommen, ist schlicht dem Ortonschen Aberwitz zu verdanken.

Wie in vielen seiner Regiearbeiten begibt sich Bastian Kraft auch nun wieder in "Was der Butler sah" auf jenes schillernde Parkett, wo Geschlechter ihre Eindeutigkeit verlieren, wo Gender durchdekliniert oder ausprobiert wird und Normativität ihre Bedeutung einbüßt. Dass ihm dabei gemeinsam mit seinem Ensemble nun der Tanz auf einer ausgeklügelten Boulevarddramaturgie gelungen ist, beschert München eine schrille Sommerkomödie mit abgründigem Tiefgang.

"Was der Butler sah" - bis Ende Juli noch weitere sechs Mal am Residenztheater München.

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